Kirchberg Mangelnde Grundversorgung am Ort? „Das wäre fatal!“

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Kirchbergs Bürgermeister Frank Hornek strebt seine vierte Amtszeit an. Foto: Werner Kuhnle

Kirchberg - Seit bald 24 Jahren leitet Frank Hornek als Bürgermeister die Geschicke der 3800-Seelen-Gemeinde Kirchberg. Im Sommerinterview macht er deutlich, dass er ab 2018 mit seiner dann vierten Amtszeit gerne acht weitere Jahre dranhängen möchte. An Themen für diese Zeit würde es – wie auch zuletzt – nicht mangeln, gerade in Anbetracht der inzwischen nur noch rudimentär vorhandenen Grundversorgung im Ort und dem weiteren notwendigen Ausbau der Kinderbetreuung.

Um gleich mit dem aktuellsten Thema einzusteigen: Seit Mitte August ist mit dem Edeka-Markt der einzige Supermarkt in Kirchberg geschlossen. Inwieweit haben Sie Hoffnung, dass sich ein neuer Markt ansiedeln wird?
Die Hoffnung ist vorhanden. Allerdings spitzt es sich auf wenige mögliche Kandidaten zu – und da hängt es davon ab, ob diese zu- oder absagen. Je nachdem gibt es dann ein „Weiter“ mit einem neuen Markt. Oder es würde zu der fatalen Situation kommen, dass die Grundversorgung in Kirchberg stark eingeschränkt wäre. Die Situation ist schwierig – ich habe mich bereits vor mehr als 20 Jahren abstrampeln müssen, um mit Spar überhaupt einen Interessenten zu finden. Schon damals war es so, dass viele gesagt haben: Der Ort ist zu klein, das Verkehrsaufkommen zu gering, also rechnet sich der Markt nicht. Das ist auch heute das schlagende Argument. Wir können uns glücklich schätzen, nicht übermäßig verkehrsbelastet zu sein. Das holt uns bei diesem Thema aber total negativ ein.
Was können Sie als Vertreter der Gemeinde diesen Bedenken entgegnen?
Der Markt wäre in Kirchberg konkurrenzlos, und in seinem direkten Umfeld befinden sich 500 Arbeitsplätze. Das bietet ein Potenzial, gerade wenn ein Markt gut geführt wird. Dass das beim Edeka nicht der Fall war, war sicherlich auch ein Grund dafür, dass der Umsatz nicht wie gewünscht war. In einem kleinen Ort ist es ganz wichtig, kundenfreundlich zu sein. Das kostet nichts, und das muss ich einfach leben, auch als Chef vorleben. Das fängt beim Grüßen an. Generell ist unser Einfluss als Gemeinde bei der Suche nach einem Nachfolger überschaubar. Der Markt aber ist vorhanden. Mein erstes Bestreben ist es, im regelmäßigen Kontakt mit dem Eigentümer zu stehen: Wo hat er welche Resonanz? Wo ist was möglich? Wer hat abgelehnt?
Gehen wir vom Fall aus, es wird keine Nachfolge geben. Ist diese Situation zu stemmen?
In Deutschland ist das Thema Mobilität normalerweise kein Problem, und die Märkte sind ja nicht allzu weit entfernt. Aber es gibt eben Leute, die haben die Mobilität nicht. Und es trifft ja auch jeden Einzelnen von uns. Selbst wenn man seinen Großeinkauf dort nicht macht, so braucht man unter der Woche doch mal schnell die ein oder andere Kleinigkeit. Und diese Möglichkeit gibt’s dann nicht mehr.
Neben dem Edeka haben auch eine Metzgerei und Brosi’s Drogerie geschlossen. Stirbt der Ort langsam aus?
Das ist nicht mein Empfinden. Ich glaube aber, alle Gemeinden – auch größere Städtchen – haben das Problem, dass die Infrastruktur mit Einkaufsmöglichkeiten immer geringer wird. Auch von den geschlossenen Schlecker-Läden sind viele Gemeinden betroffen. Die Drogerie war ein ehrenwerter Versuch, dies aufrechtzuerhalten. Und mit drei Metzgern war Kirchberg lange Zeit herausragend versorgt. Durch die Altersstruktur und fehlende Nachfolger müssen wir uns hiervon aber leider teilweise verabschieden.
Ein Indiz dafür, dass die Gemeinde nicht ausstirbt, sind die steigenden Kinderzahlen. Für Kirchberg ist das eine Herausforderung – aber sicherlich eine schöne, oder?
Ja, absolut! Wir haben uns mal in Nachbargemeinden umgehört und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die Geburtenzahlen pro 1000 Einwohner bei uns deutlich am höchsten sind. Die Zahl der Kinder pro Jahrgang ist bei uns von 30 bis 35 auf 50 gestiegen. Und diese ‚Boomzahlen’ halten sich jetzt im dritten Jahr in Folge – was für uns übrigens nicht erklärbar ist. Aus meinem Blickwinkel ist es rundum positiv, hohe Kinderzahlen und viele junge Familien im Ort zu haben. Klar ist aber auch, dass daraus Aufgaben entstehen. Und die größte Aufgabe findet sich in der Betreuung in den Kindertagesstätten wieder. Da heißt es für uns, zusätzliche Kapazitäten zu schaffen und zu überlegen, wo die noch sein können. Auf die Grundschule hat es auch Auswirkungen – aber dort werden aus zwei sehr kleinen eben zwei normalgroße Klassen.
Wie sieht hier das weitere Vorgehen aus?
Wir werden im Januar im Kindergarten Pfarrgartenstraße eine Kleingruppe starten. Diese wird in den Folgejahren sicherlich zur Vollgruppe ausgebaut. Wir werden unser KigaPlus-Angebot erweitern, sodass wir hier Aufnahme-Kapazitäten für über 50 Maxi-Kinder haben. Das brauchen wir erst in drei Jahren, aber darauf werden wir uns rechtzeitig einstellen. Und wir werden im Auge behalten müssen, ob wir damit den Bedarf abgedeckt haben, oder ob der weiter steigt. Dann wäre die Frage, wo man Raumreserven findet – in der Pfarrgarten- und in der Schulstraße sicherlich nicht. Abwarten müssen wir auch, was im Krippenbereich passiert. Da haben wir ja erst die zweite eröffnet, sind gut aufgestellt. Aber eine Prophezeiung, ob das Thema damit abgeschlossen ist, will ich in diesem Bereich nicht mehr geben.
All das kostet. Zum Beispiel fließt erstmals mehr als die Hälfte aller Personalausgaben der Kommune in die Kinderbetreuung. Müssen andere Bereiche zurückstecken?
Sie können jeden Euro nur einmal ausgeben, das ist klar. Die Kinderbetreuung in ganz Deutschland wurde in den vergangenen Jahren immens ausgebaut. Und wir haben jetzt eine lang anhaltende gute Phase in der Wirtschaft. Wie sich das finanzieren soll, wenn es mal wieder zum Abschwung kommt, ist die eigentlich spannende Frage. Erst dann wird die Konkurrenz zu anderen Dingen richtig zu Tage treten. Ich habe auch wenig Verständnis dafür, zu meinen, in diesen guten Zeiten die Kindergartengebühren infrage zu stellen. Generell gilt: Finanzieren müssen wir es, und in Kirchberg wollen wir das natürlich auch.
Auch die Gemeindefinanzen befinden sich auf einem Hoch, seit 2015 ist Kirchberg schuldenfrei. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Wir sind traditionell eine steuerschwache Gemeinde, waren jahrzehntelang überdurchschnittlich hoch verschuldet. Aber wir haben es jetzt in all den Jahren dahin gebracht, schuldenfrei zu sein. Wir haben kein Geld auf der hohen Kante, von ein, zwei Millionen abgesehen – und auf diesem Niveau möchten wir das Geld sinnvoll ausgeben. Zugute kommt uns, dass wir im Bereich Kinderbetreuung den sicherlich sinnvollen Weg gegangen sind, alle Erweiterungen ohne Neubau bewältigt zu haben. Wir haben die bestehenden Einrichtungen saniert, sowohl was die Kindertagesstätte Schulstraße als auch die KigaPlus-Räumlichkeiten im Schulgebäude betrifft.
Mit dem Bau der Sporthalle, dem S-Bahn-Anschluss und der Sportplatzerweiterung liegen Großprojekte hinter Ihnen. Folgt nun die Gemeindehalle?
Die Gemeindehalle ist das Wunschziel. Das ist nicht nur ein Luxusziel, sondern da ist auch eine Notwendigkeit vorhanden. Die Halle ist über 40 Jahre alt. Bis sie saniert ist, wird sie 50 Jahre alt sein. Allein wenn man es vernünftig macht, wird man mit drei bis vier Millionen Euro rechnen müssen. Dafür fehlt uns im Moment die finanzielle Grundlage. Die Notwendigkeit ist uns aber bewusst und Ziel wird sein, dass wir zu einer Konzeption kommen, sodass wir sagen können: So wollen wir es!
Ist eine Tendenz vorhanden, ob das eine Sanierung oder einen Neubau beinhalten wird?
Wenn man beobachtet, was für ähnliche Neubau-Projekte gezahlt wird, ist es damit wohl nicht so einfach getan. Und die Planer sagen auch, dass es eine erhaltenswerte Grundsubstanz gibt. So viel kostensparender würde man also neu nicht bauen. Bis das Thema im Gemeinderat groß aufgerufen wird, wird es aber noch dauern. Vorher wird es um Konzeptionelles gehen.
Welche weiteren Projekte stehen an?
Wir werden, abgesehen von der Gemeindehalle, wieder die klassischen Aufgaben tun müssen: Straßensanierungen mit Kanälen und Wasserleitungen. 2019 wird hierbei die Gartenstraße angegangen. Und es wird auch weitere Straßen geben, in denen wir viel Geld vergraben werden. Und dann beschäftigt uns die Versorgung der Bevölkerung mit Wohnbauplätzen. Dass wir beim Baugebiet Berg jetzt nur einen kurzen Sprung machen, ist uns klar. Das Gebiet aber war größer nicht möglich. Dafür konnten wir es relativ schnell aufs Gleis bringen. Jetzt müssen wir uns mit aller Kraft darauf konzentrieren, dass das mit 60 Bauplätzen deutlich größere Gebiet Rappenberg IV folgen wird. Da erhoffe ich mir noch in diesem Jahr die entscheidenden Abstimmungen mit dem Landratsamt, unter anderem in Sachen Naturschutz. Daraus wird sich die weitere zeitliche Perspektive ergeben.
Wird sich in Sachen Radweg nach Marbach/Erdmannhausen etwas tun?
Es wird gerade wohl daran gearbeitet, dass das Planfeststellungsverfahren in die Gänge kommt. Das A und O ist, dass man eine genehmigte Planung hat und dass die Eigentumsverhältnisse geklärt sind. Erst wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, können wir den politischen Kampf aufnehmen, wann gebaut und wie finanziert wird. Beide Grundlagen sind schwierig zu schaffen, wobei ich auf Risiko unserer Gemeinde in den letzten Jahren Flächen auf Kirchberger Gemarkung aufgekauft habe. Unlängst konnten wir da wieder tätig werden, sodass bei uns nur noch zwei Grundstücke fehlen. Auf Marbacher Gemarkung sind es noch sehr viele, aber da scheint man sich nun auch verstärkt darum zu kümmern.
Gibt’s Neuigkeiten in Bezug auf den gewünschten Zuschuss für den neuen Mannschaftstransportwagen der Feuerwehr?
Gleich am ersten Morgen nach meinem Urlaub hat mir unser Kämmerer, Herr Nobis, mitgeteilt, dass der Zuwendungsbescheid gekommen ist. So können wir jetzt an das Projekt herantreten. Aber bis der Wagen ausgeliefert ist, werden wir uns sicherlich weit im nächsten Jahr bewegen.
Bis dahin steht auch die Bürgermeisterwahl in Kirchberg an. Ihre Gedanken reichen ja bereits weit in die Zukunft. Heißt dass, dass Sie 2018 zur Wiederwahl antreten werden?
Ja, da werde ich wieder kandidieren. Ich denke bei all dem, was man geschaffen hat, habe ich auch für mich selbst eine Verbundenheit zum Ort erzielt. Wir als Familie fühlen uns hier auch wohnlich wohl, und es gibt sicher auch für die kommenden Jahre noch einige schöne Herausforderungen, um das ein oder andere zu verbessern. Oder um das, was man erreicht hat, zu erhalten. Das ist ja auch ein Ziel.
Sie bestreiten bereits Ihre dritte Amtsperiode. Wie blicken Sie auf diese zurück?
Ich denke, es waren siebeneinhalb gute Jahre – und da würde ich eben gerne weitermachen. Wir haben ein sehr vernünftiges Miteinander im Gemeinderat. Wir haben spannende Projekte gehabt. Die S-Bahn ist nach Kirchberg gekommen, was für uns als kleine Gemeinde ein Jahrhundertereignis war – auch wenn man mit dieser Bezeichnung sonst vorsichtig sein sollte. Dazu haben wir den Ortsbus mit seinen vielen Haltestellen installiert. In der Kinderbetreuung ist unheimlich viel passiert. Mit der Sportvereinigung haben wir an den Sportplätzen viel erreicht, und nicht zu vergessen die umfangreichen Straßensanierungen.
Inwieweit hat sich Ihre Arbeit als Bürgermeister in den insgesamt fast 24 Jahren verändert? Was ist vereinfacht oder vielleicht auch erschwert worden?
(schmunzelt) Erleichtern – das wäre natürlich schön. Ich glaube, in Deutschland wird alles noch viel komplexer und schwieriger. Manche Dinge denke ich auch zu Recht. Aber viele Dinge machen uns das Leben schwer. Und es ist oftmals so, dass das Formale auf der einen Seite gegen den gesunden Menschenverstand auf der anderen Seite steht. Und da in der Praxis eine Lösung hinzubekommen, bei der alles im rechtlichen Rahmen ist, wird schwieriger.
Sind kleinere Gemeinden wie Kirchberg von dieser Entwickelung besonders betroffen?
Hat man den Mut, hat man in kleineren Gemeinden vielleicht doch eher mal die Möglichkeit, sich dieser Entwicklung zu entziehen. Ob man da im Nachhinein dann von jemandem Prügel bezieht, das ist wieder eine andere Frage. Aber ich denke, das Ergebnis muss einfach stimmen. Man redet so oft über Bürokratieabbau, aber am nächsten Morgen findet man doch wieder die nächste Verordnung auf dem Schreibtisch. Um auch die letzten 0,1 Prozent zu regeln, die man bisher noch nicht erreicht hatte.
In hohem Maß involviert war Kirchberg beim Flüchtlingsthema. Ihr Zwischenfazit?
Für eine Gemeinde mit 3800 Einwohnern sind annähernd 100 Flüchtlinge, die wir letztes Jahr bekommen haben, natürlich ein Wort. Aber wir haben uns solidarisch der Aufgabe gestellt und mehr Flüchtlinge aufgenommen, als das wir das anteilsmäßig hätten tun müssen. Es hat unheimlich viel Engagement seitens meiner Mitarbeiter, speziell im Hauptamt, gefordert. All das wäre in der Qualität aber nie möglich gewesen, wenn sich nicht der Arbeitskreis Asyl gebildet hätte, der mit viel zeitlichem Engagement und Herzblut eine Arbeit verrichtet, wie sie hauptamtlich nicht zu leisten ist. Die Integrationsangestellte mit einer 25-Prozent-Stelle – gemeinsam mit Affalterbach – war für uns eine große Erleichterung. Und auch im Hinblick auf die Arbeit vom Arbeitskreis Asyl bringt das, so denke ich, eine deutliche Verbesserung.
Abgeschlossen ist das Flüchtlingsthema natürlich nicht. Wie geht’s hier im Ort weiter?
Wir befinden uns in einer Phase, in der die Menschen weiterhin betreut werden müssen. Das wird auch eine Daueraufgabe bleiben. Gleichzeitig haben wir die Herkulesaufgabe, gemeindeeigenen oder angemieteten Wohnraum zu schaffen, um die Anschlussunterbringung zu gewährleisten. Das ist auf dem überhitzten Wohnungssektor im Großraum Stuttgart eine sehr schwere Aufgabe. Bei uns gibt es auch keine leerstehenden Hotels wie anderswo. Wir haben dieses Jahr 30 Personen aufzunehmen, davon haben wir 20 untergebracht. 2018 rechnet unser Landkreis mit einer hälftigen Quote, also nochmal 15 Personen. Für 25 Personen gilt es also Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Und die Betreuung steht natürlich auch an – ein Riesenthema.
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