Marbach/Bottwartal „Es ist ein Freibrief für weitere Vergiftung“

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Marbach/Bottwartal - Die Zulassung des Unkrautgifts Glyphosat durch Agrarminister Christian Schmidt am vergangenen Montag hat landauf, landab für Empörung gesorgt. Der Vorsitzende vom Verein Gentechnikfreie Landkreise Ludwigsburg-Rems-Murr, Wolfgang Simon, und Imker Wolfgang Schiele kämpfen seit Jahren gegen das Mittel. Die Entscheidung der Europäischen Union ist für sie ein Rückschlag, aber zugleich auch Ansporn nicht aufzugeben.

Glyphosat ist nach dem Ja des deutschen Landwirtschaftsministers für weitere fünf Jahre in der Europäischen Union zugelassen. Wie haben Sie den 27. November erlebt? Haben Sie diese Entwicklung erwartet?
Schiele: Nein. Ich war sehr überrascht. Und verärgert. Denn ich befürchte, dass man in fünf Jahren wieder so handelt, dass die Zulassung also erneut verlängert wird.
Simon: Als die Nachricht kam, war ich gerade dabei, einen Artikel zu schreiben über einen Vortrag von Professor Antônio Andrioli aus Brasilien, den er in Ulm gehalten hatte. Andrioli ist einer der führenden Forscher auf dem Gebiet von Glyphosat und Medizin. Als ich die Meldung dann am Abend um 17 Uhr im Radio hörte, ist mir ehrlich gesagt die Kinnlade heruntergefallen. Denn ich hatte im Stillen gehofft, dass Glyphosat nicht weiter zugelassen bleibt.
Sie waren sprachlos?
Simon: Für einen kurzen Moment. Vor allem war ich aber vor den Kopf gestoßen und einfach auch zornig. Es hatte ja vieles darauf hingedeutet, dass die Abstimmung knapp würde und es auf die Stimme Deutschlands ankommt.
Aber der Gesandte Deutschlands sollte nicht mit einem Ja votieren...
Simon: Davon war eigentlich auszugehen. Dass es aber auch noch so ein Husarenstück geben würde und unser Landwirtschaftsminister einen solchen Kniefall vor den Agrolobbyisten macht – damit hat glaub niemand gerechnet.
Glauben Sie denn der Version, dass das Ja ohne das Wissen der Bundeskanzlerin gegeben wurde? Glauben Sie an einen Alleingang?
Simon: Das war nach meiner Einschätzung kein Alleingang. Wobei ich auch den Vorwurf des Vertrauensbruchs, der ja seitens der SPD geäußert worden ist, für eine totale Versinnvereinfachung halte. Das war ein Anschlag auf die Gesundheit der Bürger, ein Anschlag auf Leben überhaupt. Es ist der Freibrief für die weitere Vergiftung von Millionen Bodenlebewesen, Vögeln, Bienen und ein Angriff auf die schon geschundene Biodiversität, es ist aber auch ein Anschlag auf unsere Gesundheit und die unserer Enkelkinder. Wenn ich alleine an die Schilderungen von Professor Andrioli denke, dass die Gendefekte von Kindern in Brasilien dramatisch zunehmen, kann ich das nicht anders ausdrücken. Und ich möchte noch etwas anmerken: Ich habe in der Vergangenheit oft gentechnikfrei mit glyphosatfrei verbunden – aber das ist falsch. Großbauern in Brasilien investieren in den Anbau von gentechnikfreiem Soja, weil die Nachfrage in Europa steigt, verwenden aber dennoch Glyphosat. Sie bereiten ihren Boden mit Glyphosat vor, spritzen alles tot und dann kommt das gentechnikfreie Soja rein. Und in dem Soja sind dann zwischen 17 und 33 Mikrogramm Glyphosatrückstände pro Kilo enthalten.
Spielt für Sie die Frage, ob die Kanzlerin etwas wusste oder es ein Alleingang gewesen ist, überhaupt eine Rolle? Also wie sehr interessiert Sie diese politische Frage? Oder sagen Sie, diese Art der Ursachenforschung, wer die Finger mit im Spiel hatte, bringt uns nicht weiter?
Simon: Die politischen Schachzüge in diesem Schmierenstück spielen natürlich eine Rolle, sind mir aber auch bekannt. Und ich bin davon überzeugt, dass es ohne das Votum der Frau Merkel nicht geht. Die Bundeskanzlerin ist bei einer Versammlung des Bauernverbandes hingestanden und hat sich für die Verwendung von Glyphosat ausgesprochen. Insofern bin ich mir sicher, dass es kein Alleingang des Ministers war. Besonders wütend macht mich aber auch die Äußerung Schmidts, er habe für sich abgestimmt. Ja Himmel noch mal – als ob sein Votum nur Auswirkungen auf ihn hätte.
Herr Schiele, Sie sind nicht nur als Verbraucher, sondern auch als Imker von der Entscheidung betroffen.
Schiele: Das Thema Bienensterben hat selbstverständlich mehrere Gründe, aber ein Grund ist Glyphosat und deshalb ist es so wichtig, dass dieses Mittel vom Markt kommt.
Sie kämpfen beide seit langem gegen die Zulassung von Glyphosat, gegen gentechnisch verändertes Saatgut et cetera. Lähmt Sie die aktuelle Entscheidung?
Schiele: Nein. Im Gegenteil. Jetzt gilt es erst recht zu kämpfen. Wir brauchen eine Graswurzelbewegung. Wir müssen die Bevölkerung wachrütteln und den Menschen klar machen, dass unsere Lebensgrundlage kaputt geht.
Aber das wurde in den vergangenen Jahren auch schon gemacht.
Simon: Das stimmt, aber wir werden noch mehr informieren und überzeugen müssen. Selbst die Landes-Ärztekammer hatte ja gefordert, die Verlängerung nicht zu akzeptieren – aus medizinischen Gründen. Wir müssen noch mehr nachfragen bei Landwirten und den Metzgern, den Bäckern, Winzern und Obstbauern in unserer Region, ob sie Glyphosat einsetzen.
Um damit bei Verbrauchern, Erzeugern beziehungsweise Nutzern Druck zu erzeugen?
Simon: Ja – und um zu sensibilisieren und wachzurütteln.
Schiele: Ich persönlich habe mir vorgenommen, in meinen Führungen im Bienengarten das Thema Glyphosat in den Fokus zu rücken. Außerdem werden bei uns hier auf sehr großen Flächen Zuckerrüben angebaut. Und die werden extrem mit Glyphosat gespritzt. Also werde ich mir Schilder basteln und sie genau dorthin stellen, wo Zuckerrüben wachsen. Als Anregung und Impuls zum Nachdenken für die Verbraucher.
Simon: Wobei man nicht vergessen darf: Es gibt auch positive Beispiele. Die Molkerei Berchtesgadener Land hat beschlossen, dass alle ihre Milchzulieferer ohne Glyphosat arbeiten müssen. Und vergessen wir nicht – unser Einkaufsverhalten entscheidet: Biologische Lebensmittel oder glyphosathaltige Nahrungsmittel. Es wird Zeit für eine Agrarwende zusammen mit engagierten Bauern. Das macht Mut nicht aufzugeben, sondern wie Herr Schiele zu sagen: Jetzt erst recht.
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