Literarische Symbiose wird für die Zuschauer zur Wonne
Marbach. Walter Sittler und Berit Fromme haben am Samstag in der Stadthalle aus Schillers Werk gelesen. Von Cornelia Ohst
Wenn Berit Fromme und Walter Sittler eine literarische Symbiose eingehen, ist das für den Zuhörer eine Wonne. Zu hören war dies in der Stadthalle Marbach am vergangenen Samstagabend. Da nämlich haben die beiden Schauspieler ihre Lesung, die eigens für das Marbacher Schillerjahr anlässlich des 250. Geburtstages von Friedrich Schiller arrangiert wurde, abgehalten. Unter dem Titel "Weil es die Schönheit ist, durch welche man zu der Freyheit" wandert, haben Fromme und Sittler Texte des Dichters interpretiert, wie sie in ihrer Intensität kaum zu überbieten sein dürften.
Erstklassig gesprochen von Berit Fromme, die den Texten mit leidenschaftlicher und vielgestaltiger Technik Leben einhauchte, gab der etwas unterkühlt wirkende Walter Sittler jenen Gegenspieler ab, der sich gerade in den Dialogszenen von Schillers "Maria Stuart", die im Disput mit Königin Elisabeth steht, als nährender Charakter herausstellt. "Die Texte sind auf Papier sonst so starr, aber hier wunderbar lebendig", äußerst sich in der Pause eine Besucherin, die als Deutschlehrerin weiß, was Schillers Texte beim puren Lesen bewirken können. Immer wieder interessant auch Schillers Gedanken über seine Rolle als Weltenbürger, "über das Pathetische" oder in seiner Funktion als Universitäts-Professor.
Singend beginnen die beiden Künstler ihr Repertoire, bezeichnenderweise mit "Die Gedanken sind frei", unterstützt vom Percussionisten Matteo, der den Worten klangvolle Flügel verleiht. Gerade die Kombination der schillernd proklamierten Texte wie etwa "Die Bürgschaft", "Pegasus im Joche" , oder "Die Jungfrau von Orléans", bei der Fromme mit dem zur Selbstanklage verfallenen Selbstgespräch der Johanna, eine unglaubliche Berührbarkeit erzeugt, und der experimentelle Stil der musikalisch feinfühligen Untermalung durch Capreoli, verleiht dem Abend etwas Besonderes. Es trifft den Geschmack des Publikums. Dies zeigt es nämlich immer wieder spontan, als etwa Berit Frommes klangvolle Worte bei "Die Bürgschaft", mit dem pulsierenden Rhythmus eines Herzschlags begleitet werden. Dieser steigert sich im Lauf der Rezitation in der Frequenz und gibt ihr schließlich etwas Bedrängendes. Wer den Anspruch hat, im Schillerjahr deutlich zu machen, wie tief des Dichters Worte auch in den modernen Menschen eindringen können, der sah sich am Samstagabend mit der Aufführung bestätigt.
Den beiden Schauspielern ist es dabei ausdrucksvoll gelungen, nicht nur die Schönheit der schillerschen Sprache zu dokumentieren, sondern ihr Gewicht und Dynamik zu verleihen, was Aussage und Tiefenwirkung betrifft. Viel Anerkennung zollen deshalb auch die Besucher den Künstlern, die mit ihrer Leistung eine außergewöhnliche Veranstaltung geboten haben. Marion Stoffler, die extra aus Stuttgart angereist kam, freut sich, die Lesung besucht zu haben: "Eine tolle Konzeption ist das, Rezitation und Percussion. Wundervoll."
15.11.2009 - aktualisiert: 15.11.2009 17:36 Uhr