Die Bürger bangen um die einzige Drogerie
Die Schlecker-Filiale in Murr ist von der Schließung ebenso bedroht wie viele andere.
Schaewen
Behutsam tastet sich die ältere Dame mit dem Krückstock über den Murrer Dorfplatz. Ob sie auf den Drogeriemarkt verzichten könne? „Nein, wo soll ich denn sonst meine Sachen kaufen“, sagt sie. Die nächste Drogerie liegt in zwei Kilometer Entfernung.
Als gehbehinderte Fußgängerin sei sie auf den Standort im Murrer Ortszentrum angewiesen. Andere Passanten bestätigen die wichtige Funktion der Schlecker-Filiale. Das Zusammenspiel mit dem Bäcker, dem kleinen Norma-Supermarkt, dem Metzger und der Apotheke sowie einer Arztpraxis haben in der Gemeinde jahrzehntelang funktioniert. Wer seinen täglichen Bedarf decken will, kommt in Murr klar, zumal Aldi und Lidl im Gewerbegebiet Filialen unterhalten. Sollte jedoch eine Drogerie fehlen, wäre eine Bresche geschlagen, die den gesamten Dorfplatz betreffen könnte. Das Angebot vor Ort stärken _ das ist auch Sicht von Andreas Ruckwied, Mitarbeiter bei der Bäckerei Hofmann am Dorfplatz, wichtig. Nur wenn das Angebot vor der eigenen Haustüre stimme, könne man dem Trend entgegenwirken, dass die Verbraucher zum Großeinkauf in andere Standorte abwandern.Der Bürgermeister Manfred Hollenbach sorgt sich ebenfalls um den Fortbestand der Drogeriefiliale. Er hatte sich vor 20 Jahren um die Ansiedlung des Schlecker-Marktes bemüht. „Es ist für uns eine ganz wichtige Säule, um die Ortsmitte zu beleben“, sagt der dienstälteste Bürgermeister im Ländle. Schlecker sei ein Unternehmen, das bei der Größe der angemieteten Ladenlokale nicht die Ansprüche stelle, wie andere Drogerie- und Supermarktketten. Die Murrer Bürger seien mit dem Angebot in dem 200 Quadratmeter großen Ladenzufrieden gewesen. Die flexiblen Beschäftigungsverhältnisse seien den Mitarbeitern entgegengekommen. „Sie haben sich nie bei mir beschwert.“ Ob Schlecker die Filiale in Murr schließt, ist für den Bürgermeister derzeit ebenso unklar wie für alle anderen Kommunen, die mit dem Unternehmen zu tun haben. Es müssten zunächst die Grundregeln für die Insolvenz aufgestellt werden. Deshalb warte die Gemeinde als Vermieterin des Ladens erst einmal zu. Auf der Jagd nach Originaltönen rund um die Schlecker-Filiale war gestern auch ein Team des SWR-Fernsehens. Der Redakteur Bodo Klink will im landespolitischen Magazin„Zur Sache Baden-Württemberg“ anhand der Filiale in Murr zeigen, was der Verlust einer Drogerie-Filiale im ländlichen Raum für Folgen nach sich zieht. Seine Erfahrung am Ende eines langen Drehtages: „Sollte Schlecker schließen, stirbt für die Leute ein Teil der Gemeinde.“ Die Zusammenarbeit mit Schlecker gestaltet sich auch für das Fernsehteam nicht einfach. „Das Unternehmen kommuniziert nur über eine Düsseldorfer PR-Agentur“, erzählt Bodo Klink. Von der Agentur habe der SWR nur ein Standardfax als Antwort auf die Presseanfrage bekommen. Ein solches Vorgehen passe zu dem Image, das das Unternehmen in der Öffentlichkeit habe. Unter dem Titel „Schlecker: For You. Vor Ort. Vorbei? Die Schlecker-Insolvenz sorgt in Murr für große Aufregung“ wird heute Abend um 20.15 Uhr das SWR-Fernsehen in seiner Sendung „Zur Sache Baden-Württemberg!?“ berichten.
Von Oliver von Schaewen
26.01.2012 - aktualisiert: 26.01.2012 15:25 Uhr