Viel Gegenwehr hatte der Kommissar bei der Verhaftung von Nikolai Iwanow nicht zu erwarten. Noch immer saß der Russe benommen durch den Aufprall hinter dem Lenkrad des Kleintransporters. Bereitwillig ließ er sich von Thomas Hassel die Handschellen anlegen. Insgeheim hoffte er sogar darauf, möglichst schnell ins Gefängnis verlegt zu werden. Nicht nur, dass ihm von dem Zusammenstoß mit dem Traktoranhänger der Kopf ordentlich brummte, das aufgeregte Gekreische der Eisele tat das seinige dazu.
Elfriede Eisele konnte ihr Glück kaum fassen. Immerhin hatte sie gerade - zumindest deutete sie das so - einen extrem schweren Unfall überhaupt und auch noch einigermaßen unbeschadet überlebt. Zum anderen war sie überzeugt, dass endlich alle Puzzleteile dieses ominösen Falls vor ihr lagen. Nur: Wie gehörten diese zusammen? Auf diese Frage wusste Elfriede Eisele keine Antwort. Noch nicht! Und warum ihre Knie nicht endlich aufhörten so jämmerlich zu zittern, davon machte sich die taffe Rentnerin auch keinen Reim.
Aber wohin sie diese Füße jetzt tragen sollten, das war ihr sehr wohl bewusst. Zurück in Schallingers Spedition. Hassel hatte Iwanow verhaftet, doch war er am Ende nicht bloß Schallingers Handlanger? Eisele wusste genau, was sie wollte. Und das war nicht Iwanow als Bauernopfer, sondern Schallinger als Kopf dieser üblen Diamantenschmuggler-Bande. Doch davon musste sie Hassel erst überzeugen. "Wiiir können niiiicht auf iiiihre Kollegen warten", kreischte sie. "Iiich kann"s niiicht erklären, aber der Schalliiinger war"s." Hassel zuckte unwillkürlich zusammen, weil er schon als Kind das Geräusch kreischender Kreissägen nicht ertragen konnte. Meist sah er dann vor seinem geistigen Auge die strengen Hände seines Vaters. Diese neun Finger vermochten in der Erziehung hart durchzugreifen. Doch im Augenblick blieb keine Zeit, über so etwas nachzudenken. Er ertappte sich vielmehr bei dem Gedanken, dass er - obwohl er in der Vergangenheit diese Frau oft genug gerne losgeworden wäre - gottfroh war über die Unversehrtheit von Elfriede Eisele. Und, das musste er sich nun eingestehen: Sie hatte in letzter Zeit öfter Recht als ihm lieb war. Darum zögerte er diesmal auch nicht, packte den gefesselten Iwanow auf den Rücksitz seines neuen Dienstwagens, bot Eisele den Beifahrersitz an und schon düste er los in Richtung Ilsfeld zu Schallingers Spedition.
Elfriede Eisele war verblüfft. So konfus der Kommissar sonst auch wirkte, so entschlossen schien er jetzt. In Rennfahrermanier schluckte er Kilometer um Kilometer. Fast schon beneidete sie ihn um diese Zielstrebigkeit. Denn sie spürte bereits, wie die zwei Herzen in ihrer Brust den alten Kampf wieder aufnahmen. Soll sie der Redaktion der Lokalzeitung Bescheid geben, dass auf dem Areal der Firma Schallinger gleich Historisches passieren wird. Oder soll sie den Triumph für diese Geschichte lieber alleine einfahren und am Ende selbst groß rauskommen. Immerhin spielten sich hier gerade Ereignisse ab, wie sie in der Region höchstens alle zehn Jahre passieren. Wem würde sie nachgeben, der Hobby-Ermittlerin oder der Teilzeit-Journalistin. Jedenfalls konnte es nicht schaden, den Fotografen Waldemar König zu informieren. Den Text zu den dramatischen Geschehnissen würde sie wohl doch lieber selbst schreiben - sofern das Zittern aus Knien und Händen verschwunden war.
Als der Kommissar seinen Dienstwagen auf den Hof der Firma Schallinger lenkte, konnten weder er noch Elfriede Eisele glauben, was sie dort zu sehen bekamen. Schallinger hatte offensichtlich alleine den tonnenschweren Steppi auf den Hof gezerrt. Dort wollte er gerade damit anfangen, die Skulptur in ihre Einzelteile zu zerlegen. Jetzt erst ist es Elfriede Eisele wieder eingefallen: Die Diamanten. Sind in dem Stahlkoloss etwa noch mehr versteckt? Und wo kommen die überhaupt her? Wo gehen die hin? Diese Fragen musste sie sich unbedingt merken. Jetzt galt es, Schallinger zu verhaften. Der Spediteur war schuldig, daran hatte Elfriede Eisele keine Zweifel. Ebenso klar war ihr mittlerweile, das Iwanow dazu angeheuert wurde, Saskia de Rykker aus dem Weg zu räumen. Aber warum musste das alles geschehen? Und warum ausgerechnet in ihrem Lieblingsbad, dem Wellarium? Die Antworten blieben der Ermittlerin Elfriede Eisele im Moment zwar verborgen, die Journalistin in ihr würde aber all das aufklären können, da war sie sich sicher.
Doch was war das? In geradezu lächerlicher Pose präsentierte sich Schallinger. Der dickbäuchige Spediteur versuchte tatsächlich, die Wand zu seinem Büro hochzuklettern und zu türmen. Wo wollte der hin? Honolulu? Doch da hätte er schon früher aufstehen müssen, denn für den wirklich gut trainierten Kommissar war es natürlich kein Problem, Schallinger einzuholen und zu verhaften. Eisele bemerkte, wie aus der anfänglichen Abneigung gegen den jungen Kommissar langsam immer mehr so etwas wie Stolz wurde. . . dot
08.09.2010 - aktualisiert: 08.09.2010 06:10 Uhr
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