Affalterbach/Schwimmen Trainingspensum wie bei einem Halbtagsjob

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Mia Sattelmaier mit ihren Trainingsutensilien im Hallenbad in Waiblingen-Neustadt. Foto:  

Affalterbach - In Innsbruck steht heute alles im Zeichen des Skispringens. Im Rahmen der Vierschanzentournee steht das Bergiselspringen auf dem Programm. Auch die Affalterbacherin Mia Sattelmaier ist im Olympiaort in Tirol. Doch von den Skispringern wird sie wenig zu sehen bekommen. Denn während die meisten Schüler derzeit noch die letzten Ferientage genießen, weilt die zwölfjährige Nachwuchsschwimmerin zum Trainingslager in Tirol. „Dort ist neben dem Schwimmen auch Skilanglauf möglich. Das ist von der Art der Belastung her dem Schwimmen sehr ähnlich“, erklärt Evgenia Litvinenko. Sie ist eine der Trainerinnen, die sich tagtäglich um Mia Sattelmaier kümmern.

Denn der Trainingsplan der Gymnasiastin enthält keine Lücken. Sieben Tage in der Woche ist sie im Wasser, an Samstagen sogar zweimal. Da beginnt das erste Training morgens um 7.30 Uhr im Stuttgarter Inselbad (unter einer Traglufthalle) und endet um 20 Uhr im Hallenbad in Waiblingen-Neustadt. Dazwischen verbringt die Affalterbacherin noch eine Stunde im Kraftraum. Alles zusammengerechnet kommen pro Woche etwa 20 Stunden zusammen, also quasi eine Halbtagsstelle. „Mia ist sehr ehrgeizig. Sie weiß, was sie will und was sie kann. Ihr Brust-Beinschlag ist sehr gut“, erklärt Litvinenko. Der Ehrgeiz und der Wille seien Grundvoraussetzung für Leistungsschwimmer. Der oft zitierte Satz „Harte Arbeit schlägt Talent, wenn das Talent nicht hart arbeitet“, er stimmt hier ganz besonders. „Schwimmen ist ähnlich wie Turnen. Beide Sportarten sind koordinativ sehr anspruchsvoll und man muss in beiden schon sehr früh sehr viel trainieren, um wirklich gut zu werden“, sagt Litvinenko und fügt hinzu: „Wenn du im Schwimmen mit 15 Jahren nicht gut bist, dann wirst du es auch nicht mehr. Ein Boxer kann mit 15 anfangen und dann noch Olympiasieger werden.“

Mia Sattelmaier ist mit ihren zwölf Jahren definitiv schon sehr gut, gehört zum D4-Kader, der höchsten Stufe, die es in ihrer Altersklasse gibt. Württembergische Meistertitel nimmt sie fast schon im Vorbeigehen mit, inzwischen sind Süddeutsche und Deutsche Meisterschaften im Fokus der für den VfL Waiblingen startenden Affalterbacherin. „Ein Platz auf dem Podium bei den Deutschen ist mein Ziel“, erklärt sie, „bevorzugt auf den Bruststrecken“. Ihre jetzige Paradedisziplin mochte sie anfangs eigentlich gar nicht so sehr. „Mittlerweile ist es aber meine Lieblingslage.“ Und obwohl Mia Sattelmaier sich immer nur auf den nächsten Wettkampf fokussiert, gibt es doch ein ganz großes Fernziel: „Ein Traum wäre es, mal bei Olympischen Spielen zu starten.“

Dafür opfert sie viel – vor allem Zeit. Außerhalb der Ferien ist der Tag extrem durchgeplant. Nach der Schule geht es kurz nach Hause, dann zum Training. „Meine Schulkameradinnen fragen schon gar nicht mehr, ob ich nachmittags Zeit habe“, sagt sie lächelnd. „Mein engster Freundeskreis ist daher auch hier beim Schwimmen.“ Neben dem Stuttgarter Inselbad und dem Hallenbad in Neustadt hat sie übrigens eine weitere Trainingsstätte: das Wunnebad in Winnenden. Dort wird auch jetzt im Winter unter freiem Himmel geschwommen – bei Schnee, Regen, Wind und Wetter. „Am Anfang merkt man das noch gar nicht so. Aber zum Ende des Trainings wird es dann schon richtig kalt“, gibt Mia Sattelmaier zu.

Die ganze Familie ist in die Trainingsplanung mit eingebunden, vor allem natürlich als „Taxi“, Hausaufgaben macht sie meist im Auto, auch gegessen wird oft während der Fahrten. Außerdem gibt es ja noch Mias jüngere Schwester Melina. Auch sie schwimmt, „aber nicht so leistungsorientiert. Sie trainiert nur viermal pro Woche“, sagt Vater Jens Sattelmaier. In den meisten anderen Sportarten ist man mit diesem Trainingspensum in diesem Alter im Hochleistungsbereich. Dass der Sport bereits in so jungen Jahren einen so großen Raum einnimmt, wird im Umfeld teilweise kritisch gesehen. „Da gibt es viele Leute, die das überhaupt nicht nachvollziehen können“, räumt Jens Sattelmaier ein. „Aber es gibt auch welche, die voll dahinterstehen“, ergänzt er und berichtet beispielhaft von Mias zwölftem Geburtstag: „Da waren württembergische Meisterschaften. Für uns war völlig klar, dass sie da startet. Einige Bekannte konnten das überhaupt nicht verstehen. Aber der feste Kern kam dann eben mit Kuchen ins Schwimmbad, hat Mia angefeuert und danach mit ihr auf der Tribüne gefeiert.“

Schule, Training und Wettkämpfe unter einen Hut zu bekommen, wird immer schwerer. Es gäbe die Möglichkeit, auf ein Sportgymnasium in Stuttgart zu wechseln. Das Internat gibt es dort zwar nicht mehr, die täglichen Fahrten würden also bleiben. „Aber sie könnte morgens noch vor der Schule trainieren, würde nach dem Unterricht direkt ins Schwimmbad rübergehen und abends nach dem Training nach Hause fahren“, erklärt Vater Jens Sattelmaier. „Doch im Moment möchten wir sie noch in ihrer gewohnten Umgebung lassen.“

Dass der Sport einen so hohen Stellenwert einnimmt, ist in der Familie Sattelmaier nichts Besonderes. Schließlich ist Mias Onkel Rouven als Fußball-Profi bei Darmstadt 98 unter Vertrag (derzeit allerdings mit einem Kreuzbandriss außer Gefecht). Und auch Jens Sattelmaier hat früher Fußball gespielt, bis ein Kreuzbandriss frühzeitig die Laufbahn beendete. „Bei meinen Töchtern dachte ich ja, dass sie irgendwann mal Handball spielen oder etwas in der Art. Aber wie das so ist: Man bringt seinen Kindern das Laufen, das Radfahren und das Schwimmen bei – beim Schwimmen sind sie dann hängengeblieben.“ Dabei ist Mia Sattelmaier erst relativ spät auf den Zug zum Leistungssport aufgesprungen. Bei den Bezirksmeisterschaften im Jahr 2015 landete sie auf Platz 18. Doch bei der Siegerehrung sagte sie zu ihrem Vater: „Da oben möchte ich auch stehen!“ Da sei ihm dann klar gewesen, „dass es von ihr kommt. Anders geht es auch nicht. Man kann niemanden dazu zwingen, etwas so intensiv und so gut zu machen.“ Zumal man im Schwimmen nur selten berühmt und noch seltener reich wird. „Finanziell gibt es kaum Unterstützung. Die Krise im Deutschen Schwimm-Verband ist ja kürzlich erst wieder durch die Medien gegangen“, sagt Jens Sattelmaier.

Natürlich gibt es auch Tage, an denen sich die Vorfreude auf das Training bei Mia Sattelmaier in Grenzen hält. „Aber ich bin diszipliniert und ehrgeizig genug, dass ich es dann trotzdem durchziehe“, sagt die Zwölfjährige. Denn wie bereits erwähnt: Talent ist das eine im Schwimmen. Aber ohne harte Arbeit geht gar nichts.

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