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Adlige, Soldaten und Fußvolk feiern in Eintracht

Hunderte von Gewandeten bescheren am Wochenende 25000 Besuchern ein einmaliges Erlebnis
 

Marbach. Wenn der Herzog Carl Eugen Marbach einen Besuch abstattet, präsentieren sich die Bürger von ihrer besten Seite. Das 18. Jahrhundert-Fest hat am Wochenende rund 25 000 Besucher der Altstadt auf eine Reise zu den Lebzeiten von Friedrich Schiller mitgenommen.

Von Tanja Capuana und Cornelia Ohst

Wer am Samstag und Sonntag durch den Torturm schreitet, fühlt sich wahrhaftig um 250 Jahre zurückversetzt. Strohballen überall in der Innenstadt, Handwerker bieten ihre Waren feil und Damen flanieren in prächtigen Roben neben ihren ebenso gut gekleideten Begleitern. Die Damen tragen ihr Haar elegant frisiert, während die Herren auf Perücken oder Dreispitze schwören. Auch der Bürgermeister Herbert Pötzsch, als Schultheiß kein Adliger und somit kein Perückenträger, hat sich nach der Mode des 18. Jahrhunderts in Schale geworfen. Als Vertreter des Herzogs trägt er einen Rock mit Goldbordüren samt Hut namens Chapeau bras.

Zur Eröffnung spielt das Trompetenensemble der Musikschule Marbach-Bottwartal unter der Leitung von Frédéric Rabold Fanfaren. Der Rathauschef begrüßt die Besucher aus luftiger Höhe. Die Eröffnungsrede stammt aus der Feder der Autorin Sabine Altenburger. "Heute ist der Tag aller Tage", ruft Schultheiß Herbert Pötzsch in die Menge und kündigt damit den hohen Besuch des Herzogs Carl Eugen an. "Reißt euch am Riemen", befiehlt er den Zuhörern mit gespielter Strenge. "Heute wird nicht geklaut und nicht betrogen." Eine Infanterieeinheit besiegelt die Begrüßung mit Salutböllern.

Unterhaltung nach dem Vorbild vergangener Zeiten bieten die Veranstalter ihrem Publikum auf dem Burgplatz. Dicht an dicht verfolgen Zuschauer die verschiedenen Programmpunkte auf der Bühne. Die rund 30 Mädchen und Jungen des Ballettateliers Boos präsentieren eine Szene, die sich im 18. Jahrhundert auf einem Marktplatz genau so abgespielt haben könnte.

Der Turnverein Marbach hat mehrere Darbietungen vorbereitet. Zunächst begeistert die Akrobatikgruppe als Gaukler, die atemberaubende Kunststücke wie Pyramiden zeigen. Bei den altenglischen Countrydances, die Sabine Stängle, Doris Weber und Lydia Mugele vorbereitet haben, kommt auch das Publikum zum Zug. Unter der Anleitung von Stängle lernt es rasch die nötigen Schritte.

Der Marbacher Arzt Dieter Zagel hätte vor rund drei Jahrhunderten als Chirurgus die Bürger von Zahnschmerzen, Eiterbeulen und ähnlichen Leiden befreit. "Ein mutiger Schnitt macht der Qual ein Ende", sagt er und lacht. Im 18. Jahrhundert sind die Wundärzte von Jahrmarkt zu Jahrmarkt gezogen. Die Assistenten haben bei solchen Ereignissen in der Rolle des Jongleurs als Anreißer gedient. Auf dem 18. Jahrhundert-Fest wird der Chirurgus deshalb von der KAJOM-Jongliergruppe der katholischen Kirche unterstützt. Etwas fürs Auge bietet die Gruppe Venezianer Ludwigsburg Herzog Carl Eugen 1767 mit ihrem Stück "Das Parfüm der Bonafini". Die Mätresse Caterina Bonafini buhlt mit der Opernsängerin Luigia Peruzzi um die Gunst des Herzogs. Dazu fehlt der jungen Frau allerdings noch das perfekte Parfüm. Bonafini möchte nämlich noch verführerischer duften als ihre Kontrahentin Petruzzi. Die Szenen sind mit höfischer Musik untermalt.

Soweit das Treiben auf dem Burgplatz. Die Reise in die Vergangenheit findet aber auch mitten in der Altstadt statt, die nach dem großen Stadtbrand nahezu vollständig im 18. Jahrhundert errichtet worden ist und damit die perfekte Kulisse für das außergewöhnliche Fest bietet. Marketenderinnen bieten ihre Waren in Körben feil, stolze Damen in barocken Kleidern zieren auch hier den Weg, Bürgerinnen und Bürger schlendern gemütlich die alten Gassen entlang. Plötzlich marschieren Soldaten mit Gewehren auf. Respektvoll bahnen sie sich im Gleichschritt ihren Weg. Die Exerzierübungen des 1. Infanterieregiments von Winterfeldt beispielsweise sind dabei weniger von preußischer Disziplin als von Humor geprägt. Mit komischem Talent reagieren die Soldaten in der Tageshitze auf ihren Behelfshaber zeitverzögert oder uneins. Als der Wirt eines nahe gelegenen Trinkstandes ihnen jedoch eine Runde Freibier ausschenken will, kommt Begeisterung auf. "Die Augen nach rechts", ertönt das Kommando. Doch die erspähen lediglich kleine Miniaturkrüge. Als der Wirt in die Gewehrläufe von sechs Soldaten blickt, überdenkt er schnell seinen Scherz. "Willst Du gehenkt werden?", donnert der Befehlshaber. Das Publikum lacht - im Marbach des 21. Jahrhunderts ist das Schauspiel keinesfalls Furcht einflößend, dafür aber unterhaltsam und erheiternd.

In der Unteren Holdergasse stehen hochherrschaftlich Gekleidete gleichrangig neben den Bürgern oder Geistlichen, um den Klängen der Handwerkerlieder zu lauschen. Sechs Frauen und vier Männer, von Claudia Keefer und Lisa Papp auf den Weg gebracht, verteilen sich auf dem Wehrgang und der Treppe des Hauses 38 und singen mit geschulten Stimmen berührende Lieder, die im Handumdrehen eine bezaubernde Stimmung erzeugen. Manche Zuhörer singen gleich mit, als "Das Schicksal legt den Hobel an", ertönt, so als spreche der kleine Chor geradezu aus ihrem geschundenen Herzen. In der sonnendurchfluteten Holdergasse mit ihren vielen bunt gekleideten Besuchern sind die Handwerkerlieder eine Bereicherung. Gegen Abend zieht der Chor mit "Der Mond ist aufgegangen" über den Mühlweg hinab in Richtung Neckar und Biwaksiedlung.

Unromantischer geht es in der historischen Schule zu. Ein Ast dient als Rohrstock, der sich immer wieder im Takt des Sprechens durch die Luft schwingt. Die autöritäre Stimme der Lehrerin dekliniert dabei ein lateinisches Verb. Artig stehen die Schüler vor ihr und sprechen nach. Die Pädagogin scheint frustriert darüber, dass sich der Lerninhalt nicht so rasch in die Köpfe der Schüler trichtern lässt. In der Lateinschule, die im Pavillon in der Unteren Holdergasse 6 untergebracht ist, geben Schüler des Friedrich-Schiller-Gymnasiums Einblicke in den historischen Unterricht. Ob mit Hilfe einer Laborkiste, die im Chemieunterricht die Entdeckungen des französischen Chemikers Antoine de Lavoisier widerspiegelt, Erläuterungen zu James Watts Dampfmaschine oder Rezitationen: Die Jugendlichen sind mit Spaß dabei. "Allerdings ist es für die oft zarten Stimmen nicht ganz leicht, sich Gehör zu verschaffen", meint Lehrer Ulrich von Sanden. "Aber wir sehen das Ganze nicht so bierernst."

Schwierig ist es allemal, sich stimmlich gegen das bunte Treiben der benachbarten Spielstraße durchzusetzen. Dort, wo mit Eifer Baumscheibchen gesägt und Äpfel mit Hilfe von Korkenschleudern getroffen werden wollen, herrscht ein turbulentes Tun. Kinder wie Erwachsene versuchen sich am Schwebebalken auszubalancieren, an der historischen Personenwaage zu wiegen oder werfen rostige Hufeisen.

Weitere Fotos vom 18. Jahrhundert-Fest finden Sie in unserer Bildergalerie unter http://www.marbacher-zeitung.de





04.05.2009 - aktualisiert: 04.05.2009 07:00 Uhr

 






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