Marbach Nach zwei Jahren Sanierung hat Bundespräsident Horst Köhler gestern das Schiller-Nationalmuseum wiedereröffnet. Ministerpräsident Günther Oettinger will sich dafür einsetzen, dass die Übernahme des Suhrkamp-Archivs von der Landesstiftung finanziell unterstützt wird. Von Karin Götz
Die obligatorische Begrüßung an diesem Nachmittag obliegt Manfred Erhardt, dem Präsidenten der Deutschen Schillergesellschaft. Und der stimmt zu Dank- und Lobeshymnen an. Beglückt nehme die Schillergesellschaft entgegen, was stellvertretend für die Bürger als Geschenk empfunden werden dürfe: Ein in neuem Glanz erstrahlendes Museum. Erbracht worden sei eine "vorzügliche und überobligatorische Leistung", betonte Erhardt mit Blick auf die Finanzierung des Projektes. "Gerade in konjunkturell schweren Zeiten ist es gut, wenn man Freunde hat." Bund, Land und Mäzene hatten sich die rund 6,2 Millionen Euro Kosten zu je einem Drittel geteilt. Dabei erinnerte Manfred Erhardt an ein Vier-Augen Gespräch, das er mit Ministerpräsident Oettinger vor drei Jahren geführt hatte. "Sie sagten zu mir: Geld dafür haben wir nicht, aber ihr Anliegen hat meine Sympathie." Außerdem habe der Landesvater ihn aufgefordert, ihn unter Druck zu setzen, indem zuerst Mäzene gefunden werden, die mindestens ein Drittel der Kosten übernehmen. Was bekanntermaßen gelungen ist.
Und um die Gunst der Stunde nicht ungenutzt verstreichen zu lassen, schlug Erhardt den Bogen zu dem jüngst gelungenen Coup: Die Übernahme des Suhrkamp-Archivs sowie des von Suhrkamp übernommenen Insel-Verlags. Um diesen Jahrhundert-Erwerb tätigen zu können, wende ich mich schon wieder bittend an Sie."
Ministerpräsident Oettinger nahm den Ball wenig später in seinem Grußwort auf und überbrachte eine gute Nachricht. Er werde die Landesstiftung, deren Geschäftsführer aus diesem Grund mit nach Marbach gekommen sei, bitten, den Ankauf der Archive zu unterstützen. Das Literaturmuseum der Moderne bilde mit dem frisch sanierten Schiller-Nationalmuseum eine einheitliche Erlebniswelt, betonte Oettinger. Marbach sei nicht nur ein Mekka für Schiller-Freunde, sondern das Zuhause für deutsche Literatur und Literaturgeschichte.
Schätze der Kultur, die, so Bundespräsident Horst Köhler in seiner Ansprache, immer wieder neu für die Gegenwart erschlossen und zugänglich gemacht werden müssen. "Predigen sie nicht nur zu den Bekehrten", forderte Köhler, "versuchen Sie Programme zu entwickeln, wie Sie auch so genannte bildungsferne Kinder und Jugendliche erreichen können. Locken Sie. Begeistern Sie." Wer in dieser Weise zur kulturellen Bildung beitrage, erfülle ein Vermächtnis Schillers.
Auf den Begriff der Bildung in Abgrenzung zum Begriff der Ausbildung ging auch Autor Rüdiger Safranski in seinem Festvortrag ein. Letztere orientiere sich an der Funktion, erstere an der Person. "Bildung brauchen wir, um uns nicht selbst zu langweilen." Schillers Idee der Freiheit ziele auch auf die Umgestaltung seiner selbst. Der Mensch habe sich daran gewöhnt, der eigenen Freiheit nicht mehr zu trauen. "Die Kultur des Weg-Erklärens von Freiheit steht hoch im Kurs. Man kann erklären, dass es so hat kommen müssen und ist die Verantwortung los." Schiller, stets ein Schüler Kants geblieben, sei ein Vertreter des moderaten Idealismus gewesen. Ein Idealismus, dessen Schwäche seine Weltfremdheit sei. "Es gibt im deutschen Idealismus etwas, was ihn ohnmächtig macht gegenüber der Barbarei", so Safranski. Impulse aus der Schatzkammer des deutschen Idealismus könne unsere Gesellschaft jedoch gut gebrauchen.
11.11.2009 - aktualisiert: 11.11.2009 07:00 Uhr