Marbach Der KSV Marbach hat nicht aufgegeben

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Der neue Trainer Hamdan Iflazoglu (links) mit seinem Team, das er in diesem Jahr zur Verfügung hat. Foto: Archiv (avanti)

Marbach - Marbach
9, 11, 15, 17, 19, 21 – das sind nicht die Gewinnzahlen vom Wochenende. Es sind die Teilnehmerzahlen der Ringer, die am Freilufttraining auf der grünen Wiese unter dem Eisenbahn-Viadukt, vis-a-vis des Bootshauses am Neckar, teilnehmen. Ohne Ringermatte liegen die Übungsschwerpunkte auf Kondition und spezieller Technik. Mit dabei sind auch Athleten des KSV Marbach, wenn die Stadionhalle am Leiselstein belegt oder wegen Ferien geschlossen ist. Öfters kommen Ringer höherklassiger Vereine, auch echte Profis aus der Deutschen Ringerliga sowie auf die ABA-Ringsportart spezialisierte Athleten als Trainingsgäste dazu. ABA ist besonders in der Türkei, im Iran, Aserbaidschan, Kasachstan, Georgien und Rumänien populär.

Das vielseitige Trainingsprogramm von Marbachs Trainer Hamdan Iflazoglu sehen alle als interessante Abwechslung. Letzten Mittwoch kamen trotz Ferienzeit elf Athleten zum Training. Spaziergänger blieben stehen, Radfahrer hielten an, schauten verdutzt und fragten erstaunt nach: „Nanu, wir wussten gar nicht, dass der KSV Marbach wieder eine Ringermannschaft hat!“ Diese unschöne Information gilt jetzt nicht mehr – es gibt wieder eine, wenn auch mit lediglich sieben Ringern personell ziemlich dünn besetzt. Das reicht aber für die Bezirksklasse aus, in der die Mannschaften bei Mannschaftskämpfen zweimal hintereinander antreten, nach dem „österreichischen Modell“. Es gibt also pro Kampftag insgesamt 14 Duelle zu sehen.

Für die Gäste im Bootshaus gab es nach Trainingsschluss eine unerwartete feucht-heitere Überraschung: Die Ringer hüpften zur Abkühlung vom Steg dort kopfüber oder als Wasserbombe in den Neckar. Eine andere Gelegenheit zum Abkühlen gibt es ja auf der grünen Wiese nicht .

Für die im September beginnende Saison hat Marbach zum Neustart eine Mannschaft in die unterste Liga (Bezirksklasse 1 Stuttgart) gemeldet. Sieben Ringer haben beim KSV die Starterlaubnis (Lizenz) unterschrieben. Es geht zweimal auswärts los, am 15. September in Münster, am 29. September in Fellbach, der erste Heimkampf ist am „Tag der Deutschen Einheit“ (Mittwoch 3. Oktober, 17 Uhr) gegen den KSV Remseck II. Die Zuschauer beim kuriosen Fahrrad-Bergrennen „Cobble-Hoppel“, können somit gleich weiter zur Stadionhalle am Leiselstein kommen.

Wie schon bekannt, ist vorläufig zwar kein einziger echter Marbacher im Aufgebot. Ehemalige Marbacher kämpfen entweder in höheren Ligen oder sie haben sich für 2018 bei Nachbarvereinen verpflichtet. Doch man konnte ja Anfang des Jahres nicht wissen, dass sich so überraschend wieder etwas tut auf der Marbacher Ringermatte.

Der Zufall wollte es, dass bei den Marbacher Getreuen, Dieter Götz und Sohn Markus sowie Daniel Fischer eine Anfrage einging: Der ehemalige Ringer und Boxer Hamdan Iflazoglu (36 Jahre alt), Insidern bekannt als WRV-Kampfrichter, auch Präsident für ABA-Ringen in Deutschland und Europa, suchte eine sportliche Heimat für seine bisher vereins-unabhängige junge Ringergruppe, die sich „Raubkatzen“ nennt. Die Jungs waren bisher nicht wettkampfmäßig im Ringsport aktiv, sie wohnen in der Region, trainieren seit fast drei Jahren regelmäßig. Was sie aber auszeichnet: Sie sind absolut zuverlässig und hören dem Trainer aufs Wort, der besonders Wert auf Disziplin legt – er ist eine absolute Respektsperson. Ohne zu murren lassen sie sich von ihm gleich mehrmals hintereinander die Treppen in den Weinbergen hochscheuchen, „zum Kondition bomben“.

Schließlich sorgt sich der Trainer sehr engagiert um sie, sucht und findet Arbeits- und Ausbildungsplätze, zudem unternimmt er mit ihnen spannende Freizeitaktivitäten. Kürzlich war die Marbacher Ringergruppe durch gute internationale Beziehungen des Trainers zur Geburtstagsveranstaltung und gleichzeitigem Thronjubiläum des holländischen Königs Willem Alexander eingeladen. Dort hat das Marbacher Team als Teil der sportlichen Darbietungen eine Präsentation mit Übungen und Ringkämpfen vorgeführt. Die Kosten für Fahrt und Übernachtungen hatte der Veranstalter übernommen. Welcher Verein hier schafft denn so was? Hamdan Iflazoglu schon! Leider hat das Wetter nicht richtig mitgespielt, es regnete immer wieder, die Königsfamilie grüßte mit freundlichem Winken aus der langsam vorbeirollenden Kutsche.

Das alles hat auch Roland Droll imponiert, der seit Jahren die Pressearbeit des Bezirkes Stuttgart im Württembergischen Ringerverband und bei seinem Stammverein (Oberligist Musberg) erledigt. Droll unterstützt seit vier Jahren auch das ABA-Ringen, er war mit der deutschen Delegation schon bei der ABA-WM in Gaziantep/Türkei dabei, wo über 4500 vor Begeisterung tobende Zuschauer im eigens dafür erbauten Freiluftstadion ihre Athleten anfeuerten. Von so etwas kann man in Deutschland nur träumen.

Letzten Mittwoch besprachen die vier unverbesserlichen Optimisten in Sachen Ringen die Details für den ringerischen Neustart in Marbach. Roland Droll hat die Beitrittserklärung unterschrieben, nun ist er neben seinem Engagement in Musberg und im Verband auch Mitglied beim KSV Marbach. Aus Freundschaft zu Hamdan Iflazoglu will er seine Erfahrungen hier einbringen, diesen unterstützen und gern ein Kunststück wiederholen: Vor 25 Jahren hat Droll den VfL Kirchheim/ Teck aus dem Dornröschenschlaf geweckt, die „rivalisierenden“ Ligahinterbänkler Kirchheim und den TSV Köngen zur heute noch bestehenden Kampfgemeinschaft KG Kirchheim/Köngen vereint und mit einer bunt gewürfelten Mannschaft bis in die Oberliga gepusht. Aufgrund von Sprachkenntnissen und guter Kontakte standen ab der Landesliga sogar mehrfache polnische Meister, WM- und Olympiateilnehmer im Team.

Roland Droll empfiehlt, dass in Marbach Zug um Zug versucht werden sollte, enttäuschte, abtrünnige Aktive und Funktionäre, Freunde, Gönner und Zuschauer zurückzugewinnen. „Vergesst doch, was Euch im KSV Marbach nicht mehr gefallen hat und helft dem Verein, wieder aufzustehen!’“

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