Gemmrigheim/Kirchheim Die Nachbarn des Neckarwestheimer Kernkraftwerks ärgern sich über die geplante Verlängerung der Laufzeiten. Ihre Motive sind unterschiedlich, die Sorgen teilweise dieselben.
Frau Merkel hat die energiepolitische Revolution ausgerufen. Das heißt, das Kernkraftwerk vor Ihrer Haustür wird bis mindestens 2036 laufen. Rufen Sie auch zur Revolution auf, Herr Seibold?
Uwe Seibold Nein, aber wir sind nicht wirklich glücklich über diesen Beschluss. Wir sind der Meinung, dass die Kernenergie nicht zukunftsorientiert ist und viele Gefahrenpotenziale birgt. Und wenn die Damen und Herren in Berlin schon die Laufzeiten verlängern, dann sollten sie auch gleich klären, wo der Müll hinkommt.
Monika Chef Da stimme ich Ihnen zu. Die Regierung hat sich leider auf den kleinsten gemeinsamen Nenner beschränkt. Für mich wäre die Beantwortung der Endlagerfrage viel wichtiger gewesen.
Die Verlängerung selbst ärgert Sie nicht?
Chef Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Mir ist es wichtig, dass die Beschäftigten jetzt wissen, wie es weitergeht. Auch die Geschäfte in den umliegenden Kommunen haben nun eine bessere Perspektive. Und ich kann mit der Verlängerung auch deshalb leben, weil ich die Kerntechnologie als Brückentechnologie wichtig finde. Für mich ist nicht erkennbar, wie das reguläre Abschalten von Block I des Neckarwestheimer Kraftwerks kompensiert hätte werden können. Die erneuerbaren Energien sind einfach noch nicht so weit.
Seibold Da stellt sich die Frage, ob die Energiekonzerne diese Entwicklung nicht bewusst blockiert haben. Sie haben im Jahr 2000 zwar den Atomkonses unterzeichnet, aber wohl in der Hoffnung, dass Rot-Grün mal zu Ende geht und dann der Ausstieg aus dem Ausstieg kommt.
Vor vier Jahren wurde in Gemmrigheim das zentrale Zwischenlager eingerichtet, um damit die Castor-Transporte zu vermeiden. Jetzt ist gar nicht mehr sicher, ob der Platz darin noch reicht - und nicht doch wieder Fahrten mit Atommüll nötig werden. Fühlen Sie sich veräppelt?
Chef Ich habe die große Sorge, dass der Platz im Zwischenlager nicht ausreicht, wenn Block II des GKN bis mindestens zum Jahr 2036 in Betrieb ist. Dann werden wieder Transporte nötig sein.
Dass das Zwischenlager zu einem Endlager wird, befürchten Sie nicht?
Chef Fakt ist: eine Erweiterung ist baurechtlich und bautechnisch gar nicht möglich. Und man wird es auch mit irgendwelchen Gesetzesänderungen nicht hinkriegen, aus dem Zwischenlager ein Endlager zu machen.
Seibold Wobei auch 2036 das Zwischenlager nicht plötzlich verschwindet. Die Brennelemente müssen noch 40 Jahre abklingen. Es sind also noch mindestens 66 Jahre, in denen quasi vor unserer Haustür Atommüll lagert. Das ist doch keine Perspektive für jemanden, der hier wohnt.
Sie könnten sich einer Klage anschließen, die manche zurzeit erwägen.
Seibold Von kommunaler Seite kann ich mir das nicht vorstellen, ich denke aber auch nicht, dass eine solche Klage der Gemeinde Kirchheim von Erfolg gekrönt wäre. Außerdem wird es schon mit Blick auf die Frage der Bundesratsbeteiligung noch genügend andere juristische Probleme geben - der neue Beschluss ist noch lange nicht in trockenen Tüchern.
Die FDP, die die Laufzeitenverlängerung mit ausgeklügelt hat, ist Ihre Partei, Frau Chef. Sind Sie erschüttert?
Chef Ich habe meinen Kollegen schon persönlich gesagt, dass ich es nicht gut finde, wenn man sich auf einen Kompromiss einlässt, der nur einen Teil der Fragen beantwortet. Andererseits kann ich meine Kollegen in Berlin auch verstehen: Sie regieren in einer Koalition und sind dabei der kleinste der drei Partner.
Fühlen Sie sich beim Thema Kernkraft und Atomstrom befangen?
Chef Überhaupt nicht. Ich habe meine Einstellung zum GKN schon geäußert, als ich noch kein Mitglied der FDP war. Als Bürgermeisterin urteile ich mit gesundem Menschenverstand.
Als solche freuen Sie sich an den üppigen Gewerbesteuern, die das GKN Ihrer Gemeinde beschert, oder?
Chef Das hat sich stark gewandelt, seit die EnBW ihre Konzernstruktur und damit auch die Berechnung der Gewerbesteuer verändert hat. Doch unabhängig davon ist es mir wichtig, mit allen Arbeitgebern im Ort und der Nachbarschaft einen guten Kontakt zu haben. Schon allein wegen der Arbeitsplätze.
Kirchheim hat von dort nie Gewerbesteuer erhalten. Hätten Sie sonst eine weniger kritische Einstellung?
Seibold Das kann ich mir nicht vorstellen. Aber natürlich ist das GKN auch für Kirchheimer Bürger und Betriebe ein Wirtschaftsfaktor.
Wird Kirchheim nun wieder von einer Protestwelle überrollt, so wie im Frühjahr, als noch nicht sicher war, ob die Laufzeitverlängerung tatsächlich kommt?
Seibold Bei uns ist das Meinungsbild schon immer gespalten gewesen. Nicht jeder steht dem Kernkraftwerk furchtbar kritisch gegenüber. Aber trotzdem wird es bestimmt wieder Proteste im Ort geben - und man sieht Kirchheim abends wieder öfter in der Tagesschau.
Und auch ein paar Gemmrigheimer?
Chef Bestimmt. Wobei die Widerständler auch in Gemmrigheim nicht die Masse ausmachen. Es gibt viele Leute, die dort arbeiten - und sich nun wahrscheinlich freuen, dass ihre Arbeitsplätze gesichert sind.
Glauben Sie, Sie erleben den Ausstieg noch?
Seibold Gerne! Aber ich bin misstrauisch: Wenn es jetzt wirklich um einen Übergang ginge, warum setzt man den nicht stufenweise um. Warum lässt man beispielsweise nicht nur die fünf, sechs modernsten Meiler am Netz, also die, die man für den Wirtschaftsstandort wirklich braucht. Und indem man die Laufzeit an die Produktion der Strommenge koppelt, begibt man sich schon wieder in die Hand der Energiekonzerne. Man wird zum Spielball.
Chef Es liegt auch an jedem Einzelnen, Energie zu sparen. Wenn es etwa darum geht, Häuser zu sanieren, wird viel zu wenig auf Energieeffizienz geschaut. Der Mut, vielleicht auch mal ein Passivenergiehaus zu bauen, ist leider noch sehr gering. Bevor die Menschen über höhere Strompreise schimpfen oder Laufzeitverlängerungen, sollten sie an ihrem eigenen Verhalten etwas ändern.
Woher kommt der Strom in Ihrem Rathaus?
Seibold Unser Strom wird aus Wasserkraft erzeugt. Einen Teil beziehen wir von der EnBW-Tochter Zeag, einen Teil von den Bietigheimer Stadtwerken.
Chef Wir beziehen von der EnBW einen Mix aus Wasser-, Sonnen- und Atomstrom.
Das Gespräch führte Verena Mayer.
09.09.2010 - aktualisiert: 09.09.2010 06:09 Uhr
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