Antonio Silvestri Kämpfer für Transparenz und klare Regeln

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Antonio Silvestri (Zweiter von links) mit den Medaillengewinnern Denis Kudla (links), Aline Rotter-Focken und Frank Stäbler. Foto: UWW

Antonio Silvestri aus Murr ist der Kampfrichter-Chef der Ringer-Weltverbandes. Bei der Olympia-Gala des DRB in Kleinbottwar traf er das gesamte deutsche Team.

Steinheim-Kleinbottwar - Beim Ringen geht es darum, einen Widerstand zu überwinden, einen Gegner wegzuschieben, umzuwerfen oder auf den Boden zu drücken. Ringer haben es gelernt, sich im Wortsinn durchzusetzen, und das nicht nur auf der Matte. Antonio Silvestri aus Murr kennt den Sport aus ganz verschiedenen Perspektiven – als Sechsjähriger hat er beim ASV Oßweil seine ersten Schritte auf der Matte machte und später unter anderem für den ASV Kornwestheim in der 2. Bundesliga gekämpft, dann wurde er Schiedsrichter. Seit 2015 ist er Kampfrichter-Chef des Ringer-Weltverbandes UWW. Und auch in dieser Funktion erweist sich der 49-Jährige als Kämpfer.

Dazu muss man wissen, dass Ringen jahrelang mit Korruption in Verbindung gebracht wurde. Nicht selten wurden WM-Titel oder Olympiasiege verhökert – gerade im osteuropäischen und asiatischen Raum. Toni Silvestri hat mit Nenad Lalovic, Präsident des Weltverbandes UWW, dafür gesorgt, dass sich grundlegend etwas an diesem Missstand ändert. „Die Strukturen sind jetzt transparenter, die Regeln klarer geworden. Alles ist digitalisiert – und wenn sich ein Kampfrichter nicht an die Vorgaben hält, steht er flugs auf der Abschussliste“, sagt Manfred Werner, Präsident des Deutschen Ringerbundes (DRB). Es war ein mühseliger Weg für Silvestri. „Rund 70 Prozent der vorigen Kampfrichter mussten gehen“, erzählt der gebürtige Italiener.

„Rund 70 Prozent der vorigen Kampfrichter mussten gehen.“

Jetzt will er vor allem den Abend genießen und steht entspannt im Festsaal vom Waldhotel Forsthof in Kleinbottwar bei der Olympia-Gala des DRB. An einem Stehtisch unterhält er sich mit Frank Stäbler, der in Tokio gegen den Georgier Ramaz Zoidze die ersehnte Medaille gewonnen hat. Auch Stäbler hat schon immer gekämpft hat, gegen seinen alten Verein, gegen die Folgen neuer Regeln, gegen die Zeit, gegen seinen eigenen Körper. Jetzt ist er von der internationalen Bühne abgetreten „mit zwei lachenden Augen“ wie er verrät. Seinen Fans wird er als Ringer im Bundesliga-Team der Heilbronner Red Devils zumindest noch für diese Saison erhalten bleiben.

Stäbler und Silvestri verbindet eine gemeinsame Geschichte. Der Ringer erinnert sich, als er 2005 zu seinen ersten Europameisterschaften nach Tirana gereist und von Stuttgart aus mit Silvestri zum Flughafen nach Frankfurt gefahren ist. Der Musberger wurde damals Siebter. Und jetzt war Silvestri als Kampfrichterchef des Ringer-Weltverbandes in Tokio Zeuge von Stäblers epischem Kampf um die Medaille. „Keiner hat sie wohl mehr verdient als Fränkie“, sagt Silvestri. Stäbler wiederum würdigt Silvestris Engagement für das Kampfrichterwesen. „Es gibt noch viel zu tun. Aber er hat einen wichtigen Anfang gemacht“, sagt Stäbler und beschreibt seinen Weggefährten als einen Typen mit „einer dicken Haut, der viel wegstecken kann“ und es sei gut, dass er selbst noch in der Ringer-Bundesliga als Kampfrichter aktiv ist.

Freude über die Erfolgsgeschichte der deutsche Ringer in Tokio.

Auf die Olympischen Spiele hatte sich Antonio Silvestri penibel vorbereitet, auf der „Road to Tokio“ zahlreiche Webinare mit Kampfrichtern und Trainern in den beiden Disziplinen griechisch-römisch und Freistil durchgeführt und auch die deutschen Ringerinnen und Ringer in Regelkunde geschult. Und dann hat er sich natürlich erfreut an der großen Erfolgsgeschichte, welche die kleine Gruppe von sieben Athletinnen und Athleten in der Wettkampfarena geschrieben hat. Der DRB musste lange auf einen Erfolg bei Olympia warten, nun hat er die Tokio-Kämpfe gleich mit drei Medaillen beendet. Denn neben Stäbler errang auch sein Griechisch-Römisch-Teamkollege Denis Kudla eine Bronzemedaille und als Höhepunkt holte die Freistilringerin Aline Rotter-Focken sogar Gold. „Unser Sport hat sich mit attraktiven Kämpfen präsentiert. Medial wurde das ganz hervorragend vermarktet, und die ganze Sportwelt hat sich bei den Ringern versammelt“, sagt Silvestri.

Beruflich ist der erfahrene Kampfrichter seit einigen Jahren als Sachgebietsleiter bei der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft in Ludwigsburg beschäftigt. Er hat drei Kinder, und eine Tochter wagt auch schon die ersten Schritte auf der Matte. „Da muss man aber ganz behutsam vorgehen“, sagt er. Seine Kampfrichter dürfen nicht mit so viel Nachsicht rechnen. Bereits im Oktober bei den Weltmeisterschaften im norwegischen Oslo wird er wieder mit zwei kritischen Augen über deren Arbeit wachen.