Marbach Lieber schleichen statt rasen

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Der glänzende Kriecher ist von einem Radfahrer am Radweg zur Häldenmühle überfahren worden. Foto: Ingo Kern

Unser Leser Ingo Kern aus Benningen hat uns das Foto einer toten Blindschleiche zugeschickt, das er am Radweg zur Häldenmühle aufgenommen hat. Der glänzende Kriecher wurde überfahren. Das Tier könnte noch leben, meint Ingo Kern, wenn die Radfahrer etwas mehr Rücksicht nehmen würden.

„Ich mache gern Bilder, aber dieses stimmt mich traurig“, schreibt der begeisterte Radfahrer und Fotograf zu dem Bild der toten „Schlange“. Bei dem Foto von Ingo Kern handelt es sich aber aller Wahrscheinlichkeit nach um eine Blindschleiche, weil die bei den Nattern typische Zeichnung nicht zu erkennen ist. Schlingnattern, deren Vorkommen beim Bau des Radweges 2015 festgestellt worden waren, sind deutlich größer als Blindschleichen, die im Übrigen keine Schlangen, sondern eine Art Eidechse ohne Beine sind. Ihren Namen haben sie von der glänzenden Haut, was auf das althochdeutsche Wort „Plint“ für blendend zurückgeht.

Der Biologe Carl von Linné hat der Blindschleiche fälschlicherweise den Namen Anguis fragilis gegeben, also „zerbrechliche Schlange“. Das „zerbrechlich“ stimmt aber in jedem Fall, weil die Blindschleichen, wie Eidechsen auch, bei Gefahr leicht ihren Schwanz verlieren können. Diesem Tier, das wohl voll von einem Reifen erwischt worden ist, hat die Verteidigungsmaßnahme gegen Greifvögel nichts mehr genutzt. „Vielleicht können die Radler dort etwas achtgeben“, schlägt Kern vor. „Nicht alle Schlangen haben sich durch den Bau des Radweges von dort verzogen“, erinnert der Benninger daran, dass die „Vergrämungsmaßnahmen“ nur von zeitweiliger Natur waren.

Beim Bau des Radweges im Jahr 2015 wurden Vorkommen von geschützten Schlingnattern und Blindschleichen festgestellt. Die Reptilien mussten aus dem Baufeld entfernt und in Sicherheit gebracht werden. Man hatte Haufen aus Totholz errichtet, in die sich Nattern wie Schleichen während der Bauphase zurückziehen konnten. Die Bauarbeiten waren im Jahr 2016 abgeschlossen worden, Bauherr war das Land Baden-Württemberg, vertreten durch das Regierungspräsidium Stuttgart, Straßenwesen und Verkehr. Die ökologische Baubegleitung mit sämtlichen Artenschutzmaßnahmen wurde durch ein qualifiziertes Fachbüro durchgeführt. Vor und während der Baumaßnahmen wurden Ersatzhabitate angelegt, aufgefundene Reptilien wie Schlingnattern und Blindschleichen wurden umgesetzt oder vergrämt. „Es wurden nach unserer Kenntnis keine Reptilien durch die Bauarbeiten getötet“, informiert Pressesprecher Markus Klohr vom Landratsamt.

Die nachfolgende Beobachtung, das so genannte „Monitoring“ sei hier nicht notwendig gewesen. Man sei davon ausgegangen, dass die Schlingnattern weiterhin in der Umgebung des Radweges zu finden sind, da ausreichend Ersatzhabitate geschaffen wurden. Dem Landratsamt seien bisher keine getöteten Schlingnattern gemeldet worden, so Klohr auf die Frage, ob vielleicht ein Warnschild an dem Radweg „Vorsicht, Schlangen! Bitte langsam fahren!“ aufgestellt werden sollte. Dennoch wäre es besser, wenn Pedaleure auf dem Radweg zur Häldenmühle lieber schleichen statt rasen würden – der Schleichen und Nattern zuliebe.

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