Oberstenfeld „Die Leute bleiben und halten zu Werzalit“

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Dunkle Wolken haben sich über Werzalit zusammengebraut. Jetzt hoffen alle, dass der Himmel wieder aufreißt. Foto: Oliver von Schaewen

Oberstenfeld - Vier Wochen sind vergangen, seitdem der Insolvenzverwalter Jochen Sedlitz beim Holzverarbeiter Werzalit in Oberstenfeld das Kommando übernommen hat. Wir haben uns mit ihm über die aktuelle Lage und die Aussichten für die Zukunft unterhalten.

- Welche Probleme müssen Sie aktuell lösen?
Im vorläufigen Insolvenzverfahren gewährt die Bundesagentur für Arbeit bis zu drei Monate lang Insolvenzgeld. Es gilt zuvorderst das Personal davon zu überzeugen, dass es weitergeht und dass die Leute allesamt ihre Bezüge sicher bekommen. Weiterhin muss man alle Lieferanten davon überzeugen, dass das Unternehmen weiterhin beliefert wird. Das ist in der Regel eine Wahnsinnsarbeit. Wir haben Stand jetzt aber den Betrieb stabilisiert und es geschafft, dass die Produktion nicht einen Tag gestanden hat. Das Unternehmen ist für die nächsten Monate durchfinanziert und wir haben uns die Luft geschaffen, unsere Arbeit zu erledigen.
War es schwierig, die rund 400 Mitarbeiter in Deutschland, von denen 180 auf dem Werksgelände in Oberstenfeld beschäftigt sind, zum Bleiben zu überzeugen?
Zunächst ja, denn sie sind ja auf 15 verschiedene Gruppengesellschaften verteilt. Diese waren vor vier Wochen, als Werzalit den Antrag gestellt hat, noch nicht im Insolvenzverfahren. Wir haben versucht, unter anderem mit der Bundesagentur für Arbeit, eine schnelle Lösung zu finden, um die Lohnzahlungen sicherzustellen. Letztlich musste aber jede Gesellschaft einen eigenen Insolvenzantrag stellen. Das ist Mitte des Monats Februar geschehen. Wir haben zwischenzeitlich alles soweit eingespielt, dass die Lohnzahlungen in den nächsten Monaten sicher sind.
Werzalit hatte seine Mitarbeiter outgesourct, einige der Fertigungsgesellschaft Holz und Kunststoff (FHK) haben erfolgreich dagegen geklagt. Wie wirkt sich das auf das Insolvenzverfahren aus?
Wir haben Mitarbeiter, die sind auch nach der FHK-Insolvenz ganz neu in einer Gesellschaft angestellt worden. Andere haben damals bei der FHK gekündigt und bei einer neuen Gesellschaft unterschrieben, und es gibt die Mitarbeiter, die geklagt haben und nach wie vor freigestellt sind. Für die Bundesagentur für Arbeit zählt der tatsächliche Arbeitgeber, das ist formal die jeweilige Gesellschaft, deshalb haben wir 15  verschiedene Insolvenzverfahren. Das halten wir zusammen und sorgen dafür, dass der Betrieb läuft. Das ist schon erst einmal eine Herausforderung, die wir aber –  zusammen mit den Mitarbeitern – gemeistert haben.
Wie motiviert sind die Mitarbeiter vier Wochen nach dem vorläufigen Insolvenzantrag?
Die Leute bleiben, sie ziehen auch alle sehr gut mit und halten zu Werzalit. Ich hatte aufgrund der Vorgeschichte erst Bedenken, wie da das Verhältnis ist. Aber wir sind sehr zufrieden. Es gibt keine Kündigungen außerhalb der normalen Fluktuation. Wir führen viele Gespräche, weil die Leute natürlich Angst haben, aber die Löhne wurden ausgezahlt, und das beruhigt die Mitarbeiter. Ich denke, dass sie merken, dass sie zu uns Vertrauen haben können und wir das Beste für alle wollen.
Atmen die Mitarbeiter jetzt auf, weil laut Betriebsrat das „System Schlecker“ beendet ist – dürfen sie jetzt auf höhere Löhne als in den kleinen Gesellschaften hoffen?
Mein erster Eindruck war, dass das Gehaltsgefüge normal ist. In großen Unternehmen gibt es ja häufiger Tochtergesellschaften, die bestimmte Leistungen für die Mutter erbringen. Hier ist es ein Sonderfall. Ich gehe davon aus, dass ein Käufer des gesamten Unternehmens dem Konstrukt ein Ende macht. Aber das ist jetzt noch offen. Die Mitarbeiter sehen sich aber als Werzalit-Kräfte – und das verbindet sie nach wie vor.
Wie stabil ist die Lage bei den Kunden und Zulieferern?
Es wurden keine Aufträge zurückgezogen. Die Lage ist sogar besser als im Vorjahr. Normalerweise scheuen sich Großkonzerne, mit insolventen Unternehmen zusammenzuarbeiten. Aber Werzalit-Produkte sind nicht einfach zu ersetzen. Die Kunden haben unisono erklärt, uns erst mal die Stange zu halten.
Wie dringlich ist eine endgültige Lösung für das Unternehmen?
Wir brauchen eine schnelle Lösung. Prinzipiell könnte man auch zwei oder drei Jahre lang im Insolvenzverfahren weiterproduzieren, aber die Kunden und vor allem unsere Mitarbeiter brauchen Sicherheit. Der Entscheidungsprozess ist daher auf zwei bis drei Monate angelegt. Bis Ende Mai streben wir eine Lösung an.
Wie steht es um Interessenten für den Kauf der Firma?
Es gibt aktuell zahlreiche Interessenten. Wir haben einen sehr renommierten und erfahrenen Berater für die Steuerung des Verkaufsprozesses eingeschaltet, der weltweit nach geeigneten Investoren sucht. Werzalit-Produkte sind schließlich bis nach Australien bekannt.
Kommen die Interessenten hier vorbei und schauen sich alles an?
Wir kanalisieren erst einmal alles. Es gab bereits ohne konkreten Investorenprozess zehn bis 15 Anfragen, die wir alle an die Berater weitergegeben haben. Parallel erstellen wir einen Business-Plan, wie es in den nächsten ein bis zwei Jahren weitergehen kann. Dabei befüllen wir bis etwa Ende März einen Datenraum. Aus dem können sich die Interessenten unter Anleitung des Beraters informieren und entscheiden, in welche Bereiche sie investieren wollen.
Muss man Angst vor Heuschrecken haben, die sich nur die Rosinen rauspicken?
Wir stehen natürlich auch in Kontakt mit Finanzinvestoren, die nicht langfristig Anteile halten, sondern das Unternehmen sanieren und in den nächsten vier, fünf Jahren mit Gewinn wieder veräußern wollen. Das geht heutzutage nicht anders und muss auch nicht nachteilig sein, da solche Investoren über viel Sanierungserfahrung verfügen. Aber im Wesentlichen interessieren sich Strategen für das Unternehmen.
Wo sehen Sie unter den Produkten besondere Stärken?
Werzalit ist bei Fassaden, Terrassenbelägen und Fensterbänken eine Top-Marke, genauso bei den Tischplatten. Natürlich gibt es Konkurrenten, aber bis dato liegt die Firma noch gut im Markt und ist da auch nicht so einfach zu ersetzen.
Wie sehr erschwert der verlorene Rechtsstreit zwischen Werzalit und den bei der FHK ausgegliederten Mitarbeitern Ihre Aufgabe?
Das Bundesarbeitsgericht hat nur sechs der rund 80 FHK-Fälle entschieden. Wir müssen jedes einzelne Klageverfahren bewerten und einschätzen, welches finanzielle Risiko dahintersteckt. Wir streben eine schnelle Lösung an, sodass an dieser Front baldmöglichst Ruhe eintritt.
Einem Investor drohen also keine weiteren Rechtsstreits?
Die Zeit zu streiten haben wir überhaupt nicht. Ein Unternehmer kann einen Rechtsstreit über Jahre ausfechten – für uns Insolvenzverwalter gelten andere Rahmenbedingungen.
Welche Rolle spielt die Personalie Jochen Werz? Hat er als ehemaliger Geschäftsführer nichts mehr zu sagen?
In dem vorläufigen Insolvenzverfahren hat das Amtsgericht Heilbronn einen Zustimmungsvorbehalt angeordnet. Das heißt, Herr Werz darf Entscheidungen über Vermögenswerte nur noch mit meiner Zustimmung treffen. Wir sind aneinander gebunden, arbeiten aber effektiv und einvernehmlich an der Rettung. Ihm ist ebenfalls an der bestmöglichen Lösung gelegen. Erst wenn alle Gläubiger zu 100 Prozent befriedigt sind, kann Herr Werz mit einer Zahlung an sich rechnen. Dann wäre meine Aufgabe, möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten und die Gläubiger bestmöglich zu befriedigen auch zu 100 Prozent erfüllt. Und natürlich steht alles, was mehr da ist als man für seine Gläubiger benötigt, dann den Gesellschaftern zu. Aber ich möchte hier gar keine großen Hoffnung wecken, da dieser Fall Stand jetzt weit weg, beziehungsweise nicht realistisch ist.
Wie viel ist Werzalit in etwa wert?
Dazu können wir keine Angaben machen. Wir haben Gutachten in Auftrag gegeben. Wert ist das Unternehmen aber – egal, was da drin steht – nur das, was wir am Markt auch dafür bekommen. Und das wissen wir erst, wenn ein Kaufvertrag tatsächlich unterschrieben ist.
Droht bei einem Verkauf der Verlust von Arbeitsplätzen?
Stand jetzt sehe ich das nicht.
 
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