Marbach/Bottwartal Adoption: Für uns ganz normal

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Liebe, Vertrauen, Sicherheit und Nähe – das alles ist Familie. Zumindest im Idealfall. Foto: avanti

Marbach/Bottwartal - Jedes Kind hat das Recht auf ein gutes Zuhause und eine normale Entwicklung, sagen Ralf und Antje Poller. „Auch die Kinder, die keine Eltern haben.“ Die beiden Gronauer haben zwei Kinder aus Kolumbien adoptiert: Juan, heute 16, und Tiago, zehn Jahre alt. Das Thema Adoption ist für die Familie „ganz normal“ und alle vier gehen offen damit um. „Für uns sind die beiden wie unsere leiblichen Kinder“, sagt Antje Poller und ergänzt: „Man muss Kinder annehmen, wie sie sind.“

Und damit hatten Pollers bei ihren beiden „total liebenswerten Jungs“ auch überhaupt keine Probleme. Juan war ein Jahr alt, als das Ehepaar aus dem Bottwartal ihn 2002 adoptiert hat. Vorausgegangen waren aber einige Monate bis letztlich alles in trockenen Tüchern war. „Wenn man eine Auslandsadoption machen möchte, wendet man sich hier zuerst einmal an das Jugendamt“, erklärt Ralf Poller. Dort wird, so man als Adoptionseltern in Frage kommt, ein Sozialbericht erstellt. Diesen konnten Antje und Ralf Poller dann bei der Vermittlungsstelle für die Adoption vorlegen – in ihrem Fall bei einem Verein in München, „der seriöse Arbeit leistet“, so das Paar. „Das war uns sehr wichtig.“ Auch, dass, wie in Kolumbien, vorher geprüft wird, ob die Kinder, die aus welchen Gründen auch immer nicht bei ihren Eltern aufwachsen können, stattdessen bei Verwandten bleiben können. „Wir wollten ja auch niemandem ein Kind wegnehmen“, betont Antje Poller.

Die Agentur prüfte die Unterlagen der Gronauer und gab sie schließlich nach Kolumbien weiter. Nach einem Dreivierteljahr kam dann der „Kindervorschlag“. Als der Umschlag im Briefkasten lag, sei das ganz schön aufregend gewesen, erinnern sich die beiden. „Das ist wie ein Überraschungsei“, lacht Ralf Poller. Denn das Ehepaar wusste vorher nichts über ihr Adoptivkind. „Da kann man sich nichts aussuchen oder so, auch das Geschlecht nicht.“ Also eigentlich so, wie bei einem leiblichen Kind auch. Und dann? „Dann haben wir angerufen und zugesagt.“

Innerhalb von sechs Wochen ging es dann für das Ehepaar nach Kolumbien, über die Hauptstadt Bogota nach Armenia, wo sie nach weiteren Terminen bei der Agentur schließlich Juan „bekamen“. „Dann sind wir erstmal Windeln einkaufen gegangen“, sagt Ralf Poller. In einer Integrationswoche vor Ort können sich Eltern und Kind kennenlernen. „Es könnte ja auch sein, dass das Kind die Eltern nicht annimmt“, erklärt Antje Poller.

Im Falle von ihr, ihrem Mann und Juan ging alles gut. Bei Gericht werden die Adoption und die Dokumente rechtskräftig gemacht, in Bogota bekam der kleine Junge noch einen Pass ausgestellt – dann ging es nach Deutschland. Wobei hier noch weitere Behördengänge folgten, ebenso wie insgesamt vier Nachberichte, wie sich das Kind bei Pollers einlebt.

Das hat er, ebenso wie sein Bruder Tiago. Er kam 2010 aus Kolumbien und war damals schon drei Jahre alt. Juan war damals neun. Ralf Poller: „Für ihn war das schön, dass er das bewusst miterleben konnte, wie Tiago adoptiert wurde.“ Und der große Bruder spielte auch keine ganz unwichtige Rolle an dem großen Tag. Tiago nämlich war ziemlich durch den Wind und hat vor dem Treffen mit seiner zukünftigen Familie gebrüllt wie am Spieß. „Irgendwann ist er vor lauter Erschöpfung eingeschlafen“, sagt Antje Poller. „Und Juan war zuerst in dem Raum und hat ihn dann schlafend rübergetragen.“

Ein Spielball hat schließlich kurz danach im Hotel in der Eingewöhnungszeit das Eis gebrochen. „Es stand schon in seinem Sozialbericht, dass er für sein Leben gern kickt“, berichten die Eltern. Und das hat sich bis heute nicht geändert. Tiago, der in die fünfte Klasse des Beilsteiner Herzog-Christoph-Gymnasiums geht, spielt inzwischen in der U11 beim VfB Stuttgart. Auch sein großer Bruder hat immer gern gekickt, zuletzt bei den B-Junioren von 08 Bissingen. Momentan kommt der 16-Jährige aber wegen seiner Ausbildung zum Konstruktionsmechaniker nicht mehr zum Trainieren. „Ich denke, auch der Fußball hat die Integration erleichtert“, findet Papa Ralf. Aber auch so habe es nie Probleme gegeben. Dass sie zwei adoptierte Kinder haben, ist für das Paar genauso normal wie für die Jungs. „Für uns ist das kein großes Thema.“ Ebenso wenig wie die Frage nach leiblichen Kindern. „Es hat sich für uns nie die Frage bezüglich leiblicher Kinder gestellt“, erklärt Ralf Poller. „Ich denke, viele Menschen haben dieses Grundbedürfnis nach eigenen Kindern, das ist bei uns nicht so vorhanden“, macht Ralf Poller deutlich. „Bei uns war von Anfang an klar, dass wir adoptieren wollen.“

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