Oberstenfeld Der Umzug ist der Höhepunkt des Fasnetstreibens

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„Narri-narro Foto: Werner Kuhnle

Oberstenfeld - Selbst wer noch nie an der Lichtenbergschule war, der findet sie an diesem Morgen mühelos. So lautstark ist die Vorfreude von mehr als 300 Grundschülern auf den in Kürze beginnenden närrischen Umzug durch Oberstenfeld. Dennoch schaffen es die Lehrkräfte, all die bunten Gestalten vor der Schule nach Klassen ordentlich aufzustellen, bevor es losgeht. Eine Sortierung nach Kostümen wäre dagegen wohl ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, so vielfältig sind die Verkleidungen, mit denen nicht nur die Kinder, sondern auch die Erwachsenen prunken.

Ein Cheerleader im roten Röckchen mit rot-silbernem Puschel in der Hand wedelt diesen aufgeregt durch die Luft, ein kleines Hippiemädchen mit bunt geblümter Schlaghose trägt vorsichtig einen mit riesigen Stoffmargeriten gefüllten Korb in der Hand, eine Erdbeere leuchtet rot und macht trotz des kalten Windes schon einmal Appetit auf den Frühsommer, und natürlich sind auch Hexen, Zauberer, Indianer, Astronauten, Sheriffs und Cowboys vertreten.

Die trotz der Aufregung herrschende Zucht und Ordnung ist einer streng wirkenden Gestalt mit buschigen Augenbrauen und angemaltem Bart zu verdanken. Ausgestattet ist die Gestalt mit einem schwarzen Anzug und mit einem Zeigestock. Sie stellt sich vor mit den Worten „Schnäbele, Schulaufsichtsbehörde“. Tatsächlich verbirgt sich hinter der Maskerade Julia Knipper, die zusammen mit ihrer Kollegin Susanne Scheidt nicht nur den Großteil der Organisation übernommen hat, sondern den Umzug auch mitsamt den Grundschülern aus Gronau importiert hat. „Es wäre schade gewesen, wenn der Fasnachtsumzug wegen der Schließung der Gronauer Grundschule entfallen wäre“, findet sie, und da hat sie Recht. Denn es ist ein prächtiges Bild, als die Kinder durch den Ort ziehen und dabei an zentralen Punkten wie dem Kindergarten Bäderwiesen oder dem Rathaus Station machen, um gemeinsam zu tanzen, zu singen und – natürlich – Süßigkeiten aufzusammeln, die von Eltern, Großeltern und anderen Verwandten großzügig unters naschhafte Narrenvolk geworfen werden.

Für eine ordentliche Portion des Süßigkeitenhagels sind allerdings auch einige, zum Glück nur auf den ersten Blick, furchterregende Gestalten zuständig: Holzgesichter mit großen Nasen und breiten Lippen, die zum Lachen geöffnet sind, laufen mit. Über den unförmigen Köpfen hängt ein Überwurf mit orangefarbenen Bommeln: Die Bottwartäler „Schlehbeucher“, eine kleine, aber feine Fasnetsgruppe aus Oberstenfeld, begleiten die Grundschüler schon seit Jahren auf ihrem Umzug. Selbst die Erst- und Zweitklässler müssen vor ihnen keine Angst haben. Denn bevor der Spaß losgeht, haben die beiden Zunftmeister der Schlehbeucher, Inge und Günther Krautter, den Kleinen schon mit der Maske unter dem Arm einen Besuch abgestattet und diese genau erklärt.

„Narri, narro“, rufen die Kinder lauthals, gefolgt von einem kräftigen „Schleh – beuch!“ und einem „Danke – bitte!“ „Narri narro rufen wir, weil wir alemannische Narren sind“, erklärt unterdessen Inge Krautter schmunzelnd, bevor sie wieder mit Süßigkeiten um sich wirft.

Die Kinder haben sich schon etwa drei Wochen vorher auf ihren Umzug vorbereitet, erklärt eine hochgewachsene Japanerin im eleganten Kimono, die die Besucher mit einer höflichen Verbeugung und mit „konnichiwa“ begrüßt. Sie muss es wissen, denn sie ist die Schulleiterin und heißt im normalen Leben Ulrike Kemmer. In dieser Zeit haben die Grundschüler nicht nur Lieder und Tänze eingeübt, sondern zum Teil auch Instrumente selber angefertigt – wie beispielsweise Rasseln mit Kronkorken. Und damit machen sie ordentlich Krach, auch wenn Herr Schnäbele von der unteren Schulbehörde streng ermahnt, der Faschingsumzug sei gestrichen, dies sei „ein Disziplinmarsch“.

Zwei zweite Klassen haben schon am Vortag mit ihrem Fasnetsprogramm die Bewohner des Seniorenheims erfreut. Und auch die Schlehbeucher haben bis Aschermittwoch noch viel zu tun – am Nachmittag ging es noch zur Theo-Lorch-Werkstatt nach Großbottwar. „Auch die wollen wir nicht vergessen“, sagt Inge Krautter.

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