Pleidelsheim Der Dellenmasseur entspannt das hagelgestresste Blech

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Der Dellenmasseur Michael Schuster entspannt das hagelgestresste Blech. Foto: Michael Raubold Photographie

Pleidelsheim - Das Unwetter hat Karl-Heinz Scherles Wagen schlimm zugerichtet. „Wie ein Sieb ausgesehen“ hat sein erst ein Jahr alter Hyundai danach, schildert er anschaulich und zückt sein Handy: Ein Video zeigt, wie Wasser kniehoch vor einer Bushaltestelle im Wohngebiet steht, Hagelkörner wie kleine Eisschollen auf der Oberfläche neben abgerissenen Ästen und Blättern treiben.

Im Treppenhaus wollte Karl-Heinz Scherle das sommerliche Donnerwetter abwarten, „statt schwächer wurde der Hagel aber immer schlimmer“. Das Trommelfeuer der Körner, die ein anderer Autobesitzer in der Halle als „so groß wie Tischtennisbälle“ beschreibt, wollte einfach nicht abflauen.

Die Unwetterfront, die Scherles Auto traf, zog am 5. Juli kurz vor 17 Uhr durch den nördlichen Kreis Ludwigsburg, von Asperg und Tamm weiter nördlich in Richtung Bietigheim. Wegen der Folgen für ihr Hab und Gut sind die beiden heute hier: Scherle begleitet seine Kollegin Susanne Miele nach Pleidelsheim in die Halle des Karosseriebetriebs Kleindienst. Hier begutachten heute mehrere Versicherungen gleichzeitig bei Sammelterminen die vom Hagel beschädigten Autos, bis zu 70 täglich. Susanne Mieles Kleinwagen hat es längst nicht so schlimm getroffen: 25 kleine, mit bloßem Auge kaum sichtbare Dellen hat der Sachverständige gezählt und mit gelbem Leuchtstift markiert, auf rund 900 Euro werden die Reparaturkosten für den feuerroten Flitzer geschätzt.

Doch soll der gar nicht repariert, sondern der Gegenwert ausbezahlt werden. Die Versicherten, deren Schäden von der Teilkaskoversicherung abgedeckt sind, haben die Wahl – die Dellenmasseure können direkt vor Ort zur Tat schreitgen, der Geschädigte kann sein Auto aber auch in seine Fachwerkstatt bringen oder eben ausbezahlt werden. Dass er ohne Reparatur weiterfährt, ist bei Karl-Heinz Scherle dagegen undenkbar.

Eher lohnt sich die Reparatur gar nicht mehr: einen wirtschaftlichen Totalschaden könnte er sich eingehandelt haben. So sagte es ihm der Sachverständige direkt nach dem Begutachten seines Wagens an einem der Vortage. Das ausführliche Gutachten wird von seiner Versicherung angefertigt.

Das ist aber ein Extremfall: Auf durchschnittlich 2500 bis 3000 Euro belaufen sich die begutachteten Schäden, erzählt Dieter Reitinger, der leitende Sachverständige bei der Württembergischen Versicherung. Das Besondere hier in Pleidelsheim: Bei einem Viertel der Geschädigten werden die Dellen direkt vor Ort behoben, die Einschläge praktisch ungeschehen gemacht. Dafür zuständig ist Michael Schuster.

Der 38-Jährige Dellentechniker braucht viel Fingerspitzengefühl bei seiner Arbeit, nutzt dafür lange hebel- und stangenartige Werkzeuge: „Wir massieren die Dellen von der Unterseite heraus“, sagt er. Der Hammer mit Schutzkappe ist das Gegenstück, denn damit werden Beulen ebenso sachte von der anderen Seite weggeklopft. Ursprünglich hat Schuster Zimmermann als Beruf gelernt: „Eigentlich hat sich nicht viel geändert – ich habe immer noch einen Hammer“, meint er. Nur sei jetzt die ganze Arbeit mit „mehr Gefühl“ verbunden, „weniger grobschlächtig“.

Gerade setzt Schuster eine lange, dünne Metallstange, einen „Hebel“, auf seine Schulter, die in einem gebogenen Ende ausläuft, setzt sie durch das offene Fenster der Fahrerseite von innen am Dach an. Dessen Abdeckung, der so genannte Himmel, ist samt Dämmungen ausgebaut.

Somit liegt das Blech des gerade reparierten Seat Leon auch von innen frei – Dellenmasseur Schuster kann seinen Hebel dort ansetzen, kneift die Augen zusammen, legt den Kopf schräg, und blickt konzentriert auf die Delle, die der Hagel ins Dach geschlagen hat. „Gedrückt“ wird der Schaden, wie es im Technikerjargon heißt. Diese Fingerfertigkeit wird in keinem Ausbildungsberuf gelehrt. Die Technik werde in unterschiedlich langen Schulungen übers Wochenende oder auch während ganzer Monate vermittelt. „Aber danach kann niemand Dellen drücken. Nur mit viel Erfahrung wird es perfekt“, sagt Michael Schuster. Selbst habe er vor zehn Jahren angefangen, viel geübt mit Autoteilen vom Schrottplatz. Zum Dellenmasseur wird eben niemand über Nacht.

Und die Dellen wieder aus der Karosserie zu massieren, dauert je nach Schwere des Schadens oft zwei bis drei Tage. Sehr viel kürzere Zeit, nur Sekunden oft, braucht der Hagel, um die Dellen zu schlagen. Versicherungen und Karosseriebetriebe sind dann wochen- und monatelang mit den beschäftigt.

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