André Rieu in Stuttgart Applaus für Johann Strauß!

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André Rieu mit den Platin Tenors und Musikern des Johann-Strauß-Orchesters Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Der Geiger André Rieu hat seine Geburtstagstournee in der Stuttgarter Schleyerhalle begonnen. 8500 Besucher hat er gemeinsam mit seinem Johann-Strauß-Orchester zweineinhalb Stunden lang lächeln lassen – und herzhaft lachen, denn Rieu ist ein Entertainer, der sein Publikum zu nehmen weiß.

Stuttgart - Stirnrunzeln auf der bunten Bühne. „Wir kommen aus Holland, wir waren pünktlich“, sagt André Rieu und zieht seine rechte Augenbraue hoch. Wenn sein Gesicht auf einer der zwei Videowände aus der Nähe zu sehen ist, muss man lachen, denn sein rechtes Auge sieht dort rund und riesig groß aus. Das Publikum lacht. Aber immer noch laufen verspätete Zuschauer durch die Gänge, und da man die auf den Platzkarten vermerkten Buchstaben an den Sitzblocks schon weggetragen hat, ist die Verwirrung groß.

Tatsächlich braucht man am Mittwochabend etwa eine halbe Stunde, bis man an der Schleyerhalle das Einlasschaos mitsamt den Sicherheitskontrollen überwunden hat. Die laufen sogar am Flughafen schneller ab, und vielen älteren Besuchern macht das lange Anstehen in der Masse sichtbar Probleme.

Dass jemand davon womöglich schlechte Laune bekam, ist im Saal danach aber nicht zu spüren. Wie könnte das auch sein, wo vorne doch der Gute-Laune-Geiger schlechthin steht? „Stuttgart hat mit das beste Publikum der Welt!“, lobt André Rieu. Er erntet Lachen, Freude, Klatschen. „Sie sind ein extrem musikalisches Publikum“, wird er später einmal bemerken – „und das“, wird er hinzufügen, „sage ich nicht jeden Abend.“

Der Geiger ist ein Charmeur

Natürlich tut er das, und im Saal weiß das jeder. Aber der Geiger, gerade siebzig geworden, ist ein Entertainer, ein Charmeur, der mit allem spielen kann, auch mit Selbstironie. Die braucht er womöglich auch, denn wie schafft man es sonst, 33 Jahre lang die Bühnen der Welt in langen Serien mit Unterhaltungsmusik zu beschallen und jeden Abend wirken zu lassen, als sei er einzigartig?

André Rieu kann das, und er kann es auch schlicht deshalb, weil er es mag. Das spürt man, das ist weit stärker Teil seines Erfolgsrezepts als seine Geigenkunst. Die steht, obwohl Rieu mal ein ernsthafter und ambitionierter klassischer Musiker war, nicht (mehr) zur Debatte.

Bei seinen Shows bekommt man schöne Melodien aus Operette und Musical, dazu Walzer; oft sind es Ohrwürmer. Aber ohne den Mann, der wahlweise seine Geige ans Kinn drückt oder der, das Instrument in der Linken, mit der Rechten dem Orchester den Takt vorgibt, wäre das alles nichts. André Rieu ist ein Profi der Unterhaltung, unvergänglich, ein Thomas Gottschalk der U-Musik, immerfort lächelnd, immer auf ansteckende Weise vergnügt.

Er habe, hat der Geiger in einem Interview mit unserer Zeitung einmal gesagt, „schon immer diesen Hang zur Fröhlichkeit und zu großen Gefühlen gehabt“. Das muss stimmen, denn wäre sein Lächeln nur aufgesetzt, würde das Publikum nicht in so großer Zahl und Heterogenität in seine Konzerte strömen.

In den Reihen sitzen Menschen, deutlich mehr weibliche als männliche, zwischen 18 und (etwa) 88, und sie kommen nicht nur, um mit lachen, mitsingen, mitklatschen und (beim Donauwalzer) mit tanzen zu können. Nein, sie wollen etwas von Rieus Energie abhaben. Und er verschenkt sie großzügig. Offenbar hat er genug davon.

Zwischen Schneewalzer und „Bolero“

Musikalisch bietet der Mittwochabend ein breites Spektrum. Dreivierteltakt gibt es reichlich, beim „Sportpalast-Walzer“ unterstützt das Publikum die markanten vier Pfiffe gerne, zum „Schneewalzer“ regnet es Plastikschnee von oben.

Dass Ravels „Bolero“ hier in einer ziemlich plump verkürzten und am Ende mit Frauenchor angekitschten Version aufgeführt wird – geschenkt. Schließlich gibt, wenn man Rieu glauben darf (und man glaubt ihm an diesem Abend fast alles), einer der weltbesten Perkussionisten zusammen mit seinem Sohn den Rhythmus vor.

Auf der Bühne menschelt es gewaltig, auch beim „Hawa nagila“, das die temperamentvolle Klarinettistin des Orchesters mit einem fast Gershwin-artigen Glissando einleitet und das der dirigierende Geiger immer rasanter vorantreibt. Unter den Solisten, die Rieu zwischendurch präsentiert, sind drei Sänger, die sich Platin Tenors nennen und die mit viel Schmelz, aber auch ein bisschen Mühen bei Tongenauigkeit und Höhe italienische Canzonen schmettern; eine Nachfolgertruppe der Comedian Harmonists beschwört (nicht so homogen und genau wie ihr großes Vorbild) den Lenz, der bald da ist.

Mit mächtig viel Knallbumm

Eine Sopranistin singt Andrew Lloyd Webber („Think of me“ aus „Das Phantom der Oper“), eine andere das schöne „Vilja“-Lied. Das stamme, sagt Rieu, aus Lehárs Operette „Die lustige Witwe von Stuttgart“ („Ist sie etwa hier?“) – da lacht das Publikum so laut, dass es eigentlich ziemlich egal ist, ob die Arie nun gut gesungen wird oder eher nicht.

Hauptsache, es wirkt. Rieu lässt – auch vom Schlagzeug und vom Blech des Orchesters – mit Genuss einen drauf setzen. Die musikalischen Höhepunkte serviert er gerne mit mächtig viel Knallbumm, und farbige Bilder und Videos hinter den Musikern verstärken zusätzlich die großen Emotionen.

Zum Radetzkymarsch am Ende werden bunte Luftballons in den Saal geschossen, die das Publikum mit Lust zum Platzen bringt. Dann gibt’s noch ein Johann-Strauß-Medley, und nach gut zweieinhalb Stunden ist Schluss. 8500 Menschen hat André Rieu ein Stück Glück geschenkt. Stuttgart, meint man, sollte heute ein bisschen heller sein.