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Im Gummianzug über die Wehre gerobbt

Ludwigsburg Zwei Flüsse im Kreis dienen Langstreckensportlern als rustikaler Ausdauer- und Härtetest. Im Winter und neuerdings auch im Sommer stürzen sich Wagemutige beim Neckarschwimmen in meist bitterkaltes und nicht eben quellreines Nass. Von Christhard Henning
 

In Südamerika gibt es Sportler, die 81 Kilometer amazonasabwärts schwimmen. Weniger wegen der Piranhas als vielmehr wegen der Strömung schaffen sie diese Distanz in zehn Stunden. Der Slowene Martin Strel krault zuweilen 5430 Kilometer in 66 Tagen und schwimmt dabei in dem Fluss, einem der längsten der Erde, von der Quelle bis zur Mündung hinab.

In Neckar und Enz sieht man solche Höchstleistungen nicht. Schwimmen ist dort grundsätzlich verboten, was so zu verstehen ist wie der Hinweis auf vielen öffentlichen Brunnen: "Kein Trinkwasser". Thomas Schönauer, Gesundheitsdezernent im Ludwigsburger Landratsamt, bezeichnet die Wasserqualität von Neckar und Enz als "recht gut". Gleichwohl steige jeder Schwimmer beim Eintauchen in die beiden Flüsse keineswegs in einen Quell vollkommener Reinheit, sondern in Fluten, die größtenteils ein Klärwerk durchlaufen haben. Und weil diese Anlagen Krankheitserreger nicht eleminieren, schwirren im Neckar Salmonellen, Durchfallviren oder Gelbsuchterreger herum - "hochproblematische Stoffe", warnt Schönauer. Seine Einschätzung daher: "Hindern kann ich niemand am Bad im Neckar, aber unsere Badeseen sind zum Schwimmen geeigneter."

Nun, ein Fluss aber hat Strömungen und bietet kleine Abenteuer für große Helden. Und so bittet die Ortsgruppe Ludwigsburg/Remseck der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) jeden Januar die Froschmänner am Remsecker Hechtkopf ins Wasser. Und beim sommerlichen Neckarschwimmen unterhalb der Poppenweiler Schleuse pflügt seit zwei Jahren eine wachsende Anzahl von Weiblein und Männlein über eine 1,7 Kilometer lange Strecke - in 19 oder in 90 Minuten. Freilich nicht ohne zuvor registriert zu haben, dass die dabei in Kauf genommenen gesundheitlichen Risiken ihre Privatangelegenheit ist.

Das DLRG-Winterschwimmen findet 2011 zum 50. Mal statt, versammelt im Schnitt 150 Teilnehmer und gilt selbst bei einer Gruppe von Hardcore-Langstreckenschwimmern aus Weimar als Härtetest. Die Gaudi ist perfekt, wenn wie anno 2009 Eisschollen auf dem Fluss treiben und die Schwimmer alle Künste der Wärmegewinnung aufbieten müssen, um heil über die 3422 Meter lange Distanz von Remseck bis ins Schießtäle zu gelangen. Dickwandige Taucheranzüge, Hauben, Brillen, Füßlinge oder Flossen und Handschuhe hielten damals das Nass, dessen Temperatur kaum über dem Gefrierpunkt lag, so gut wie möglich auf Distanz. Es gab aber auch schon warme Winter, in denen der Neckar acht Grad bot und einige Unerschrockene ohne Wärmeanzug ins Wasser hechteten.

Ursprünglich, von 1961 bis 1979, hüpften die Froschmänner nicht in den Neckar, sondern bei Oberriexingen in die Enz und kraulten bis Bietigheim. Nach den Erzählungen von Adolf Gast, der lange technische Leiter bei der DLRG-Ortsgruppe war und heute noch Kinder das Schwimmen lehrt, muss es dabei eine Spur rustikaler zugegangen sein. Bis zu acht Kilometer legten die Winterschwimmer damals zurück. Die Wehre in der Enz überwanden sie teils bäuchlings in eigens zusammengeklebten Gummianzügen, die sie sich aus den USA besorgt hatten. Der Ortswechsel wurde notwendig, weil der längste Nebenfluss des Neckars zu arg mit Bakterien überfrachtet war und das Gesundheitsamt das Event untersagt habe, schildert Adolf Gast.

Derartige behördliche Bedenken sind aus noch weiter zurückliegenden Zeiten unbekannt, obwohl sie wahrscheinlich durchaus angebracht gewesen wären. Die Schwimmer des SV 08 Ludwigsburg stählten ihre Trizepse bis in die 30erJahre des vergangenen Jahrhunderts mangels eines adäquaten Freibeckens ebenfalls im Neckar. Zwei Holzstege im Wasser begrenzten eine 50-Meter-Bahn. In den Gründungsjahren des Vereins begnügten sich Sportler wie Badegäste mit notdürftig gezimmerten Garderoben, bevor sie 1911 die damalige Militärschwimmschule oberhalb der Neckarbrücke erwarben. Ein verheerendes Hochwasser am 24. Dezember 1919 freilich riss bis auf eine danach einsturzgefährdete Hütte die Anlage mit sich fort.

Ein Sorgenkind blieb der Neckar für die Schwimmer, auch wenn die Vereinsmitglieder emsig an dem Freizeitgelände werkelten. Bald nannten sie einen Umkleidetrakt mit Wartehalle im schmucken Landhausstil ihr Eigen, während am Ufer eine Tribüne und ein Sprungbrett die Attraktivität des Freibads steigerte. Indes: beeinträchtigt war das Vergnügen, so ist in der 50-Jahr-Chronik des Vereins zu lesen, weil man immer noch "auf das damals schon recht schmutzige Neckarwasser" angewiesen war. 1931 schließlich war das Neckarschwimmen passé: Ein Becken mit der etwas kuriosen Bahnenlänge von 33,3 Metern wurde eingeweiht. Ein freiwilliger Arbeitsdienst baute zu dem heute noch abgelegenen Terrain eine Zufahrtsstraße. Zuvor hatten die Mitglieder die Idee verworfen, die Besucher auf der Neckarweihinger Seite des Neckars zum Bad zu lotsen und dann mit Booten überzusetzen.

Die Entstehungsgeschichte des Hohenecker Freibads war also ungemein strapaziös und steckte voller Rückschläge. Und möglicherweise erklärt sie auch, warum der Neckar im Sommer zumindest erst seit dem 100. Geburtstag des Schwimmvereins vor zwei Jahren für Ausdauerleistungen wiederentdeckt worden ist.





08.09.2010 - aktualisiert: 08.09.2010 06:11 Uhr

 






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