Angriff auf Polizisten in Marbach Wenn die Sicherheit mit Füßen getreten wird

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Der Fall wurde an acht Verhandlungstagen unter die Lupe genommen. Foto: Andreas Hennings

Ein Fall aus dem Sommer 2018 macht deutlich, dass die Lage selbst aus nichtigem Grund schnell kippen und außer Kontrolle geraten kann. Ein Polizist war in der Marbacher Fußgängerzone von einer Gruppe junger Erwachsener attackiert worden.

Marbach - Nach besonders intensiven Ereignissen nehme ich den Ort des Geschehens oft anders wahr als noch vorher. Komme ich mal wieder an einer solchen Örtlichkeit vorbei, sehe ich vor meinem geistigen Auge die Bilder von damals und ich muss an beteiligte Menschen denken. In schönen Fällen steigt in mir eine Freude, ja eine Euphorie auf. Bei Unschönem oder gar Tragischem spüre ich, wie meine Magengrube schwer wird. Dann fühlt es sich ein bisschen wie ein Friedhofsbesuch an. Nur ist man eben nicht von einer Mauer umgeben, sondern mitten im Alltagsgeschehen.

Als Redakteur hat man naturgemäß immer wieder mit solchen Ereignissen zu tun. Brände und Unfälle beispielsweise. Notfälle wie diese lassen in mir einen tiefen Respekt vor der Arbeit von Feuerwehrkräften, vom Rettungsdienst und von Polizisten aufkommen. Das ist zwar immer leicht gesagt. Ist man bei genannten Ereignissen aber vor Ort, verankert sich dieser Gedanke immer fester und fester. Sind es doch diese Menschen, die sich in den Dienst der Allgemeinheit stellen und für unser aller Sicherheit sorgen – indem sie teils ihre eigene riskieren.

Werden die Einsatzkräfte dann sogar bewusst angegangen, stellen sich mir die Nackenhaare auf. Womit ich auf den Fall zu sprechen komme, der mich beim Thema Sicherheit nicht losgelassen hat. Denn sie wurde dabei wortwörtlich mit Füßen getreten. Gemeint ist der Fall im Sommer 2018, als eine Gruppe junger Erwachsener in der Marbacher Fußgängerzone einen Polizisten verprügelte. Der hatte mit seiner Kollegin wegen einer nächtlichen Ruhestörung die Personalien aufnehmen wollen, woraufhin ein junger Mann davonrannte, sodass die Situation eskalierte. Die Gruppe schlug auf den Polizisten ein, der den 21-Jährigen festhielt. Sie traten ihn und benutzten sogar seinen Schlagstock.

Ich selbst war bei dem Vorfall in der Julinacht nicht dabei, später aber bei der Verhandlung vor dem Landgericht. Dort wurden der Tatort und die Details des Geschehens von der Richterin derart gründlich unter die Lupe genommen, sodass man als Prozessbeobachter das Gefühl gewann, selbst dabei gewesen zu sein. Wie weit waren der Torturm und die Kronenkreuzung entfernt? Geschah der Vorfall ober- oder unterhalb der Sitzbank und des gegenüber befindlichen Blumenkübels? Wo wurde auf den Polizisten eingeprügelt und wie weit entfernt war währenddessen seine Kollegin? Diese Details machen den oberen Teil der Fußgängerzone für mich ebenfalls zu einem Ort des Geschehens, der bei mir Emotionen weckt. Was auch besonders ist, weil die Fußgängerzone wenige Meter von unserer Redaktion entfernt ist. Fast täglich schlendere ich hier in der Pause, im Sommer schlotze ich hier mit den Kollegen ein Eis.

Besonders eindrücklich war die Aussage des Polizisten vor Gericht. „Ich dachte, jetzt schlagen sie mich tot“, schilderte der damals 39-Jährige. Er musste immer wieder pausieren, weil ihn die Gefühle überwältigten und Tränen flossen. Nachdem er mehrere Sekunden kein Wort herausgebracht hatte, fragte er nach etwas zu trinken. Und nach einem tiefen Schluck aus der Wasserflasche sprach er mit zittriger Stimme von seiner Angst im Moment des Geschehens. Davon, dass er realisierte, machtlos und ausgeliefert zu sein. Dass mindestens zweimal ein metallener Gegenstand seinen Kopf traf – der Schlagstock. Dass er nur noch Schuhe um sich herfliegen sah. Dass er eine Familie hat, an die er, zusammengerollt auf dem Boden liegend, denken musste. Dass er nach dem Vorfall erst nur Schreibtischarbeit verrichten konnte, statt auf Streife zu gehen. Dass er erst deutlich später in den Außendienst zurückkehrte, und das nur tagsüber. „Marbach ist seitdem für mich nur noch ein Ort zum Arbeiten. Ich möchte dort eigentlich niemandem begegnen.“

Auch die 42-jährige Polizistin, die aushilfsweise in Marbach eingesetzt war, nahm der Fall schwer mit. Sie konnte nicht eingreifen, da sie von einem der vier Angeklagten angegangen wurde. „Es war in über 25 Jahren das erste Mal, dass ich Angst hatte.“ Ihren Kollegen habe sie gar nicht mehr sehen können, da er von einem „Menschenhaufen begraben“ war. Erst als sie ihre Pistole zückte und zweimal rief „zurück oder ich schieße!“ habe der Spuk geendet. Die Gruppe rannte durch den Torturm davon. „Ich bin verwitwet und habe drei Kinder zu versorgen. Ich war bereit zu schießen“, machte die Polizistin der Richterin deutlich.

Aussagen, die deutlich machen: Auch in den Uniformen stecken Menschen wie du und ich. Menschen mit Gefühlen, mit Familie. Auch die Ehefrau des Polizisten kam mit dem Fall bis zu Prozessbeginn „überhaupt nicht klar“. Und all die Aussagen vor Gericht zeigen auch: Sicherheit ist leider keine Selbstverständlichkeit. Sie kann schnell schwinden. Geht’s auch nur um eine popelige Ruhestörung. Eine traurige Erkenntnis.

Ach ja: Die vier Angeklagten wurden mit bis zu knapp drei Jahren Gefängnisstrafe bestraft. Die Erinnerung wird länger bleiben. Sicherlich nicht nur bei mir.

Zur Person
Andreas Hennings arbeitet seit Frühjahr 2006 bei der Marbacher Zeitung. Zunächst war der heute 31-Jährige Praktikant, dann freier Mitarbeiter der Sportredaktion. Auch während seines folgenden Studiums. Es folgte das Volontariat, wofür es den gebürtigen Ludwigsburger in den Schwarzwald verschlug. Als Redakteur kehrte er im August 2016 nach Marbach zurück. Dort ist er seitdem sowohl in der Lokalredaktion als auch in der Lokalsportredaktion tätig. Er blickt also mit derselben Spannung auf ein Sportevent wie auf kommunale Themen. Das Berichten über Gerichtsprozesse steht zwar selten auf dem Programm, aber auch die Einzelfälle können dann eben sehr eindrücklich sein.