130 Jahre elektrischer Stuhl Die Mär von der humanen Todesstrafe

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Historische Darstellung einer Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl Foto: Imago/United Archives International

Es sollte eine moderne, schmerzlose Art des Vollzugs der Todesstrafe sein. Am 6. August 1890 stirbt erstmals ein Mensch auf dem elektrischen Stuhl, doch die Hinrichtung gerät zum Desaster.

New York - Die „New York Times“ spricht von einer „Schande für die Zivilisation“. Kein verurteilter Mörder der Neuzeit habe so leiden müssen wie William Kemmler. Denn der deutschstämmige Hausierer, der seine Freundin im Suff mit einer Axt erschlagen hatte, ist der erste Mensch, der auf dem elektrischen Stuhl landet – und seine Hinrichtung am 6. August 1890 im Gefängnis von Auburn im US-Bundesstaat New York führt zum Desaster. Dabei war der elektrische Stuhl als eine schnelle, schmerzfreie, humanere Hinrichtungsmethode gedacht, sollte der Welt demonstrieren, wie fortschrittlich die USA selbst bei Exekutionen sind. Vorbei die Zeiten, in denen Menschen vor einer johlenden Menge aufgeknüpft werden. So zumindest der Gedanke.

Auf die Idee, Häftlinge mit Strom zu töten, war der Zahnarzt Alfred P. Southwick gekommen. 1881 wurde er Zeuge, wie ein Betrunkener an einen Generator griff und augenblicklich starb. Er wandte sich an Thomas Alva Edison um Unterstützung. Der Gleichstrom-Pionier, bis dato ein Gegner der Todesstrafe, sah eine Chance, seinem Konkurrenten George Westinghouse zu schaden, der anders als Edison auf Wechselstrom setzte. Um zu demonstrieren, wie gefährlich der Wechselstrom ist, ließ Edison vor Publikum Hunde, Pferde, Kälber und sogar einen Elefanten mit Stromstößen töten. In seinem Bemühen, Wechselstrom im Bewusstsein der Öffentlichkeit mit der Todesstrafe zu verbinden, ging Edison so weit, vorzuschlagen, als Synonym für eine Hinrichtung mit dem elektrischen Stuhl den Ausdruck „to westinghouse“ zu verwenden.

Der Henker jagt 70 Sekunden lang Strom durch den Körper des Delinquenten

Westinghouse tobte und besorgte Kemmler einen guten Strafverteidiger, der die Hinrichtung durch Strom vor Gericht als unmenschlich anprangerte. Kemmler rettete das nicht. „Nehmt euch ruhig Zeit. Macht es ordentlich. Ich bin nicht in Eile. Ich möchte kein Risiko mit diesem Ding eingehen“, sagte er zu einem Wärter, bevor 17 Sekunden lang 1000 Volt durch seinen Körper flossen.

„Meine Herren, von heute an leben wir in einer höheren Zivilisation“, verkündete Erfinder Southwick vor dem rauchenden Körper Kemmlers. Das Problem war nur, dass der noch gar nicht tot war. Ein zweiter Durchgang war nötig, doch der Generator musste erst wieder aufgeladen werden. Dann jagte der Henker 70 Sekunden lang 2000 Volt durch Kemmlers Körper. Das Ergebnis war der blanke Horror: Die Blutgefäße des 30-Jährigen platzten, es roch nach verbranntem Fleisch, einige Zeugen wollen sogar gesehen haben, wie Flammen aus Kemmlers Körper schlugen. Oder um einen Reporter vor Ort zu zitieren: „Kemmler wurde buchstäblich zu Tode geröstet.“Als Westinghouse vom grausamen Ende des Axtmörders aus Buffalo erfuhr, sagte er: „Sie hätten es besser mit einer Axt machen sollen.“

Neun US-Bundesstaaten nutzen noch den Elektrischen Stuhl

Am Siegeszug des elektrischen Stuhls ändert das qualvolle Ende Kemmlers nichts. Mehr als die Hälfte der US-Bundesstaaten führt die neue Exekutionsmethode ein. Rund 4000 Menschen folgen Kemmler auf den elektrischen Stuhl, der, obwohl es auch später zu Zwischenfällen kommt, zum Symbol für die Todesstrafe wurde.

Inzwischen hat „Old Sparky“ ausgedient. Nur noch in neun US-Bundesstaaten ist er in Gebrauch – meist als Ersatz für die Giftspritze. Die bislang letzte Hinrichtung mit dem elektrischen Stuhl erfolgte im Februar 2020 in Tennessee. Dort wurde der Vierfachmörder Nicholas Sutton auf eigenen Wunsch per Stromschlag getötet.

Allerdings könnte der elektrische Stuhl eine Rückkehr feiern, weil sich Pharma-Hersteller weigern, die für eine Giftspritze nötigen Substanzen zu liefern. Neue Mittel wurden ausprobiert, mit grässlichen Folgen wie 2014 im Falle von Joseph Wood, dessen Todeskampf statt weniger Minuten zwei Stunden dauerte. Das weckte Zweifel an der Giftspritze und rückte den elektrischen Stuhl wieder in den Blickpunkt. Dabei hatte 2008 das Oberste Gericht von Nevada festgestellt, dass die Tötung durch Strom qualvolles Leiden verursache und erklärt: „Es ist das Kennzeichen einer zivilisierten Gesellschaft, dass wir Grausamkeit bestrafen, ohne sie selbst anzuwenden.“ Eine Einsicht, die 130 Jahre zu spät kommt.