Oberstenfeld/Tennis „In den Profisport bin ich eher reingestolpert“

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Ehemals Nummer 20 der Tenniswelt lehrt Isabel Cueto-Baumann heute Englisch und Geschichte. Foto: avanti

Oberstenfeld - Jetzt während der Weihnachtsferien kann Isabel Cueto-Baumann entspannt im Café N in Beilstein sitzen. Ab Montag wird sie wieder in der Gemeinschaftsschule in Marbach vor ihren Schülern stehen und Englisch und Geschichte unterrichten. „Da bin ich dann allerdings nur Frau Baumann. Damit lebt es sich etwas einfacher. Denn in Zeiten von Google bekommt man ja innerhalb von Sekunden sehr viele Informationen“, erklärt die ehemalige Profi-Tennisspielerin. Ihre Schüler und zum Teil wohl auch ihre Kollegen haben nämlich kaum eine Ahnung von ihrer Vergangenheit als Profisportlerin. Bis auf Platz 20 der Weltrangliste hat sie es gebracht, das war im August 1989.

Der Name Cueto hat damals schon für Fragen gesorgt, insbesondere für eine: woher sie denn stamme. „Aus Aspach“, lautet bis heute die Antwort. Zwar stammt ihr Vater aus Bolivien und hat ihr auch unübersehbare südländische Gene mitgegeben. Doch Isabel Cueto-Baumann ist in Deutschland geboren und hat immer im Ländle gelebt. Der Vater kam einst zum Studium nach Deutschland und lernte hier ihre Mutter kennen. Im Dezember 1968 erblickte Isabel das Licht der Welt. Zum Tennis kam sie durch ihre Mutter, bereits die Großmutter war badische Meisterin. „Mein Vater hatte mit Tennis gar nichts am Hut, bevor er nach Deutschland kam“, erzählt die 49-Jährige.

„In den Profisport bin ich eher reingestolpert. Es war nie die Absicht, dass ich Profi werde“, erinnert sie sich. „Ich hatte halt das Talent und die Leidenschaft, immer spielen zu wollen.“ Selbst nachdem ihr Talent entdeckt war und sie zu Lehrgängen auf Verbandsebene eingeladen wurde, war Tennisprofi „noch ein anderes Universum“ – anders als bei der fast gleichaltrigen Steffi Graf. Die spätere Tennislegende traf sie bereits im Alter von neun Jahren. „Da haben wir mal vom Verband aus einen Konditionstest absolviert. Wir sollten Sit-ups machen, so viele wie möglich in zwei Minuten. Steffi hat 134 geschafft, ich vielleicht 50. Ich kannte so etwas noch gar nicht“, berichtet sie lachend. Einen Fragebogen füllten die Kinder damals ebenfalls aus. „Auf die Frage, was wir später beruflich machen wollen, antwortete ich ganz brav: Abitur und Studium. Bei Steffi stand dort nur: ,Nummer eins der Tennis-Weltrangliste.’“

Diese Ankündigung wurde bekanntlich wahr. Doch auch Isabel Cueto machte ihren Weg: mit 13 Jahren Deutsche Meisterin der U16, mit 15 Jahren Deutsche Meisterin bei den Damen, und bald spielte sie auch die ersten Profiturniere. „Damals ging das alles viel schneller als heute. Meine Eltern haben aber stets klargestellt, dass die Schule an erster Stelle steht.“ Doch die zehnte Klasse am Gymnasium wurde schon schwierig. „Ich habe bereits viele Turniere gespielt, dadurch viel gefehlt. Hinzu kam auch Neid von Mitschülern und teils auch von den Lehrern.“ Die French Open 1985 waren ein Meilenstein. Isabel Cueto erreichte aus der Qualifikation heraus die dritte Runde, hatte dort sogar Matchball. „Ich stand dann unter den Top 100 der Weltrangliste. Das war die Bedingung, dass meine Eltern mir erlaubt haben, die Schule mit der Mittleren Reife zu verlassen.“

Danach ging es für mehrere Jahre um den Globus. In Hamburg erreichte sie 1987 ihr erstes Finale bei einem großen Turnier und verlor dort gegen Steffi Graf. Im schwedischen Bastad feierte sie im Juli 1988 ihren ersten Titel auf der großen Profitour, vier Wochen später folgte in Athen der nächste. Dass die große mediale Aufmerksamkeit stets einer Steffi Graf oder auch Spielerinnen wie Claudia Kohde und Anke Huber gehörte, hat sie dabei nie gestört. „Ich bin eh ein zurückhaltender Mensch. Wenn früher Fanpost ins Haus kam, dann war das für mich eher befremdlich.“ Drei weitere Grand-Prix-Turniersiege legte sie in den nächsten Jahren nach, spielte in Europa, Nord- und Südamerika sowie in Australien. Bis dann irgendwann der Rücken Probleme machte. „Mir sind beim Aufschlag immer wieder die Wirbel rausgesprungen. Ich war lange verletzt, musste auf kleinen Turnieren wieder anfangen, habe dort auch gleich gewonnen, aber dann ging es wieder von vorne los. Das ist bis heute so geblieben: Wenn ich Tennis spiele, kann ich den Ball beim Aufschlag quasi nur einwerfen.“

1994 war das Kapitel Profitennis erledigt, und es stellte sich die Frage, was nun kommen würde. „Als Tennistrainer habe ich mich nie gesehen. Da hätte es ja zwei Möglichkeiten gegeben: Den ganzen Tag in einem Club auf dem Platz stehen – das wäre gar nicht mein Ding gewesen. Oder als Coach auf die Tour gehen – aber ich hatte genug von den vielen Reisen. Also habe ich das Abitur nachgemacht und studiert.“ Und sie lernte Ehemann Oliver Baumann kennen – ebenfalls leidenschaftlicher Tennisspieler. 1998, kurz nach dem ersten Staatsexamen, kam Tochter Ines zur Welt. Sie hat vergangenen Sommer Abitur gemacht und studiert jetzt. Im Jahr 2003 folgte Sohn Eric. Das Referendariat hatte Isabel Cueto-Baumann, wie sie seit der Heirat heißt, mittlerweile absolviert. „Ich habe dann eine Pause gemacht und war nur für die Kinder da.“ Auch Tennis spielte sie gar nicht mehr. „Insgesamt zehn Jahre lang habe ich keinen Schläger angefasst.“

Das hat sich mittlerweile wieder geändert, dennoch sind die beiden Männer der Familie Baumann intensiver bei der Sache. „Mein Mann engagiert sich ja auch beim TC Oberstenfeld als Sportwart und spielt sehr gerne mit der Mannschaft. Und Eric meldet ab und zu auch bei Turnieren, aber nur im kleinen Rahmen. Mittlerweile ist er so gut, dass es richtig Spaß macht, mit ihm Bälle zu schlagen. Ines spielt dagegen kaum Tennis“, beschreibt Isabel Cueto-Baumann den Stellenwert, den der „Weiße Sport“ in ihrer Familie heute hat. Sie selbst hat im vergangenen Sommer der Damenmannschaft des TCO noch zum Klassenverbleib in der Oberliga verholfen – und dabei zum Teil Gegnerinnen gehabt, die jünger waren als ihre Tochter. Doch damit wird nun Schluss sein. „In den vergangenen Jahren war es so, dass ich bereit stand, wenn Not am Mann war. Aber es war quasi immer Not am Mann. Jetzt habe ich gesagt, dass ich bitte nicht mehr gemeldet werde, damit das Thema vom Tisch ist. Mir macht Tennis noch immer sehr viel Spaß, aber eben nicht mehr als Wettkampfsport.“

Dass ihre Kinder nie Ambitionen hatten, in ihre sportlichen Fußstapfen zu treten, darüber ist Isabel Cueto-Baumann froh. „Ich wollte nie auf Jugendturniere gehen. Dafür habe ich zu viel mitgemacht und hatte Vater Graf im Rücken. Es ist mir wichtig, dass meine Kinder Sport treiben. Aber Profisport, das ist so ein harter Weg, auf dem so viele gescheitert sind.“ Doch was sie sowohl ihren Kindern als auch ihren Schülern auf den Weg mitgibt: „Man sollte immer versuchen, das Optimum auszuschöpfen und seine Grenzen zu suchen.“ Das sei ihr bei ihrer Tenniskarriere vielleicht nicht ganz gelungen, räumt Isabel Cueto-Baumann ein. „Ich hätte durchaus noch mehr trainieren können. Aber stundenlang immer nur einen bestimmten Schlag üben, das konnte ich nie.“

Doch die vielleicht wichtigste Übung hat sie hingegen sehr gut gemeistert. „Meine Mutter hat mir immer gesagt, dass es mit dem Tennis irgendwann vorbei ist und ich dann den Übergang in das normale Leben schaffen müsse. Ich denke, das ist mir ganz gut gelungen“, findet die ehemalige Profisportlerin, die ab Montag wieder als „Frau Baumann“ vor ihren Schülern steht

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