Marbach/Großbottwar Spannende Suche nach den eigenen Wurzeln

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Stadtarchivar Albrecht Gührings Vorfahren väterlicherseits stammen aus Stammheim, mütterlicherseits aus Rielingshausen. Foto: Werner Kuhnle

Marbach/Großbottwar - Hat man einmal angefangen, kann man nicht mehr aufhören“, sagt Albrecht Gühring. Von einer „Sucht“ sprechen Marlene und Burkhard Wizenmann. Was der Marbacher Stadtarchivar und das Ehepaar aus Großbottwar damit verdeutlichen, ist ihre Leidenschaft für die Ahnenforschung. Die Suche nach den eigenen Vorfahren, den eigenen Wurzeln. Eine Suche, die nie endet, die aber umso mehr Erkenntnisse mit sich bringt.

Und im Gespräch mit den drei begeisterten Hobby-Genealogen wird schnell deutlich: Eine trockene oder staubige Angelegenheit, wie sich manch einer die Familienforschung vorstellen dürfte, ist diese gar nicht (mehr). Viele Quellen sind inzwischen digitalisiert und online abrufbar. „Und wer fleißig sucht, der findet eine berühmte Person, mit der er verwandt ist“, ist Burkhard Wizenmann überzeugt. In seinem Fall ist das Max Frisch, bei seiner Frau das Geschlecht der Osiander, das noch wegen der gleichnamigen Buchhandlung bekannt ist. Auch wenn die Verbindungen bereits Jahrhunderte zurückliegen.

Auf den ersten Blick erstaunlich: Auch Albrecht Gühring ist mit Familie Osiander verwandt. Doch den drei Ahnenforschern ist bei ihrem Hobby sowieso klar geworden: Fast alle Menschen hierzulande dürften miteinander verwandt sein. Was schon die reine Statistik bestätigt: Geht man 29 Generationen zurück, rund 725 Jahre, hat jeder Mensch mehr als 536 Millionen „direkte“ Vorfahren – so viele Menschen lebten damals aber gar nicht. Unterschieden wird also nach rechnerischen und tatsächlichen Vorfahren. Zustande kommt das durch den Ahnenschwund, ein fester Bestandteil der Genealogie. Bedeutet: Verwandte Personen gehen eine Ehe ein, was gerade in kleinen Gemeinden häufig vorkam. „Anfangs dachte ich, das gibt es nur im Hochadel. Bis ich dann auch bei uns fündig geworden bin“, so Burkhard Wizenmann.

Bei Albrecht Gühring
spielte die Ahnenforschung sogar bei der Berufswahl eine gewichtige Rolle. Bereits als Schüler versuchte er, etwas über seine Vorfahren herauszufinden. „Ein Schulfreund hatte damit angefangen und so lernte ich das kennen.“ Auf diese Weise entdeckte er die Geschichte für sich, mit der er als Archivar nun Tag für Tag verbunden ist. Auch sind rund 50 bis 60 Genealogen pro Jahr im Marbacher Stadtarchiv zu Gast. Darunter ein heute junger Mann aus Oberschwaben, der bereits als Zehnjähriger in den Schulferien in Marbach stöberte und forschte.

Gührings Vorfahren väterlicherseits stammen aus Stammheim, mütterlicherseits aus Rielingshausen. „Kirchenbücher wurden 1558 eingeführt, und in Rielingshausen reichen sie tatsächlich so weit zurück. In Marbach hingegen wurden sie beim Stadtbrand 1693 zerstört“, sagt Gühring. Hunderte Stunden investierte er in seiner Freizeit, um der Forschung nachzugehen. Mit der Zeit weitete sich das nicht nur von seinen direkten Vorfahren auf seine gesamte Verwandtschaft aus, sondern auch auf die seiner Frau. „Sie hat Verwandtschaft aus Marbach, da beneide ich sie schon ein wenig drum“, sagt er schmunzelnd. 14  Jahre war Gühring im Vorstand des Vereins für Familienkunde in Baden-Württemberg, sechs davon als Vorsitzender.

Viel Wert legt er auf eine geordnete Dokumentation. Jeder Ahn wird einer Nummer zugeordnet – anders ist es aber auch kaum möglich, den Überblick zu wahren. Generation 22 spielt sich zum Beispiel im 14. Jahrhundert ab. „Ab dann kommen nur noch Adlige“, sagt er. Die Liste führt sich bis zum Urururgroßvater von Karl dem Großen (747 bis 814) fort. Ein Bischof, der im Jahr 582 geboren wurde.

„Bei der Ahnenforschung geht es aber um mehr als Nummern und Daten. Wir können viel daraus lernen, gerade über Lebensumstände“, meint der Historiker. Publikationen liegen ihm daher besonders am Herzen. Er träumt auch davon, eine Schrift zu erstellen, in der alle Personennamen Marbachs vor dem Stadtbrand zusammengetragen sind – für ihn wäre das eine tolle Verbindung aus Hobby und Beruf.

Die Erkenntnisse aus der Ahnenforschung zu teilen, das ist auch Burkhard und Marlene Wizenmann
aus Großbottwar wichtig. Die beiden haben nicht nur ordnerweise Unterlagen zusammengetragen, sondern sogar eine Webseite zur Geschichte ihrer Familien erstellt. Bemerkenswert: Rund 7000 Personen rufen die Homepage im Schnitt monatlich auf. „Es wäre ja schade, wenn das alles nur verstaubt. Und vielleicht ist ja noch jemand auf der Suche“, so Marlene Wizenmann. Und tatsächlich: Erst kürzlich ging eine Anfrage aus Frankreich ein, auch sonst kommen diese aus dem In- und Ausland.

Den Virus der Ahnenforschung hatte Burkhard Wizenmann entfacht, dessen Vorfahren bereits nach Ahnen geforscht hatten. „So konnten wir auf einem Grundstock an Aufzeichnungen aufbauen“, sagt er. Vor elf Jahren, mit Beginn des Ruhestands, ging es los. Seine Frau ging zögerlich an die Sache heran: „Ich dachte anfangs, ich finde sowieso nichts“, erinnert sie sich. Doch mithilfe von Ortssippenbüchern, in denen alle Familien eines Ortes festgehalten wurden – in ihrem Fall in der Schwarzwaldregion –, kamen schnell die ersten Erfolgserlebnisse und damit der Ansporn weiterzusuchen. Bei Burkhard Wizenmann reichen die Ergebnisse gar bis zu einer Frau namens Haila Suomin zurück, die 1290 in Bottwar (dem heutigen Großbottwar) geboren wurde und 1365 in Kirchberg starb.

Ahnenforscher tauchen damit in eine Zeit ein, in der es weder Strom noch beispielsweise Fotos gab. Dafür aber eine kaum mehr vorstellbare Kindersterblichkeit. „Es gab schon Extremfälle. Da hat dann von zehn Kindern keines das zehnte Lebensjahr erreicht“, schildert Marlene Wizenmann. Auffällig sei, dass wohlhabendere Familien weniger betroffen waren. Ob das Bauern, Müller, Bäcker, Metzger oder Wirte waren. „Und in Pestjahren kam es vor, dass mehrere Verwandte innerhalb einer Woche gestorben sind“, sagt sie. All diese Infos bekommen Ahnenforscher aber nicht auf dem Silbertablett serviert – sie müssen der Sache akribisch nachgehen. Das geschieht mithilfe von Kirchenbüchern, Standesämtern und Stadtarchiven, Familienbibeln, sogenannten Inventuren und Teilungen sowie Online-Datenbanken. Gerade Mormonen erweisen sich als Hilfe, ist die Ahnenforschung doch ein wichtiger Teil ihrer Religion. Ihre umfangreichen Erkenntnisse können online abgefragt werden, und das sogar in der heutigen Sprache.

Das ist nicht selbstverständlich, wurde doch früher unter anderem in deutscher Schrift geschrieben, der heute kaum jemand mächtig ist. Um sie zu erlernen, besuchten die Wizenmanns eine Woche lang die Volkshochschule. Kann man sie erstmal entziffern, tritt Spannendes zutage. „Viele Menschen konnten früher nicht lesen. Pfarrer notierten deshalb teils böse Bemerkungen, beispielsweise wenn kurz nach der Eheschließung ein Kind geboren wurde“, hat Marlene Wizenmann festgestellt.

Eine weitere Hürde neben den Sprachen ist die Tatsache, dass zum Beispiel Sohn, Vater und Großvater häufig die gleichen Vornamen hatten und so bei der Forschung eine Verwechslungsgefahr besteht. Auch wurden Nachnamen immer wieder unterschiedlich geschrieben, so auch Wizenmann und Gühring. Zudem begann das Jahr einst erst im März. „Wurde jemand im zehnten Monat geboren, war das der Dezember“, so Marlene Wizenmann. Sowieso wurden die Monate anders bezeichnet.

So sind viele Stunden, ja Monate und Jahre notwendig, um Schritt für Schritt auf umfangreiche Ergebnisse zu stoßen. Ein Unterfangen, das wie beschrieben flugs zur Sucht werden kann. Belohnt wird man dafür mit einer spannenden Zeitreise in frühere Jahrhunderte und mit der Gewissheit, viel über seine eigenen Wurzeln zu kennen.

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