Marbach Eltern beklagen das Ende der Wahlfreiheit

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Stundenplangestaltung ist eine diffizile Sache. Durch eine Änderung des geplanten Stundenplans könnte aber der Nachmittagsunterricht für die ersten beiden Klassen verhindert werden, meinen die Eltern. Foto: Ute Grabowsky/photothek.net

Marbach - Geht man nach der Stadtverwaltung und den Vertretern der Gemeinderatsfraktionen, die am Gespräch von Verwaltung, Schulleitung, Lehrern und Eltern vor knapp zwei Wochen teilgenommen haben, sind die Wogen in Sachen Ganztagskonzept an der Grundschule Marbach inzwischen geglättet. Ein Kompromiss wurde gefunden, hat der Erste Beigeordnete der Stadt, Gerhard Heim, im Gespräch mit unserer Zeitung vergangene Woche betont. Geht man nach einigen Eltern beziehungsweise Elternvertretern, die an der Gesprächsrunde teilgenommen haben, stellt sich die Situation jedoch anders dar. Statt Freude über einen Kompromiss zeigt sich bei ihnen Enttäuschung. Sie hatten viel Zeit in die Vorbereitung des Treffens investiert, um nicht nur zu kritisieren, sondern im Rahmen einer Power-Point-Präsentation auch Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

„Ich hatte das Gefühl, diese wurde gar nicht wirklich und ernsthaft wahrgenommen“, sagt Barbara Guthier, die Elternvertreterin und Mitglied der Schulkonferenz der Grundschule Marbach ist. „Ich bin eigentlich von einem gewissen Verständnis seitens des Gemeinderates ausgegangen, aber die Räte haben sofort signalisiert, dass sie sich in pädagogische Fragen nicht einmischen, und aus meiner Sicht abgewehrt.“ Fehlende Empathie und Interesse für das Problem der Eltern, die ihre Kinder nicht in der Ganztagsschule anmelden wollen, die aber die Sicherheit einer verlässlichen Grundschule brauchen, um Beruf und Familie unter einen Hut bringen zu können, moniert auch Elternvertreterin Susanne Wichmann. Wobei man dankbar gewesen sei, dass das Gespräch überhaupt stattgefunden habe, fügt sie an.

Zur Erinnerung: Das von dem Leiter der Marbacher Grundschule, Wolfgang Röslin, Anfang April im Rahmen einer Infoveranstaltung präsentierte Konzept sieht vor, dass die Erstklässler einmal in der Woche und die Zweitklässler zweimal nachmittags Unterricht haben. Da an drei Tagen morgens nicht wie bisher um 12.05 Uhr Schulschluss sein soll, sondern der Unterricht bereits um 11.35 Uhr aus ist, müssen beispielsweise die Erstklässler dienstags eine lange Mittagspause überbrücken. Röslin hält den Heimweg und Rückweg der Kleinen für zumutbar – auch wenn sie im Kirchenweinberg oder im Hörnle wohnen. Die Eltern nicht – außer man will wieder Elterntaxis vor der Schule haben. Denn das werde zunehmen, sagt Barbara Guthier voraus.

Der Vorschlag der Stadtverwaltung: Die Stadt stellt einen Raum zur Verfügung, und die Eltern organisieren für die Kinder, die nicht in die Ganztagsschule gehen, eine Betreuung in der langen Mittagspause. Heim hatte im Gespräch mit unserer Zeitung betont, die Eltern seien in der Pflicht, einen Beitrag zur Lösung des Problems zu leisten. Die Eltern sehen dies anders: „Warum ist es unsere Pflicht? Das konnte uns keiner erklären“, sagt Guthier. Darüber hinaus gebe es Alternativen, mit denen verhindert werden könnte, dass für die Kleinen überhaupt Nachmittagsunterricht stattfinden muss. Alternativen, die die Elternvertreter im Rahmen der Präsentation aufgezeigt haben – inspiriert durch einen Blick auf den Stundenplan der Blankensteinschule in Steinheim. Guthier: „Durch eine Änderung des Stundenplans ließe sich der Nachmittagsunterricht in der ersten Klasse verhindern und in der zweiten Klasse halbieren.“ Was der pädagogische Vorteil des Unterrichts nach der Mittagspause sei, habe Röslin bislang jedenfalls nicht wirklich erklären können. Auch das Kultusministerium spreche bezüglich des Vier-Stunden-Vormittags-Modells lediglich von einer Soll-Regelung. Und das Schulamt habe den Eltern die Auskunft gegeben, dass es in der Hoheit der Schule liege, den Stundenplan noch einmal zu ändern, betont Guthier. „Herr Röslin hatte bei der Infoveranstaltung gesagt, das sei nicht mehr möglich.“

Das parallele Angebot von Halbtagsschule und Ganztagsschule mache viel Arbeit, ist sich Sandra Bitz, ebenfalls Mitglied der Schulkonferenz, durchaus bewusst. Eltern, die halbtags arbeiten, stünden vor einem großen Problem, denn bis 11.35 Uhr könnten sie nicht wieder Zuhause sein. Wenn sie ihr Kind nicht in die Ganztagsschule schicken wollen, müssten sie ihren Halbtagsjob aufgeben beziehungsweise deutlich reduzieren – oder das Kind eben doch in der Ganztagsschule anmelden. „Aus unserer Sicht ist es gewollt, dass möglichst viele Kinder in die Ganztagsschule gehen.“ Das Ziel „Wahlfreiheit der Eltern“ sei nicht erfüllt. Das betont auch Susanne Wichmann: „In dem Moment, wo man arbeitet, hat man mit dem Modell keine Wahlmöglichkeit. Einmal ganz abgesehen davon, dass Ganztagsschule nicht zu jedem Grundschüler passt.“

Das finanzielle Stemmen der Mittagsbetreuung ihrer Kinder ist für die Eltern kein Thema. „Aber selbst wenn es keine versicherungstechnischen Probleme geben würde, können wir nicht die ganze Organisation leisten“, betont Barbara Guthier. Aber vielleicht der Förderverein der Grundschule? Der Erste Beigeordnete, Gerhard Heim, hatte im Gespräch mit unserer Zeitung vor einer Woche erklärt, man werde den Kontakt zu den Vorsitzenden suchen. „Ich habe aber noch keine Rückmeldung bekommen“, sagte Heim gestern auf Rückfrage. Auch Grünen-Rat Sebastian Engelmann hat bereits den Versuch einer Kontaktaufnahme in der Sache gestartet, informiert er. Bislang aber vergeblich. Am 19. April habe er eine Mail an die Vorsitzenden geschickt, auf die er aber nie eine Antwort bekommen hätte, sagt Engelmann. Michaela Ermisch, die zweite Vorsitzende des Fördervereins, räumt ein, dass die Mail untergegangen sei. „Wir machen das alles ehrenamtlich und hatten in den vergangenen Wochen unter anderem mit der Organisation des Konzertes im Rahmen der Zirkuswoche viel zu tun. Ich werde Herrn Engelmann selbstverständlich noch antworten.“ Zahlen, wie viele Kinder fürs nächste Schuljahr für die Ganztagsschule und wie viele bis zum Stichtag Anfang Mai für die so genannte Regelschule angemeldet worden sind, liegen der Stadtverwaltung noch nicht vor. „Die Anmeldungen werden gerade in der Schule noch ausgewertet“, so der Erste Beigeordnete Gerhard Heim.

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