Marbach Der Bürgerrechtler Jens Reich hat auch wegen seiner bedeutenden Rolle beim gewaltlosen Umbruch der DDR am Dienstag den Schillerpreis erhalten. Im Jahr 1994 war er Kandidat der Grünen für das Amt des Bundespräsidenten. Von Götz Schultheiß
Erstmals in der seit 1959 währenden Geschichte des Schillerpreises geht die Ehrung nicht an eine Persönlichkeit, die sich um die Geschichte Württembergs verdient gemacht hatte wie einst die Historiker Hansmartin Decker-Hauff und Paul Sauer.
Im Jubiläumsjahr wollte die Stadtverwaltung den Personenkreis erweitern, der in den Genuss einer Auszeichnung für Wirken im Sinne Schillers erhalten darf. Weil am Vorabend von Schillers Geburtstag in der Bundesrepublik der 20. Jahrestag des Mauerfalls gefeiert wurde, fiel die Wahl des Schillerpreisträgers leicht. Wie nur wenige andere verkörpert der Biologieprofessor Jens Reich seit Ende der 80er Jahr den friedlichen Wandel in der DDR.
Der kritische Geist, 1939 in Göttingen geboren, hat sich nie vom SED-Regime vereinnahmen lassen. Beharrlich und mit intellektueller Schärfe hat der Wissenschaftler und Co-Autor des Aufrufs "Aufbruch 89 - neues Forum" auch als Redner auf Demonstrationen und als Abgeordneter der einzigen frei gewählten Volkskammer der DDR nach den Wahlen vom 18. März 1990 den Wandel zur Demokratie wesentlich mitbewirkt. 1994 erkoren ihn Bündnis 90/Die Grünen zu ihrem Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten.
Auch als Wissenschaftler, so Pötzsch, sei Reich des Preises würdig, weil er die Auffassung vertrete, der Wissenschaftler sei für die Folgen seiner Forschung verantwortlich. Derzeit lotet er im Ethikrat die Grenzen der Stammzellenforschung aus. Die Bescheidenheit Reichs illustriert seine Reaktion, als er von Pötzsch erfuhr, er erhalte den Preis auch wegen seiner Rolle bei der Wende: "Mein Gott, das war eine Volksbewegung, ich war nur einer von vielen."
Der Journalist und Publizist Konrad Adam verwies als Laudator darauf, dass Schillers Idealisten stets auf faktisch gesichertem Boden stünden. So habe der Historiker Schiller vor seinem Drama "Don Carlos" die Untersuchung "Der Abfall der Niederlande" verfasst. Auch Reich verbinde idealistisches Handeln mit fundierter Wissenschaft. Ein Kreis von Intellektuellen wie Hans Magnus Enzensberger und Joachim Fest habe seine Kandidatur zum Bundespräsidenten unterstützt. Adam: "Sie meinten, Politik sei zu wichtig, um sie Parteisoldaten zu überlassen". Schließlich habe der Wille der Parteien obsiegt, "weil sie die Macht hatten." Adam lobte Reichs rebellischen Geist, der die SED-Führung als Pfeifen und die Mitglieder des Zentralkomitees als Esel bezeichnet hatte. Adam: "Wir kämen der Zivilgesellschaft näher, wenn wir den Politikern so respektlos begegnen würden, wie die Altdorfer dem Gessler-Hut - und Reich hätte nichts dagegen."
Gelächter auf Adams Kosten gab es, als Jens Reich in seiner Dankesrede demonstrativ von "Marbach am Neckar in Württemberg" sprach, denn Adam hatte Marbach falsch, aber konsequent, als "Marburg" bezeichnet. Im folgenden skizzierte er das Geistesleben der DDR, die Marx und Lenin auf den Olymp erhob. "Goethe", so Reich, "rangierte auf Rang drei und erhielt die Bronzemedaille, Schiller wurde schließlich noch von Martin Luther verdrängt." Den Staatsapparat habe Schiller beunruhigt, denn mit den Räubern fürchtete die Partei die Aufwiegelung der stürmischen Jugend und mit Wilhelm Tell den Aufruhr der Mitte der Gesellschaft" .
12.11.2009 - aktualisiert: 12.11.2009 17:33 Uhr