Marbach/Bottwartal Die Chronik des Kriminalfalls

Von
Artikel zeugen davon, wie fieberhaft nach dem Hammermörder gesucht worden ist. Foto: Julia Spors

Marbach -

Mehr zum Thema

März 1984

Die Situation der fünfköpfigen Familie Poehlke ist schwierig. Sie hat sich trotz eines Lottogewinns von 36 000 Mark mit dem Bau eines Eigenheims in der Ludwigsburger Straße in Strümpfelbach (1) finanziell übernommen und ist verschuldet. Die Hypothek liegt bei 300 000 Mark. Der Familie bleiben 250 Mark zum Leben. Und es folgt ein Schicksalsschlag: Die dreijährige Tochter Cordula, eines von drei Kindern der Familie, stirbt an einem Gehirntumor.

3. Mai 1984

Die erste Tat: Um an ein Auto zu kommen, erschießt Norbert Poehlke den 47-jährigen Siegfried P. aus Aschaffenburg, der an einer Wiese am Klärwerk Häldenmühle zwischen Murr und Marbach (2) Rast macht. Mit dem BMW des Opfers fährt Poehlke zur Volksbank in Erbstetten (3). Mit einem Vorschlaghammer durchschlägt er das Panzerglas des Kassenraums und erbeutet 4790 Mark. Der abgestellte BMW wird später auf einem Feldweg zwischen Affalterbach und Erdmannhausen (4) entdeckt. An der Murr wird die Leiche gefunden.

Aufgrund der Tatzusammenhänge ist klar: Der gesuchte Bankräuber ist auch der Mörder. Gefunden wird an der Häldenmühle eine Patronenhülse, die in ihrer Art millionenfach an die Polizei geliefert worden ist. Das Projektil zur individuellen Zuordnung fehlt aber. Gegründet wird die 20-köpfige Sonderkommission „Häldenmühle“ mit Sitz bei der Kripo Ludwigsburg (5). Dort ermitteln Kollegen bereits in einem anderen Fall: Bianca M., ein 12-jähriges Mädchen aus Kleinbottwar, war in Großbottwar ermordet worden.

21. Dezember 1984

Die zweite Tat, das gleiche Muster: Norbert Poehlke erschießt den 37 Jahre alten Engländer Eugene W. aus Nürnberg, der Weihnachten bei seinen Eltern in der Schweiz verbringen möchte und auf dem Parkplatz Rohrbachtäle an der Forsthof-Kreuzung (6) der L 1115 eine Pause eingelegt hat. Poehlke steuert den VW des Engländers zur Volksbank in Cleebronn (7), wird im Auto aber von einem Rentner gesehen. Er kehrt um.

28. Dezember 1984

Eine Woche später fährt Poehlke ein zweites Mal nach Cleebronn. Diesmal verschafft er sich mit einem Vorschlaghammer Zugang zum Kassenraum. Er bekommt von einem Bankangestellten, den er mit der Pistole bedroht, 79 000 Mark ausgehändigt. Der abgestellte VW wird später in Güglingen (8) ausfindig gemacht.

30. Dezember 1984

Am Parkplatz Rohrtäle entdeckt ein Jogger die von Laub bedeckte Leiche von Eugene W. Es wird eine Patronenhülse gefunden: Es handelt sich um Syntox-Munition, die an Polizei-Schießständen verwendet wird. Die Ermittler müssen also verstärkt in ihren eigenen Reihen suchen. Auffällig ist: Die Taten fanden jeweils während des Schichtwechsels der Polizisten und in verschiedenen Zuständigkeitsbereichen der Polizei statt. Am selben Abend wird die nun „Hammer“ genannte Sonderkommission auf 40 Beamte aufgestockt. Sie bezieht Stellung im Schulzentrum in Großbottwar (9). Der Täter gilt fortan als „Hammermörder“.

5. Juli 1985

Über den Kriminalfall wird in der ZDF-Reihe „Aktenzeichen XY… ungelöst“ berichtet, entscheidende Hinweise gehen nicht ein. Später wird vermutet, dass Poehlkes Frau die Sendung sieht. Falls das stimmt: Ahnt sie nun etwas? Bisher war sie davon ausgegangen, dass ihr Mann als Wachmann zusätzliches Geld verdient. Der Film der ZDF-Sendung ist heute im Internet auf YouTube zu sehen.

22. Juli 1985

Tat drei: Poehlke erschießt auf dem Parkplatz Hägesäcker an der L 1100 zwischen Ilsfeld und Flein (10) den 26-jährigen Wilfried S. aus Beilstein, der auf dem Weg zu seiner neuen Arbeitsstelle in Marbach eine Pause gewesen ist. Mit dem VW des Opfers fährt Poehlke zur Raiffeisenbank in Spiegelberg (11). Die Bankmitarbeiter erkennen den Hammermörder frühzeitig, da er einen Vorschlaghammer bei sich hat. Der Filialleiter löst Alarm aus, Poehlke flieht. Hundertschaften der Polizei suchen daraufhin nach dem vermissten Wilfried S. Wenige Tage später finden Arbeiter seine Leiche unter einer Plane versteckte Leiche. Am Tatort befindet sich diesmal ein Projektil.

Die „Soko Hammer“ wird auf fast 100 Beamte aufgestockt und zieht in den leer stehenden Forsthof (12) um. Sie steuert den bis dato größten Polizeieinsatz der Nachkriegsgeschichte in Westdeutschland, dessen Kosten später auf mehr als zwei Millionen Mark beziffert werden.

An der Häldenmühle wird auf der Suche nach dem Projektil tonnenweise Erde abgebaggert. Nach den Banküberfällen werden 25 000 KfZ-Kennzeichen notiert und die Fahrer mit dem Täterraster verglichen. Nachgegangen wird 4482 Spuren und 540 Hinweisen. 12 000 Polizei-Pistolen sollen nach und nach zur Analyse ans Bundeskriminalamt in Wiesbaden geschickt werden. Polizisten wird Blut entnommen, da in Erbstetten Spuren gesichert wurden – Poehlkes Dienststelle, die Hundestaffel der Landespolizeidirektion Stuttgart, ist mit am Ende an der Reihe. Überprüft werden mehr als tausend Personen – auch Poehlke. Bei ihm wird kein Verdacht geschöpft.

August 1985

Ein junger Polizist aus Schwäbisch Hall wird festgenommen, nachdem er seine Dienstwaffe samt Munition gestohlen und seine Uniform weggeworfen hat. Der Verdacht gegen ihn stellt sich als unbegründet dar, nach einer Woche in U-Haft kommt er frei – die Bevölkerung weiß nun, dass der Täter aus Reihen der Polizei kommen könnte. Das ruft Misstrauen hervor.

28. August 1985

Poehlkes Waffe wird ans Bundeskriminalamt gesendet. Es dauert parallel dazu aber bis zum 21. Oktober, ehe das Bundeskriminalamt die Identität der Spuren an den Patronenhülsen feststellt. Weil die Ermittlungen schleppend vorangehen, werden zwischenzeitlich zwei Soko-Chefs abgelöst.

27. September 1985

Die vierte Tat: Zur Raiffeisenbank in Rosenberg im Ostalbkreis gelangt Norbert Poehlke mit dem Zug und zu Fuß. Die Bank betritt er unmaskiert und ohne Hammer. Erst im Raum zieht er eine Sturmhaube über und zückt eine Pistole. Er erbeutet 11 000 Mark und flieht mit dem Auto eines Kunden, fährt mit dem Zug zurück. Es gibt nun ein Phantombild. Eine Verbindung zum Hammermörder wird nicht hergestellt, zu unterschiedlich sind die Tatverläufe.

28. September 1985

Poehlke gerät durch Zufall in Verdacht. Bei der Fahndung nach einem Terroristen werden im Bahnhof Ludwigsburg (13) Schließfächer geöffnet. In einem werden eine Polizeiuniform, die Verpackung einer Überziehhaube für Motorradfahrer und ein an Poehlke adressierter Brief gefunden. Diese Dinge hatte er wohl am Vortag deponiert, bevor er nach Rosenberg fuhr. Poehlke wird in der Nacht verhört, redet sich heraus: Er habe nicht in Uniform zum Geburtstag der Schwiegermutter fahren wollen. Die Sturmhaube habe er für den Winterurlaub gekauft. Die Schwiegereltern sind nicht erreichbar, weilen auf einer Skihütte.

29. September 1985

In einer zweiten Vernehmung wird Poehlke damit konfrontiert, nach dem Überfall in Spiegelberg mit seinem Auto eine Kontrollstelle passiert zu haben. Er könne sich nicht erinnern, redet von einem Schwimmbadbesuch. Poehlke passt auch nicht zu Hinweisen, die Zeugen gegeben hatten. Beschrieben wurden braune Augen – Poehlkes Augenfarbe ist blau. Es werden Fingerabdrücke genommen. Der Aufforderung, im Krankenhaus Marbach (14) eine Blutprobe abzugeben, kommt Poehlke nicht nach: Man kenne ihn und jeder Arzt würde sich einen Reim machen, wenn er sonntags von der Kripo geschickt würde. Die Blutprobe wird verschoben.

13. Oktober 1985

Da seine Waffe analysiert wird, weiß Poehlke, dass er bald überführt wird. So weit lässt er es nicht kommen: Der 34-Jährige meldet sich krank und erschießt seine gleichaltrige Frau Ingeborg, die zuhause auf dem Sofa sitzt. Ebenso erschießt er seinen siebenjährigen Sohn Adrian, der im Bett liegt. Mit seinem vier Jahre alten Sohn Gabriel fährt Poehlke nach Torre Canne in Süditalien, wo er als Kind die Ferien verbracht hatte.

17. Oktober 1985

Die Überprüfung von Poehlkes Dienstplan ergibt: Er war während keinem der Überfälle im Dienst. Die Polizei möchte ihn befragen – niemand öffnet die Tür. Auch an den Folgetagen nicht.

21. Oktober 1985

Die Mutter von Norbert Poehlke, die in seinem Nachbarhaus wohnt, gibt eine Vermisstenmeldung auf. Jetzt werden im Haus die Ehefrau und der Sohn gefunden.

22. Oktober 1985

Norbert Poehlke erschießt im Auto seinen Sohn, dann sich selbst. Später wird er auf dem Friedhof in Strümpfelbach begraben – ohne Kreuz und Grabstein. (hen)

 

Fotostrecke
Artikel bewerten
3
loading