In mehreren Szenen wird das Leben im Jahr 1759 dargestellt - Schiller ist eben erst zur Welt gekommen
Von Astrid Killinger
Gewaschen sollen die Marbacher sein, und ihr Vieh sollen sie angebunden haben, wenn Herzog Carl Eugen seinen Fuß in ihren Ort setzt. Ein ob des ländlichen Geruchs naserümpfender Gesandter beschwört die Bürger, der Majestät einen gebührenden Empfang zu bereiten. 14 tratschende Waschweiber werden immerhin nicht müde, an der Torgasse Wäsche zu falten und auf- und abzuhängen. Derweil schimpft beim Salzwiegen vor der imposanten Salzscheuer in der pittoresken Mittleren Holdergasse eine Frau über die Aufregung, die gerade bei ihrem Arbeitgeber herrscht. "Alles wege dem Herzog, der isch wia a Hungersnot, en Bluetsauger." Es ist keine schlechte Frau.
Sie setzt sich mit vielen Ausreden dafür ein, ihre Arbeitskollegin vor der Strafe der Hausherrin zu schützen. In der Not greift sie dann aber zu einer der Verleumdungen, wie sie bis wenige Jahre vor 1759, dem Jahr von Schillers Geburt und des Herzogsbesuchs, aktenkundlich sind. Sie schiebt die Striemen an den Armen des Mädchens auf eine, die "in die Kammer kann, ohne die Tür aufzumachen", eine Hexe. Doch auch dieses Argument beeindruckt die Herrin nicht. Anderswo im Städtchen allerdings gilt Aberglauben noch was, wie das Publikum erfährt.
Es wird von mit roten Schärpen ausgewiesenen "Chefs de Parcours" durch das vorbildlich organisierte und daher in großer Ruhe zu genießende Straßentheater geleitet. Auf den Glockenschlag genau starten die 48 Darsteller, Laien und Profis zusammen, zu jeder Viertelstunde an den von Karin von Kries sorgfältig ausgewählten und gestalteten Schauplätzen. Regisseurin Christine Gnann hat mit ihnen den Szenenparcours geprobt, der auf der Idee von Sabine Brandes gründet und sich an Fakten aus Marbachs Stadtgeschichte entlanghangelt. Für die historischen Kostüme ist Sabine Wagner verantwortlich.
Aus einem Haus beim Brunnen Wilder Mann fallen Textblätter auf den Hof, dann stürmen zwei Männer im Streit hintereinander zur Tür heraus. "DFDW", entziffert der besser Gewandete. Dass die fegende Marianne, die zum Amusement des Publikums den Besen auch zum Kämpfen benutzt, "als Frau" lesen kann, graust den Herrn mindestens so sehr wie die Bedeutung der Anfangsbuchstaben von "Du Fürst der Welt". Damit sei Luzifer gemeint, klärt er auf. Dem Besitzer der Blätter droht er die Strafe des Räderns an.
Ganz andere Probleme hat derweil Georg Friedrich Kodweiß. So idyllisch der Ort der Szene ist - ein in Grün und Blüte stehendes, sauber eingezäuntes Vorgärtchen in der Torgasse, der Wäschekorb zwischen Rosen und Rhabarber - so ungemütlich wird es darin dem Großvater Schillers, der bekanntermaßen Geldprobleme hatte. Eine Frau geht ihm an den schönen Leinenkragen. Sie sucht bei ihm ihren Hahn. Ein auf seiner Wurst kauender Metzger will nicht eher von der Gartenbank weichen, bis er von Kodweiß die "Akzise" hat. Die Beschwichtigungsversuche von Kodweiß" Frau wimmelt er ab: "Mit Weibsleut debattier ich des net."
Während bei dieser Episode der gelungene darstellerische Witz den Ernst von Kodweiß" misslicher Lage übertrumpft, wird es in der Stadtkirche, in der sich ein Deserteur versteckt, und beim Würfelspiel am Ende der Marktstraße dramatisch. Nachdem dort ein Gesandter des Herzogs einen jungen Mann in den Soldatendienst zwingt, taucht seine Mutter auf. Erschütternd ist ihr suchendes Rufen nach dem verlorenen Sohn. "Für"s Blattgold für"n Herzog und die Läus unter der Perücke geb i mein Bue net her", jammert sie.
Bei so viel historisch belegtem, überzeugend wiedergegebenem Leid ist es tröstlich, Kräfte in der Stadt zu wissen, die an die Würde des Menschen erinnern. Der Idealist Friedrich Schiller kam hier ein paar Monate nach dem Besuch des Herzogs zur Welt, der ihn später in seiner Freiheit zu bedrängen versuchte. Die Worte des Dichters, der sich dagegen auflehnte, lernen junge Marbacher noch heute auswendig, zumindest zum 250. Geburtstag. Der siebenjährige Simeon Kägi und der achtjährige Jonathan Tresse haben das Gedicht "Der Handschuh" aufgesagt. "Absolut süß", befand das entzückte Publikum.
In der weit geöffneten Bücherstube des Tobias-Mayer-Vereins lümmelten sie während ihrer Rezitationen vergnügt an einem Tisch und befahlen den lieblichen Cembalistinnen der Musikschule Marbach-Bottwartal: "Musik bitte." Die ließ auch ein Gitarrenensemble vom grünen Laube herab in der Strohgasse erklingen. In einem Haus in der Rosengasse öffneten sich alle 15 Minuten fünf Fenster, an denen je zwei flötespielende Mädchen erschienen. In der Strohgasse erfreute der Anblick von drei jungen Streicherinnen in rosaroten Roben. Prächtige Gewänder gab es auch bei historischen Tänzen auf dem Burgplatz.
Ein kleines Manko des vielschichtigen Parcours: Es war nicht möglich, alle Stationen an einem Tag zu sehen. Um 20 Uhr brachen überall die Spieler ab, um rechtzeitig zum Herzog an den Neckar zu kommen. Dafür entlohnte die Besucher ein letztes, starkes Bild am Weg zum Fluss. In einem steil aufragenden Garten sang ein kleiner, von Tulpen umrahmter Chor "Der Mond ist aufgegangen". Aus dem Fenster eines Hauses schauten gebannt zwei Gestalten in Nachthemd und Schlafmütze in die nahende Dämmerung. Jegliches Geplapper verstummte hier, Stille senkte sich über alles.
04.05.2009 - aktualisiert: 04.05.2009 07:00 Uhr
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