Marbach Konflikte gibt es nur mit den Nähmaschinen

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Im Nähtreff herrscht eine herzliche Atmosphäre. Foto: Michael Raubold Photographie

Marbach - Den wöchentlichen Nähtreff des Asylkreises Marbach braucht man nicht lange zu suchen. Kaum öffnet sich die Tür zum ehemaligen Art-Hotel, ist schon das Rattern der Nähmaschinen aus einem Nebenraum zu hören. Dort herrscht emsiges Treiben: Ein Bügeleisen dampft, Stoffe werden zerschnitten, ein kleines Mädchen huscht zwischen den Tischen hindurch. „Als der Nähtreff 2016 ins Leben gerufen worden ist, haben wir noch drüben im großen Sozialraum gearbeitet“, erzählt die Initiatorin Elisabeth Böckmann. „Aber da ist es oft zu Störungen gekommen, weil sich dort so viele Leute aufhalten.“

Hier in dem kleinen Raum können sich die Frauen dagegen ungestört ausbreiten. Und so haben dort die Maschinen von Pfaff und Co. ein neues Zuhause gefunden. „Bis auf eine wurden uns alle gespendet“, erzählt Böckmann. Das gilt auch für die bunten Stoffbahnen, die Kisten und Schubladen füllen. „Den Stoff kann ich bei Handlungen hier in der Region kostenlos mitnehmen“, so die 67-Jährige: „Sonst würden die Reste im Müll landen.“ Die Läden kennt sie gut: Jahrelang war Böckmann Lehrerin an der Tobias-Mayer-Schule. Schon im Pädagogik-Studium war Textiles Gestalten ihr Hauptfach: „Ich nähe, nähe und nähe.“

Doch Elisabeth Böckmann bietet mit dem Nähtreff den Flüchtlingsfrauen in der Schillerstadt viel mehr als einen bloßen Zeitvertreib. „Wir haben unsere Taschen beim Wochenmarkt verkauft, als im Herbst das Café International dort stattfand.“ Die 5 Euro pro verkauften Exemplar erhielten die Frauen – und damit auch ein Stück Selbstständigkeit: „Das hat für viel Begeisterung gesorgt.“ Teilweise wurden die Nähmaschinen ausgeliehen, um auch nach dem Treff noch weiterarbeiten zu können: Auf diese Weise entstehen etwa Taschen, Lätzchen oder auch kleine Kinderoberteile.

Die Schnittmuster steuert Elisabeth Böckmann bei. Sie hat einige Muster schon für ihre Kinder und Enkel genutzt. Böckmann hilft beim Messen, Zuschneiden – und auch, wenn es mal mit der Technik hapert: „Unsere Maschinen sind nicht immer zuverlässig, da sie schon alt sind.“ Doch ein beherztes Klopfen oder Festdrehen der Schrauben hilft weiter. „Können Sie mir bitte helfen?“, fragt die Pakistanerin Nosheen. Das Problem ist schnell gefunden und behände spult Böckmann den Unterfaden auf.

„Wenn die Technik streikt, entstehen hier unsere einzigen Konflikte“, erklärt die 67-Jährige während sie an der Maschine werkelt. Denn die Kulturen und Sprachen sind keine Hürde. Da werden Anweisungen kurzerhand übersetzt und weitergegeben. Fast jede Frau spricht mehrere Sprachen – Arabisch, Englisch, Urdu . . . Und auch ihr Deutsch können die Frauen hier anwenden. Und das tun sie gerne: Da wird eifrig diskutiert, welche Farbe der Faden haben sollte oder welche Arbeitsschritte noch fehlen. Die Teilnehmerinnen haben nicht nur das Nähen gelernt, es sind sogar echte Freundschaften entstanden.

„Ich habe vorher noch nie genäht und alles hier gelernt“, erzählt etwa Mazhda. „Das stimmt doch gar nicht“, ruft Elisabeth Böckmann aus der anderen Ecke des Raumes zu. „Und wenn doch, bist du sehr begabt.“ Die 40-jährige Irakerin lacht: „Meine Lehrerin ist sehr gut!“ Das ist auch das Wichtige am Nähtreff: Es darf jeder mitmachen – egal mit wie viel Vorwissen. Der Kurs soll die Frauen zusammenbringen: Dafür steht auch das rote Schiffchen, das auf jede Tasche aufgenäht ist.

Dabei handelt es sich um das Logo des Marbacher Asylkreises. „Das sieht nicht nur toll aus, sondern hat auch politische Symbolkraft“, erklärt Böckmann, während sie kleine rote Dreiecke aus einer Stoffbahn schneidet. Die sammelt Nosheen und klappt sie zu einem Schiff um, ehe sie die Form mit einem Bügeleisen fixiert: „Das ist einfach, aber funktioniert gut.“ Die Schiffe übernimmt dann die Syrerin Umsaia, die das Logo aufnäht: Echte Teamarbeit eben!

Das ist auch der Grund, weshalb lange an der Preisgestaltung gefeilt worden ist, so Elisabeth Böckmann: „Ich finde, das ist ein sinnvolles Projekt, und die Frauen sollten auch eine faire Bezahlung erhalten.“ Einen großen Gewinn macht der Nähtreff daher mit dem Verkauf nicht. Doch das ist auch gar nicht die Hauptsache . . .

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