Start nach den Sommerferien - Schulleiter Wolfgang Röslin prüft die schrittweise Einführung - Freie Wähler stimmen dagegen
Marbach. Nach einer streckenweise sehr emotional geführten Diskussion hat der Gemeinderat der Einführung des Ganztagesbetriebs an der Grundschule zugestimmt. Rektor Wolfgang Röslin ist froh über die Entscheidung und möchte jetzt positiv nach vorn schauen.
Ein ungewöhnliches Bild bot sich am Donnerstagabend im Bürgersaal. Denn normalerweise bleiben die Zuhörerstühle während der Ratssitzung leer. Dass dies an einem Abend, an dem über die Einführung der Ganztagesschule abgestimmt wird, anders sein würde, war aber abzusehen. Mehr als 20 Mütter und Väter dokumentierten mit ihrer Anwesenheit Betroffenheit, Interesse und größtenteils Widerstand. Das zeigte sich in der Bürgerfragestunde.
Den Leiter der Marbacher Grundschule, der in der Sitzung Rede und Antwort stand, überraschte die starke Elternpräsenz nicht. "Ich habe damit gerechnet, dass vor allem die Eltern kommen, die die Einführung der offenen Ganztagesschule nicht wollen", erklärte Wolfgang Röslin gestern auf Rückfrage unserer Zeitung. Sicher ist er sich auch, dass die Äußerungen der Eltern zu Beginn der Sitzung nicht ohne Wirkung auf die Räte blieben.
Und so gaben lediglich die Fraktionen von CDU und Grünen ein uneingeschränktes Ja zur offenen Ganztagesschule. Sie sei, so CDU-Rätin Heike Breitenbücher, eine Bereicherung und die Basis für eine Chancengleichheit, die keine Floskel für Sonntagsreden sein dürfe. "Die Ganztagesschule ist nicht nur für Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen und Migrationshintergrund", betonte Breitenbücher. "Eltern brauchen sie aus unterschiedlichen Gründen, die wir nicht werten können und wollen." Wichtig sei jedoch, die grundsätzliche Wahlfreiheit der Eltern zu erhalten. Den zusätzlichen Nachmittagsunterricht, sieht Heike Breitenbücher als einen Solidaritätsbeitrag für all jene, denen der Ganztagesbetrieb eine Verbesserung bringt. Als unverzichtbaren Baustein wertete Breitenbücher die Kernzeitenbetreuung. Es sei unglücklich, dass bei den Elternabenden in diesem Punkt keine klaren Aussagen getroffen wurden, kritisierte die CDU-Rätin.
Eine Kerbe, in die auch Karin Moll von den Grünen schlug. Die Informationsveranstaltungen seien offensichtlich nicht informativ genug gewesen, monierte sie. Anders würden sich die vielen offenen Fragen und Vorbehalte nicht erklären lassen. Dass Veränderungen Angst machen, die es auch ernst zu nehmen gelte, sei normal. "Schließlich ist der Weg zur Ganztagesschule für uns hier Neuland." An der Notwendigkeit ließ Moll jedoch keinen Zweifel. Die Grundschule stelle sich dem gesellschaftlichen Wandel. Falsch sei es in diesem Zusammenhang, Ganztagesschule in die "Schmuddelecke" zu stellen. Ermögliche sie unter anderem auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
Ein Plädoyer für die Ganztagesschule hielt auch SPD-Chef Heinz Reichert. "Es ist ein Schritt in die Zukunft." Dennoch sollte man nicht gleich in die Vollen gehen und kleine Schritte machen. "Ich hätte mir gewünscht, dass wir nicht so schnell entscheiden und hätte nichts gegen eine Vertagung."Wie Manfred Mistele auch. Der FW-Rat richtete in seiner Stellungnahme den Blick auf die aus seiner Sicht vielen ungeklärten Details und die Nachteile. Der spätere Beginn der Kernzeitenbetreuung etwa oder der zusätzliche Nachmittagsunterricht. Der Ganztagesbetrieb greife in die Souveränität der Eltern ein, die bewusst Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen. "Es gibt andere Wege als die Ganztagesschule, um deren Ziele zu erreichen - das Lernbegleiterprogramm etwa", betonte Mistele. Eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema sei bislang nicht möglich gewesen, deshalb werde die Fraktion der Freien Wähler dem Antrag der Verwaltung nicht zustimmen.
Auch wenn immer wieder von Vertagung die Rede gewesen ist. Einen entsprechenden Antrag stellte nach einer rund 90-minütigen Diskussion erst SPD-Rat Dieter Zagel. Und für einen kurzen Moment schien es so, als ob sich eine Mehrheit finden würde. Doch der Antrag wurde mit 13 zu elf Stimmen abgelehnt. Und das Ja zum Ganztagesbetrieb sowie der Beibehaltung der Kernzeitenbetreuung fiel dann deutlich aus: Lediglich die fünf Freien Wähler stimmten dagegen.
Für Bürgermeister Herbert Pötzsch, der sich von Anfang an klar für die Einführung ausgesprochen hatte, ein wichtiges und richtiges Signal. "Mit der Einführung einer bestimmten Organisationsform sind ein paar Zwänge verbunden, aber deshalb das ganze Projekt infrage zu stellen, wäre fahrlässig." Nach der Umfrage unter den Eltern sei der Bedarf unstrittig. "Und die 40000 Euro mehr pro Jahr durch die Einführung der Ganztagesschule gebe ich gern aus." Wolfgang Röslin bekam den Auftrag zu prüfen, ob auch ein schrittweiser Einstieg in den Ganztagesbetrieb möglich sei.