Marbach/Bottwartal Kinder lernen, mit getrennten Eltern zu leben

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Die Psychologen Anja Bognar und Martin Zahn arbeiten mit Handpuppen, um Kindern nach einer Scheidung zu einem Standpunkt zu verhelfen. Foto: Oliver von Schaewen

Marbach/Bottwartal - Was können Eltern und Kinder tun, wenn ihre Familie durch eine Trennung auseinanderzubrechen droht? Diese Frage stellen sich Anja Bognar und Martin Zahn im Rahmen ihrer familientherapeutischen Arbeit bei der Caritas in Ludwigsburg.

Was bedeutet es für ein Kind, wenn die Elternbeziehung auseinanderbricht?
Anja Bognar:
Für das Kind ist es eine riesige Verunsicherung. All das Gewohnte bricht auseinander. Es verursacht viele Ängste: Was wird die Zukunft bringen, wie halte ich noch Kontakt zu Mama und Papa? Es sind aber auch Gefühle von Trauer im Spiel, weil da etwas zu Ende geht. Ganz oft sind Kinder auch wütend.
Warum erleben Kinder das alles verstärkt – auch Erwachsene müssen ja mit Trennungen fertig werden…
Martin Zahn:
Man kann schon sagen, dass Kinder die schwächere Position haben. Sie können gestalterisch nicht so eingreifen, was Kontakte, Ferienregelungen und anderes betrifft. Manche Kinder erleben die Trennung aber auch als Entlastung – wenn es etwa zu Hause gewalttätig zuging.
Was macht die Trennung seelisch mit den Kindern?
Zahn:
Es ist nicht nur eine dramatische, sondern manchmal auch eine traumatische Verletzung der Kinder, die damit lange zu tun haben. Je nachdem, wie die Eltern damit umgehen.
Bognar:
Die Trennung lässt sich nicht innerhalb von ein paar Wochen oder Monaten bewältigen. Es kann durchaus zwei Jahre dauern, bis sich Kinder in die neue Situation einfügen.
Was ist der Kern des Traumas – oder gibt es mehrere Traumata im Erleben?
Zahn:
Ich darf nicht mehr lieb sein zu dem Papa, weil die Mama anders über ihn redet und ihn schlecht macht. Das kann zu einer seelischen Verletzung führen. Das kann von Loyalitätskonflikten begleitet sein: nicht zu wissen, zu wem ich gehöre. Zu beiden? Oder muss ich mich zwingend auf eine Seite schlagen? Das ist oft der einfachere Weg, weil das Hin- und Herspringen schier nicht auszuhalten ist. Es kann auch zu seelischen Verletzungen führen, wenn die Kinder erleben, wie die Eltern miteinander umgehen: dass sie spinnefeind sind. Dass sie sich nichts gönnen und von beiden Seiten zerren.
Inwiefern wirkt eine räumliche Trennung entlastend?
Bognar:
Wir beobachten immer wieder: Wenn eine Konfliktgeschichte lang andauernd und heftig war, dann ist das für die Kinder eine echte Erlösung, dass das endlich zu Ende geht. Diese Konfliktgeschichte hat eher einen Einfluss darauf, wie es den Kindern hinterher geht, als die Scheidung an sich.
Die Scheidungsraten haben in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen. Geben die Beteiligten zu früh auf, wenn sie sich trennen – müssten sie noch „durchhalten“?
Bognar:
Das ist auch eine gesellschaftliche und politische Frage: Dass Menschen „aufgeben“, ist heute eher möglich. Eine Familie diente früher viel stärker der wirtschaftlichen Absicherung.
Eine soziale Ächtung brauchen Geschiedene heute nicht mehr zu fürchten…
Zahn:
Aufgrund der hohen Scheidungsraten ist es heute anders. Knapp 30 Prozent der Klienten stehen entweder vor oder nach einer Trennung – oder sie sind mittendrin. Es geht vielfach auch um die Folgen der Trennung: Fragen des Umgangs, Besuchsregelungen, die strittig sind. Es kommt also viel häufiger vor. In einer Schulklasse etwa könnte es zehn oder zwölf Kinder treffen. Das kann zu Solidarisierungen führen.
Tauschen sich Kinder in der Schule offen aus?
Zahn:
Es macht schon etwas aus, wenn Kinder zum Beispiel nicht zu ihrem Vater dürfen und deshalb nicht erzählen können, was sie am Wochenende gemacht haben. Dass also der Vater nicht mehr beteiligt ist – was Gott sei Dank nur in wenigen Fällen vorkommt. In solchen Situationen wird sich das Kind eher selber ausschließen, weil es nichts zu erzählen gibt.
Bognar:
Das ist natürlich ganz schlimm für das Selbstwertgefühl des Kindes.
Wo wohnen die Kinder: Immer noch nur am Wochenende bei dem, der dann auch Unterhalt zahlt?
Zahn:
Erfreulicherweise wandelt sich da auch viel in der Gesellschaft. Es ist zwar klassisch schon so, dass die Mutter überwiegend die Kinder betreut. Es ist aber auch schon so, dass die engagierten Väter nicht mehr nur an jedem zweiten Wochenende, sondern auch unter der Woche mit den Kindern zusammen sind.
Welche Alternativen gibt es da?
Zahn:
Da gibt es das sogenannte Wechselmodell. Es ist noch seltener. Ich habe es im vergangenen Jahr erst zweimal gehabt. Insgesamt achtmal.
Bognar:
Mir ist es auch erst zweimal im letzten Jahr begegnet. Es ist eine 50:50-Aufteilung. Die Eltern müssen miteinander vereinbaren, an welchen Tagen das Kind jeweils wechselt. Das kann mehrmals in der Woche sein. Die Eltern können aber auch miteinander vereinbaren, ganze Zeitblöcke möglichst beizubehalten.
Zahn:
Bei kleineren Kindern wäre es genau das Richtige, wenn sie nicht zu lange warten müssen, bis sie Mama oder Papa wiedersehen können. Bei den älteren Kindern wäre das wöchentliche oder halbwöchentliche Wechselmodell zu empfehlen. Das 50-zu-50-Modell hat den wirtschaftlichen Vorteil, dass kein Elternteil dem anderen Unterhalt zahlen muss.
Dieses Modell erfordert ein hohes Maß an Kommunikationsfähigkeit – was bei vielen Paaren aber der Grund der Trennung war…
Zahn:
Ich hatte diese Woche Eltern bei mir, die in einer besonders guten und kooperativen Art und Weise miteinander umgingen.Die waren hier, um sich zu vergewissern: Ist das okay, wie wir das machen? Und ich habe es noch nie so okay gefunden wie bei ihnen. Es war ganz rührend, sie haben sich am Ende gegenseitig das Taschentuch gereicht, weil sie weinen mussten.
Tatsächlich?
Zahn:
Ja. Die haben verstanden: Unsere Liebespaarbeziehung ging zu Ende. Aber das können sie trennen von ihrer aktuellen Verantwortung gegenüber dem Kind.
Bognar:
Das Wechselmodell kann nur dann funktionieren, wenn die alten Paarkonflikte der Vergangenheit angehören.
Wie wichtig ist die räumliche Nähe der beiden Elternwohnungen nach einer Trennung?
Bognar:
Natürlich ist es für die Kinder gut, wenn der andere Elternteil nicht so weit weg wohnt. Eltern in unserer Beratung achten vermehrt darauf, dass die Wohnung des anderen nur zwei Straßen entfernt liegt. Das ist toll für die Kinder, denn sie haben viel mehr Spielräume. Die Kinder stecken dann eben nicht mehr in der Hilflosigkeit und sehen sich nicht mehr ausgeliefert.
Wie können Sie den Kindern in der Beratung helfen?
Bognar:
Wir haben verschiedene Angebote. Wir zusammen leiten eine Kindergruppe für von Trennung und Scheidung betroffene Kinder. Es kommt vor allem auf das Alter der Kinder an. Davon hängt ab, was wir mit ihnen machen. Die Gruppe machen wir für Acht- bis Zehnjährige. Wenn die Kinder jünger sind, überwiegt das spielerische Element. Je älter Kinder sind, desto mehr können wir mit ihnen reflektieren und sprechen.
Zahn:
Der Solidarisierungeffekt ist in der Gruppe vorhanden. Einmal hat ein Mädchen zu einem anderen gesagt: Mir gefällt es hier gut, weil deine Eltern auch getrennt sind. Das ist wie in einer Selbsthilfegruppe. Da können Vorschläge gemacht werden und sich die Teilnehmer gegenseitig helfen. Das ist wertvoller, als wenn Anregungen aus unserem Mund kommen.
Geht es bei den Vorschlägen um Verhaltensweisen gegenüber den Eltern?
Zahn:
Genau. Ich sag zu meinem Papa, dass er pünktlich sein soll. Ich warte auf ihn. Wir geben dem Kind ausdrücklich die Erlaubnis, zu den Eltern sagen zu können, was es will. Zum Beispiel: Ich will nicht, dass du über den Papa schlecht redest – dann gehe ich aus dem Zimmer. So können sich die Kinder selbst schützen. Unsere Arbeit soll selbstwertstärkend sein, damit sie ihre Bedürfnisse selbst ausdrücken können.
Ist das der wichtigste Teil Ihrer Arbeit?
Zahn:
Ja. Wir erlauben ihnen, dass sie sich zu Wort melden dürfen. Oder sagen: Das gefällt mir nicht.
Bognar:
Ein Kind soll ruhig sagen: Ich möchte meinen Geburtstag nicht nur mit Mama oder Papa feiern. Ich will ihn nicht später mit ihm oder ihr feiern, sondern dass er oder sie auch eine gewisse Zeit mit dabei ist. Dann können wir mit den Kindern überlegen: Wie ist das möglich? Und dann können es die Kinder auch ein Stück weit in die Hand nehmen.
Werden die Eltern dann auch vernünftiger, wenn so etwas zustande kommt?
Zahn:
Wir machen auch flankierend Elternabende zu den Gruppentreffen. Da sprechen wir genau das an: „Unsere Absicht ist, Ihr Kind zu stärken. Es hat von sich aus Ideen. Hören Sie auch hin. Uns ist es wichtig, dass Sie mit den geäußerten Bedürfnissen gut umgehen.
Wie viele der Eltern verhalten sich denn dann auch vernünftiger?
Zahn:
Eingangs sprachen wir davon: Wie kann Trennung gut gelingen? Sie kann es, wenn nichts mehr nachhängt. Wenn Verletzungen immer wieder neu mit Beleidigungen oder anderem aktiviert werden, kann es Jahre dauern. Man kann hoffen, dass ein neuer Partner ins Leben tritt, der manches abfedert. Das ist die Krux: Es gibt Menschen, die halten noch so lange an der vormaligen Liebesbeziehung fest und wollen sich gar nicht mehr weiter verändern. Die wollen jahrelang trauern und diesen Schmerz erleben. Was sich vor den Kindern nicht verbergen lässt: „Wenn du weg bist, bin ich ganz, ganz einsam: Komm doch bald wieder.“ Wenn ein Kind diesen Auftrag hört und annimmt, ist es auf der Verliererseite. Dann fühlt es sich dafür verantwortlich, dass es Papa oder Mama schlecht geht.
Manche Väter oder Mütter ziehen ihre Söhne oder Töchter sehr stark ins Vertrauen. Hat das nicht auch gute Seiten?
Bognar:
Bei Trennungen haben Kinder viel mit Schuldgefühlen zu kämpfen. Sie überlegen: „Hätte ich da etwas anderes gesagt oder gemacht, wäre es nicht dazu gekommen.“ Wenn das Kind danach in die Rolle eines Ersatzpartners gerät, ist das sehr belastend für die weitere Entwicklung.
Zahn:
Wir sagen ganz grundsätzlich: „Ihr seid nicht schuld, dass eure Eltern nicht mehr zusammenleben.“ Das ist eigentlich die Formel: Die Eltern müssen es hinkriegen, anders miteinander umzugehen, und sie werden es lernen müssen.
Die Schuldfrage scheint moralisch zwischen den Beteiligten wichtig zu sein. Kommt das Suchen nach der Schuld von der kindlichen Seite oder von der Erwachsenenwelt?
Bognar:
Es hat auch mit der Entwicklung zu tun. Es gibt Phasen, in denen Kinder in der Kausalität drinstecken: Da muss es immer einen eindeutigen Auslöser geben für das, was passiert. Kinder rutschen da leicht rein, weil sie eben nicht Papa oder Mama beschuldigen wollen.
Zahn:
Wenn Eltern es schaffen würden zu sagen: „Ein Liebespaar sind wir nicht mehr, aber wir lieben dich jeder auf seine Art“, dann wäre das ein Segen.
Bognar:
„Und wir sind gemeinsam für dich da, und du kannst dich auf uns verlassen.“
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