Marbach/Ulm – Das ZNL TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen begleitet Entwicklungen des Bildungssystems. Die Sozialpädagogin Petra Evanschitzky sagt, wie Schulen sich verändern müssen, um Kindern gute Voraussetzungen zu bieten.
Ist die Gemeinschaftsschule ein Einzelphänomen oder sehen Sie die Bildungslandschaft in Baden-Württemberg im Umbruch?
Ich habe schon den Eindruck, dass gerade Denkstrukturen aufgebrochen werden.

Braucht es für einen umfassenden Wandel mehr freie Schulen?
Das kann man so nicht beantworten. Wir müssen abwarten, ob die nötigen Veränderungen auch im öffentlichen Schulwesen umzusetzen sind.

Alternativschulen verzichten in der Regel auf Zensuren. Sind sie wirklich entbehrlich?
Noten sind kein adäquates Mittel. Sie zeigen Kindern weder, wo sie stehen, noch, wohin sie sich entwickeln können. Zensuren sind sogar eher schädlich, weil sie häufig Abwertungen bedeuten. Setzt man sie schon in der Grundschule ein, unterminieren sie den Aufbau der Identität und des Selbstbewusstseins.

Was wäre die Alternative?
Rückmeldungen in wertschätzender respektvoller Form geben Orientierung. Überhaupt ist vor allem für kleinere Kinder die Beziehungsebene enorm wichtig. Sie wollen sich als Teil einer Gemeinschaft erleben, gesehen und wahrgenommen werden.

Welche Bedingungen braucht es aus Sicht der Forschung, damit Lernen gelingt?
Ganz allgemein kann man sagen, dass das Gehirn beim Aufnehmen neuer Informationen versucht, diese in bestehende Strukturen zu integrieren. Je besser die Verknüpfung gelingt, desto nachhaltiger verankert sich das Wissen.

Was bedeutet das für die Grundschule?
Dort sollte vor allem implizites Lernen – nebenbei, im Tun – dominieren. Ebenfalls wichtig ist, dass sich möglichst bald Erfolge einstellen, die zum Weitermachen motivieren. Außerdem müssen die Themen eine persönliche Relevanz haben. Dazu gehören Lust und das Erkennen eines Sinns.

Sollten Einzelfächer unterrichtet werden?
Kinder sollten fächerübergreifend angesprochen werden – denn so arbeitet auch das Gehirn. Sie erschließen sich die Welt nicht über Schubladen, sondern wollen sie ganzheitlich erfassen und darin eigene Strukturen erkennen und entwickeln.

Manche Eltern haben Sorge, ein zu offener Unterricht biete zu wenig Anregungen . . .
Die sind nicht nötig. Kinder haben einen natürlichen Drang weiterzukommen und sich Herausforderungen zu stellen. Stellt man ihnen ausreichend Material zur Verfügung, das das selbstständige Lernen fördert, und passende Lernpartner zur Seite, kann man nicht mehr viel falsch machen.

Können vor allem kleinere Kinder überhaupt schon selbst entscheiden, was sie lernen?
Ja, durchaus. Selbstbestimmtes Lernen wird ganz schnell gleichgesetzt mit Strukturlosigkeit. Aber die Kinder bewegen sich ja nicht im losgelösten Raum. Klar ist, dass das Lehrpersonal sie gut beobachten und individuell auf sie eingehen muss.

Was halten Sie von basisdemokratischen Schulmodellen – wenn die Kinder auch über organisatorische Abläufe mitentscheiden?
Viel. So lernen die Kinder, anschaulich die Grundstrukturen der Demokratie kennen – zum Beispiel ethische Grundsätze oder die Notwendigkeit, Mehrheiten zu finden. Sie können sich selbst in unterschiedlichen Rollen erleben und ihr Potenzial ausloten.

Und von altersgemischtem Unterricht?
Es ist mittlerweile nachgewiesen, dass von gemischten Lerngruppen – sowohl Alter als auch Leistungsstärke betreffend – beide Seiten profitieren. Und das nicht nur in puncto sozialer Kompetenz, sondern auch inhaltlich. Gruppiert man dagegen nach Leistungsfähigkeit, hat das nicht den erhofften Effekt.
Das Gespräch führte Sabine Rochlitz