Oberstenfeld Die Inklusion fängt in der Kita an

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Elina wird liebevoll betreut und gefördert. Foto: Oliver von Schaewen

Oberstenfeld - Die kleine Elina sitzt gemütlich auf dem Schoß ihrer Betreuerin. Die Vierjährige lächelt und blickt entspannt in das Album, in dem steht, was sie schon alles gut kann. Singen, zum Beispiel. Elina (der Name ist geändert) leidet unter einer seltenen und starken körperlichen Behinderung, die im Volksmund Schmetterlingskrankheit genannt wird.

Elinas Haut ist enorm verletzlich – eben wie der Flügel eines Schmetterlings. Jede Berührung kann zu einer Wunde oder Blase führen. Schon einfaches Händeschütteln oder sanftes Streicheln wäre zu viel. Obere Hautschichten würden sich ablösen. Ein Gendefekt, gegen den es kein Mittel gibt. Das Mädchen trägt zum Schutz Verbände am ganzen Körper.

Der strahlenden Elina ist an diesem Morgen im Kindergarten Gehrn in Oberstenfeld nichts anzumerken. Im Gegenteil. Elina freut sich, in der Einrichtung zu sein: „Hier kann ich viel mit anderen spielen“, sagt sie und erzählt, dass sie Musik mag.

Der Kindergarten Gehrn ist kein gewöhnlicher. Die Gemeinde hat ihn in diesem Jahr umbauen lassen, damit er für Kinder mit körperlichen Behinderungen nutzbar ist. So wurde das WC auf Anweisung von Bürgermeister Markus Kleemann für 20 000 Euro behindertengerecht umgebaut. „Wir waren vorher schon barrierefrei und haben im Vergleich zu anderen Kindergärten hier viel Platz“, erzählt die Leiterin Susanne Biedermann. Der Raum ist auch erforderlich, denn von den drei behinderten Kindern benutzt eins einen Rollstuhl. „Wir wollen Teilhabe ermöglichen“, sagt Biedermann, die sich mit ihrem Team um insgesamt 41 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren kümmert.

Die kleine Elina ist inzwischen mit ihren Betreuern in den Turnraum gewechselt. Wie die anderen Kinder tanzt sie zu einem Sternenlied, das die Erzieherinnen angestimmt haben. Bald schon bewegen sich die kleinen Tänzer, und auch Elina freut sich sichtlich an dem Miteinander. „Wir schauen natürlich, dass sie sich nicht verletzt“, erzählt Susanne Biedermann, der aufgefallen ist, dass Elina einen kleinen Jungen, der neu im Kindergarten ist, bei der Hand genommen hat, um ihn anzuleiten. „Da hat sie ihn quasi integriert – wir haben ihm dann behutsam gesagt, dass er loslassen kann“, sagt die Leiterin und macht deutlich, dass eigentlich jeder Mensch seine kleine Behinderung hat, mit der er im Leben fertig werden muss.

Ähnlich sieht es Silke Gustmann, Fachberaterin für Kindergärten bei der Gemeinde Oberstenfeld. Auch sie ist an diesem Morgen im Gehrn und meint: „Inklusion ist ein Begriff, den wir ganz weit fassen: Jeder Mensch ist besonders – und jeder soll teilhaben können.“ In allen sechs Oberstenfelder Kindergärten würden die Kinder in ihrer Entwicklung beobachtet. Und überall gebe es Kinder mit Behinderungen, die integriert werden. „Wir haben da die ganze Buntheit unserer Gesellschaft.“

Laut Gustmann habe sich aber bewährt, den Nachwuchs mit besonders schweren körperlichen Behinderungen im Kindergarten Gehrn auch besonders intensiv zu betreuen. So begleitet eine Krankenschwester Elina sowie eine Integrationshelferin ein frühgeborenes Kind zeitweise durch den Alltag. Das Stammpersonal im Kindergarten besteht aus sechs Erzieherinnen und einer Praktikantin.

Die anderen Kinder akzeptieren die Behinderungen von Elina, erzählt Susanne Biedermann. Ein Bilderbuch, in der die Krankheit beschrieben wird, habe man zusammen angeschaut. Toll findet die Leiterin, dass Elina auch schon eine Freundin gefunden hat. Da Elina kein Brot, sondern nur weiche Speisen essen darf, isst sie Pudding – „neulich haben sie sich beide gegenseitig Pudding gereicht – es ist für uns ein Erfolg, wenn Elina feste Nahrung zu sich nimmt“. Biedermann ist überzeugt, dass die Kinder in der Einrichtung lernen, natürlich mit Menschen mit Behinderungen umzugehen.

Bei aller Intensität stößt das Team aber auch an Grenzen. „Wir können beispielsweise nicht mal schnell die Gebärdensprache lernen“, sagt Susanne Biedermann. Im Kindergarten müsse man sich auch den vielen anderen Kindern widmen. Eine Heilpädagogin habe man nicht, es werde viel mit Fortbildungen gearbeitet, um den Horizont zu erweitern. „Für manche Kinder kann es besser sein, in spezielle Einrichtungen zu gehen.“ Im Kindergarten Gehrn ergänzten sich aber die Kinder mit ihren Behinderungen. „Man muss schauen, was das Beste für das Kind ist.“

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