2. MZ-Talk Blick in Zukunft bereitet Magengrummeln

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75 Minuten lang haben sich die Gesprächspartner über die Situation im Bildungsbereich unterhalten. Foto: Andreas Hennings

Die Schulen und Kindergärten durchleben eine besonders herausfordernde Zeit.

Marbach/Bottwartal - Nachdem Schulen und Kindergärten Corona-bedingt geschlossen waren, wird ihr Betrieb allmählich wieder hochgefahren. Am Mittwoch wurde das Deutsch-Abitur geschrieben. Wann Normalität einkehrt, ist jedoch nicht absehbar. Dass das die Einrichtungen und alle Beteiligten vor große Herausforderungen stellt, ist beim zweiten MZ-Talk am Dienstagabend deutlich geworden, bei dem das Thema Bildung und Betreuung im Mittelpunkt stand. An der Runde mit Karin Götz, Leiterin der Lokalredaktion unserer Zeitung, nahmen teil: Christine Klotz als Kinderhausleiterin in Steinheim, Anja Wild als Gesamtelternbeiratsvorsitzende in Marbach, Jochen Bär als Rektor des Herzog-Christoph-Gymnasiums in Beilstein, der CDU-Landtagsabgeordnete Fabian Gramling und Ulrich Hammerle als Vorsitzender des TSG Steinheim.

Von einer „gruseligen Atmosphäre“ spricht Rektor Bär, jetzt, wo 85 Schüler wieder an seiner Schule sind. Die Kinder verhielten sich anders, trauten sich teils selbst im Unterricht nicht zu sprechen. „Es sind alle verunsichert“, so der Schulleiter, weshalb sich auch nach zwei Wochen alles komisch anfühle. Es gebe keine Aufenthaltsräume für die Pause, stattdessen werde im Klassenraum gelüftet. „Alles läuft aber sehr diszipliniert ab“, kann Jochen Bär durchatmen. Dass die Zeit für die Schüler herausfordernd ist, bekommt auch Anja Wild mit, deren Tochter Abitur schreibt. Manche Schüler profitierten aber auch. „Wir hatten das Glück, dass all der Stoff bis März unterrichtet wurde. So konnte jeder zuhause in seinem Tempo lernen und die Zeit intensiv nutzen, auch wenn das Training mit schriftlichen Klausuren natürlich fehlte.“ Die Eltern in der Kursstufe  2 seien auch allesamt entspannt gewesen. Schwieriger sei die Situation für die jüngeren Schüler, die sich auf der weiterführenden Schule noch nicht als Gemeinschaft gefunden hätten und auf eine Bezugsperson angewiesen seien.

Bei der Frage, inwieweit Homeschooling zukunftsfähig ist, hat Jochen Bär eine klare Haltung. „Es gibt Gewinner, das stimmt. Für mich hat das aber wenig mit Unterricht zu tun. Auch für viele Schüler ist das eher eine Beschäftigungstherapie. Ein Lehrender gehört einfach dazu.“ Was sich auch daran zeige, dass sich die Fernuniversität Hagen seit Jahrzehnten nicht so richtig durchsetzen könne.

Laut wurde im rund 75-minütigen Gespräch von Schul- und Kindergarten-Seite Kritik, dass Verordnungen der Politik die Einrichtungen oft sehr kurzfristig erreichen. Teilweise samstags, auch wenn sie schon ab Montag gültig sind. Zudem sei die Presse früher informiert als die Bildungs- und Betreuungshäuser selbst. „Da hat man das Gefühl, bei einem kommt alles verzögert an“, klagt Christine Klotz, die sich auch darüber ärgert, dass die Zukunft des Fußballs in der Tagesschau öfter Thema sei als die von Kindergärten. Zur Folge habe die Kurzfristigkeit, dass man Gedanken, die man sich gemacht habe, „in den Papierkorb“ werfen muss, was bei ihr und ihren Kolleginnen eine Art Ohnmacht auslöse. Auch aus Sicht von Politiker Fabian Gramling kommen die Verordnungen „leider viel zu spät“. Das ärgere ihn und sei auch den Bürgermeistern ein Dorn im Auge. Es brauche aber die Zustimmung der Ministerien, die nicht früher grünes Licht geben könnten. „Auch sonst ist ja alles sehr dynamisch in diesen Tagen“, so Gramling. In der Summe könne man dank der kreativen Lösungen in den Einrichtungen vor Ort dennoch zufrieden sein.

Solche fand auch das Kinderhaus Steinheim, in dem zehn Kinder die Notbetreuung in Anspruch nehmen. Hier gibt es eine Zaunsprechstunde, bei der sich Eltern und Kinder über den Zaun hinweg mit den Betreuern unterhalten können. Manche Eltern nehmen davon aber wiederum bewusst Abstand. „Das weckt bei den Kindern natürlich Begehrlichkeiten, weshalb viele von ihnen dann zuhause heulen“, hat Christine Klotz erfahren, die von einer „total herausfordernden“ Situation spricht. So seien die Stühle beim Essen auf Abstand, aber beim Spielen können man ja nicht als Schiedsrichter dazwischengehen. „Und nächste Woche kommt mit der erweiterten Notbetreuung noch das Fiebermessen hinzu.“

Sowieso blicken die Beteiligten mit Magengrummeln in die Zukunft. Ob das Schul- und Kindergartenjahr 2020/21 normal laufen wird, wagt auch Fabian Gramling nicht vorherzusagen – auch wenn Ziel sei, an Schulen schnellstmöglich zum Präsenzunterricht zurückzukehren. Jochen Bär macht deutlich: „Ich erwarte da auf jeden Fall ein Konzept. Es darf keine Insellösungen der Schulleiter mehr geben.“

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