Marbach „Das Sankt-Floriansprinzip hilft nicht weiter“

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Marbach - Aus dem Abbruch des stillgelegten Block 1 des Atomkraftwerks Neckarwestheim stammendes, schwach radioaktives Material soll nach den Planungen des Landes auf der Mülldeponie in Schwieberdingen eingelagert werden. Es strahlt in einer Dosis, die innerhalb der zulässigen Grenzwerte liegt und daher als „freigemessen“, als juristisch nicht radioaktiv gilt. Eine Bürgerinitiative engagiert sich gegen das Vorhaben.

Herr Roll, warum halten Sie die Einlagerung des Bauschutts aus Neckarwestheim im Gegensatz zum grünen Umweltminister für gefährlich?
Die Linie des Umweltministeriums kommt mir etwas vor wie ein Schlingerkurs. Erst wurde uns vermittelt, verwaltungsrechtlich müsse der Bauschutt aus Neckarwestheim eben hier im Kreis gelagert werden. Im Hintergrund hat das Ministerium aber schon offiziell angefragt, ob die Deponie Cröbern in Sachsen zum Beispiel Abfälle aus dem Nachbarlandkreis Karlsruhe alternativ aufnehmen würde. In Sachsen gibt es womöglich weniger Widerstand aus der Bevölkerung als in Schwieberdingen, wo sich ja die Bürgerinitiative „Interessengemeinschaft Froschgraben“ gegründet hat. Dieses Vorgehen des Ministeriums schafft kein Vertrauen! Das wirft dann schon die Frage auf: Ist der gering radioaktive Bauschutt vielleicht doch nicht so harmlos? Ich sehe es als Kreistagsabgeordneter als meine Pflicht an, die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen, da darf es keine Kompromisse geben. Die Endlagerung des Bauschutts darf weder eine wirtschaftliche Frage sein noch von sonstigen Interessen überlagert werden. Und das Sankt-Floriansprinzip hilft auch nicht wirklich weiter.
Wie schätzen Sie die Chancen ein, die Einlagerung noch zu verhindern?
Es geht um die Frage, ob der Umweltminister den Landkreis Ludwigsburg zur Bauschuttablagerung in Schwieberdingen zwingt oder ob er daran mitwirkt, die Problematik im gesundheitlichen Interesse aller Bürger bundesweit klären zu lassen. Das Land ist Anteilseigner bei der EnBW Aktiengesellschaft, dem Betreiber des Atomkraftwerks, der jahrzehntelang vom Betrieb profitiert hat. Der abgeschaltete Block 1 hatte in seinen letzten Betriebsjahren täglich etwa eine Million Euro Gewinn erwirtschaftet. Es ist also auch eine Frage der Finanzierung: Wer übernimmt die Kosten für die möglicherweise teurere, aber für die Menschen viel sicherere Zwischenlagerung des gering radioaktiven Bauschutts am Standort des Atomkraftwerks. In anderen Ländern funktioniert das und es erspart sowohl die Transporte der knapp 3000 Tonnen Bauschutt, als auch die bürokratisierte Überwachung vieler Deponie-Standorte. Unsere Chance zum wirksamen Gesundheitsschutz ist also sehr real, wenn der politische Wille da ist.
Was unternehmen Sie aktuell?
Ich werbe mit anderen Kreistagsmitgliedern aller Fraktionen dafür, dass ein nachhaltiger und verantwortlicher Umgang mit dem gering radioaktiven Bauschutt erfolgt. So dass wir bei zukünftiger Bestätigung der gesundheitsschädlichen Auswirkungen von sehr geringer, aber dauerhafter radioaktiver Strahlung schon heute die richtigen Entscheidungen treffen. Es gibt viele wissenschaftliche Arbeiten, die das Risiko gesundheitlicher Schäden durch niedrige radioaktive Strahlung klar benennen. Kendall, Spycher, Wiesel, Pearce sind nur einige dieser Wissenschaftler. Auch die baden-württembergische Ärztekammer weist auf das Gesundheitsrisiko geringster Strahlendosen hin, die zu vermeidbaren Röntgenuntersuchungen bei Patienten hinzukommen. So mancher Krebsfall wäre durch mehr Strahlenschutz vermeidbar.
Wie beurteilen Sie die Situation auf der Deponie des Landkreises?
Ich habe vor einigen Wochen die Mülldeponie in Schwieberdingen besucht und dabei die Annahme und Lagerung von asbesthaltigen Baustoffen live erlebt, die in sogenannten big packs verpackt sind – eine Art große verschließbare Plastikbeutel mit einem Meter Kantenlänge. Wenn so ein Beutel beim Transport oder der Ablagerung vom Gabelstapler reißt, will ich nicht, dass der starke Wind dort oben auf der Deponie den Staub bis in Wohngebiete trägt. Die Lagerung am Ort des jeweiligen AKWs ist für mich die beste und verantwortlichste Lösung. Dafür werbe ich weiter. Die drei grünen Landtagsabgeordneten Daniel Renkonen, Jürgen Walter und Markus Rösler habe ich schon vor vielen Monaten gebeten, sich für eine sichere Lösung einzusetzen und mit mir und anderen Kreisräten auf einen langfristig nachhaltigen Umgang mit dem AKW-Bauschutt hinzuwirken. Grüne Mandatsträger und Minister tragen meiner Meinung nach eine besondere Verantwortung, wenn es um solche wichtigen Fragen des Umwelt- und Gesundheitsschutzes geht. Als Vorgängerin Tanja Gönner noch Umweltministerin war, hat der aktuelle Amtsinhaber Franz Untersteller das genau so gesehen. Diese Verpflichtung gilt nach meiner Auffassung auch heute für alle Politiker, die sich glaubwürdig für den Umweltschutz und die Gesundheit der Menschen im Landkreis Ludwigsburg und unserem Land Baden-Württemberg einsetzen wollen.
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