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MarbachDen Spot auf die sonst Unsichtbaren gerichtet

Astrid Killinger, vom 27.12.2012 18:38 Uhr
Das Singspiel „Licht-Blicke“ hat sich den Randfiguren genähert. Foto: avanti
Das Singspiel „Licht-Blicke“ hat sich den Randfiguren genähert.Foto: avanti

Marbach – Dunkel ist es zunächst im Gotteshaus der evangelisch-methodistischen Gemeinde bei der Familienfeier an Heiligabend. Dann melden sich Scheinwerfer zu Wort. Das heißt, unsichtbare Sprecher unterhalten sich, als wären sie Lampen. Dabei geraten sie ins Sinnieren darüber, welches Licht in einem Menschen selber brennt, was von draußen hinein und was von drinnen hinaus scheint, wo wir mehr Schein als Sein und wo wir das sind, was wir wirklich sind. Dann marschiert von hinten an den randvoll besetzten Bänken entlang nach vorne der Chor. Es sind rund 15 Erwachsene, gefolgt von 42 Kindern und Jugendlichen zwischen drei und 21 Jahren aus den Verbundorten Marbach, Erdmannhausen, Murr, Pleidelsheim und Steinheim. Seit Oktober haben sie das Singspiel „Licht-Blicke“ von Wilfried Röhrig einstudiert. Begleitet von einer kleinen, aber sehr feinen Liveband, ebenfalls bestehend aus Gemeindemitgliedern, singen sie: „Die einen steh’n im Schweinwerferlicht, die andern sieht man nicht“. Dann verkünden die sprechenden Lampen, heute den Spieß mal umzukehren. Josef, „der Unterbelichtete“, der gewöhnlich im Schatten der Hauptfiguren Jesus und Maria steht, solle nämlich mehr ins Licht gerückt werden. Bevor der auftaucht, sorgt aber noch ein Tratsch unter Frauen für Schmunzeln im Publikum. Mit Kopftüchern, langen Gewändern und Körben auf die damalige Zeit Bezug nehmend, rätseln sie über Marias mysteriöse Schwangerschaft.

Als sich das Krippenpersonal postiert hat, wendet der etwas verzagte Josef sich solidarisch einem schwarzen Schaf zu. Eine weitere der flotten, das Spiel dominierenden Gesangseinlagen, nimmt das Thema über „Außenseiter, Mauerblümchen und Looser“ auf, auch in einer Rap-artigen, von den älteren Jungs sehr rhythmisch präsentierten Einlage. Und Josef sagt: „Ich fühl´ mich auch manchmal überflüssig. Weihnachten ohne Josef, wem würde das schon auffallen?“ Der Widerspruch darauf, die Quintessenz des Stückes, kommt in Form eines Liedes, bei dem die Kinder gelbe und rote Papiersterne in die Höhe halten: „Jeder ist ein Stern, durch uns alle scheint Gottes Licht, ich darf leuchten als seine Lichtspur in der Welt.“

Pastor Dieter Jäger wollte es aber nicht beim harmlosen, schön anzusehenden Spiel belassen. Die Aussage des Stückes müsse doch etwas ändern in der Zukunft, insistierte er. Er glaube nicht, dass in diesem Raum irgendjemand sagen könne, Weihnachten würde nichts bei ihm verändern. Er frage sich wirklich, wer nachher ins Licht trete und wer in den Schatten. Die Orientierung heiße ab heute Christus. „Ich fordere dazu auf, Wege des Friedens zu suchen und konsequent zu gehen“, so der Pastor an alle weißen und schwarze Schäfchen seiner Gemeinde. Und er präsentierte dazu gleich eine erst im jüngsten Gottesdienst geborene Idee, wie direkt schon bald konkret für Lichtblicke gesorgt werden kann. Da die Marbacher Tafel diese Weihnacht wenig Lebensmittel bekommen habe, weil in den Geschäften kaum etwas übrig geblieben sei, könne jeder ab sofort zu jedem Gottesdienst selbst etwas dafür mitbringen.

Zum Schlussgebet leuchteten Spottlichter an der Wand in warmen, satten Farben.

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