Marbach Ganz ohne Schiller geht es doch nicht

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Marbach - Oh, das sind ja richtig viele Teilnehmer“, freute sich Schauspielerin und Sprecherin Dorothea Baltzer, als sie am Sonntagnachmittag bei der Alexanderkirche eintraf. Genau 20 Interessierte wollten an dem von ihr geführten Literaturspaziergang unter dem Motto „Es muss ja nicht nur Schiller sein“ teilnehmen. Ein Paar war extra aus Zwiefalten angereist, hatte damit aber noch nicht einmal den weitesten Weg zurückgelegt. „Wir wollten schon immer mal zum Deutschen Literaturarchiv und zum Schillernationalmuseum“, erzählte der Gießener Hans Platz, der derzeit mit seiner Frau eine Kanutour auf dem Neckar macht. „Und als wir von dieser Führung erfuhren, war sofort klar, dass wir mit dabei sind.“

Ein literarischer Spaziergang durch Marbach kann Schiller natürlich nicht links liegen lassen. Doch Baltzer zeigte den Literaturfreunden auch reizvolle Nebenwege. Von der Alexanderkirche über den Friedhof bis zur Schillerhöhe führte die etwa zweistündige Tour, auf der die Teilnehmer nicht nur literarische Kostproben wie etwa Andersens Märchen „Die alte Kirchenglocke“ zu hören bekamen, das Dichtung und Wahrheit rund um Schillers Leben miteinander verwebt. Auch originelle Details waren zu erfahren. So zum Beispiel, dass Friedrich Schiller fast in Ludwigsburg geboren worden wäre, weil bei seiner Mutter die Wehen einsetzten, als sie ihren Mann in der dortigen Garnison besuchte. Zum Glück verzögerte sich jedoch die Geburt, bis sie wieder zu Hause war. Sonst wäre Marbach heute nicht die international bekannte Literaturstadt, die Autoren und Gelehrte anzieht.

Drei davon liegen oberhalb der Alexanderkirche begraben: der Verleger Kurt Wolff, der Schriftsteller und Journalist Kurt Pinthus und Jean-Paul-Herausgeber Eduard Berend. Während Wolff das Literaturarchiv nur besuchen wollte, waren Pinthus und Berend lange Zeit dort tätig. Ebenso wie Ludwig Greve, dessen Gedicht „Am Bahndamm“ Baltzer an der Bahnunterführung vortrug. Nach einer kurzen Station am Gerberhaus und einem Blick ins Erdgeschoss des Schiller-Geburtshauses stand der zweite große Sohn der Stadt auf dem Programm, der Astronom Tobias Mayer. „Schauen Sie dem mal ins Gesicht, ich finde, das ist ein richtiges schwäbisches ‚Käpsele‘“, befand Baltzer und erhielt für diese Aussage die Zustimmung ihrer Zuhörer, nachdem diese in die hellwachen Augen unter der Lockenperücke geschaut hatten. Bevor der Weg nach einem Abstecher zum Burgplatz zur Schillerhöhe führte, machte die Gruppe am Wohnhaus von Ottilie Wildermuth Halt. Sie war nicht nur die bekannteste Schriftstellerin ihrer Zeit, sondern auch eine große Verehrerin von Schillers Werk. Ganz ohne den Dichterfürsten geht es eben doch nicht in Marbach.

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