Blickwinkel Ego-Lokomotiven Schulz, Bam und Bee

Von
Es ist leicht, die sozialen Medien und Onlineplattformen als einen Jahrmarkt der Eitelkeiten abzutun. Foto: MZ

Marbach/Bottwartal - Es ist leicht, die sozialen Medien und Onlineplattformen als einen Jahrmarkt der Eitelkeiten abzutun, auch als Universum der Selbstbespiegelung, da bin ich nicht ganz frei davon. Deutsche YouTube-Stars wie die 24-jährige Dagi Bee und der 29-jährige Julien Bam bestätigen für mich auf den ersten Blick diese Vorurteile. Über Lidstrich und Lippenstift doziert Dagi Bee. Julien Bam ist dagegen ein ziemlich guter Breakdance-Tänzer, der in seinen teils künstlerisch anspruchsvollen Videos viel Talent zeigt, wie ich finde. Als Werbepartner eines Brauseproduzenten zahlt sich der Erfolg aus. Das weckt Fantasien, gerade bei einstigen Pionieren und Profis der medialen Selbstvermarktung – Bundespolitikern oder Ministeranwärtern.

Als die SPD Martin Schulz als ihren Kanzlerkandidaten präsentierte, rollte im Netz längst der „Schulz-Zug“. Peinlich, denke ich heute. Diese Montage war auch eigentlich als Scherz auf der Internetplattform „reddit“ gedacht, wo Fotowitze über verschiedenste Themen aus (Populär-)Kultur und auch Politik die Runde machen, geteilt, an Freunde verschickt werden, auch an mich. Eines dieser so genannten Memes (siehe Artikel dazu hier) zeigte damals nur den Kopf von Martin Schulz, montiert an die Spitze einer Dampflokomotive. Das war als Anspielung auf Donald Trumps Wahlkampf gedacht, in dem seine Anhänger von einem unaufhaltbaren „Trump Train“ gesprochen hatten.

Was damals im November 2016 keiner ahnte: wie so oft im Netz verselbstständigte sich der Scherz, wurde kopiert, variiert, so oft geteilt und weitergeschickt, dass ein wahrer „Schulz-Hype“ entstand. Plötzlich war aus dem soliden Europapolitiker aus Würselen eine Art Heilsbringer der SPD geworden. Gleichzeitig stiegen, sicher aus anderen Gründen, tatsächlich auch die Umfragewerte. Die SPD griff die Idee des Schulz-Zuges in ihren eigenen Social-Media-Kanälen nur zu gerne auf. Die Sozialdemokraten verzeichneten in dieser Zeit der Schulz-Euphorie am Ende 17 000 Parteieintritte, auch im Ortsverein Marbach kletterten die Zahlen. Doch Martin Schulz konnte die riesigen Erwartungen, die auf seinen Schultern lasten, nicht erfüllen. Am Ende scheint er auch bei uns vor Ort jeden Rückhalt verloren zu haben. Heute steht die Metapher des Schulz-Zuges für mich sinnbildlich für eine Ego-Lokomotive, die entgleist ist. Bam und Bee jagen dagegen mit Überschallgeschwindigkeit durchs Social-Media-Universum . . .

Artikel bewerten
0
loading