Kirchberg/Backnang Schwäbischer Schaffer mischt in Mekka mit

Von
Hermann Püttmer ist der Chef der Firma Riva. Foto: Michael Raubold Photographie

Kirchberg/Backnang - Die ägyptische Flagge flattert im eisigen Wind des Wintermorgens. Geschäftspartner aus der arabischen Welt werden bei Riva professionell empfangen. Aber weder schwarze Luxuslimousinen noch kopfbedeckte Scheichs sind am Rande des schwäbischen Städtchens Backnang zu sehen. Eine leichte Schneedecke ersetzt heißen Wüstensand – eine Art skandinavische Tristesse bildet die Kulisse an der Schranke, die den Firmenparkplatz nach der Anmeldung für Besucher freigibt.

Es ist 9.30 Uhr. Das Unternehmen mit seinen rund 320 Mitarbeitern im Industriegebiet Lerchenäcker ist längst erwacht. Wenig später vermittelt das futuristische Entree hinter der Glasfront des Hauptgebäudes einen ersten Einblick in die architektonische Extravaganz des Bauunternehmen. Eine eigenwillig geschwungener Freitreppe mit Magenta-Tönen weist den Weg ins Management. Der Besuch gilt Hermann Püttmer, einem erfolgreichen Baulöwen, der mit megagroßen Fassadenelementen im internationalen Big Business mitmischt. Püttmers Steckenpferd ist Mekka. Die Aufträge der Saudis bilden den Grundstock des kleinen Imperiums, das seit den Anfängen von Riva im Jahr 2004 immer größer geworden ist.

Eine riesige taghelle Fertigungshalle vermittelt Weite, die zum Global Player passt. Konzentriert widmen sich an diesem Morgen junge Auszubildende unter der Ägide ihrer Lehrmeister dem CNC-Fräsgeschäft. „Auch Riva muss dem sich abzeichnenden Fachkräftemangel entgegenwirken und strebt optimale Arbeitsbedingungen an“, erklärt Witold Buenger, Pressesprecher des Unternehmens. Laute Geräusche werden zumindest an diesem Tag einfach verschluckt. Das Miteinander in der Halle unterliegt einem straffen Management. Hier geschieht nichts zufällig.

Beeindruckend sind die Dimensionen der Dachkonstruktionen und Fassaden. „Wir stellen Tore für enorm hohe Gebäude her“, erzählt Buenger. Etwa 30 bis 40  Meter hoch muss zum Beispiel ein Element sein, das im Moscheebereich von Mekka angefertigt wird. Da in der Wüste starke Sandstürme auf das Material einwirken, muss Riva für die großen und wuchtigen Gebäude stabile Lösungen entwickeln. Das belegt der Blick in die orientalische Mini-Welt inmitten einer Fertigungshalle. Ornamental verzierte Wände wirken wie Kulissen einer Theaterlandschaft aus Tausend und einer Nacht – selbst stark verkleinert strahlen sie eine imposante Exotik aus.

Entscheidend ist das Know-how: „Wir schaffen, diese Elemente dreidimensional zu bearbeiten, sodass sie zwar aus Stahl sind, aber auf Wunsch auch wie Holz aussehen können“, berichtet Sebastian Friling, Leiter der Konstruktionsabteilung. Auf einem Plakat an einer Wand ist zu sehen, wie groß die Baustelle im Heiligtum von Mekka ist. Zehntausende von Pilgern drängen sich allein im Innenhof dieser „Stadt in der Stadt“. Sicherheit hat Vorrang in der Millionenmetropole – das geht nur über Stabilität in der Konstruktion.

Die Kontakte nach Mekka markierten einen Wendepunkt in der Firmengeschichte. Hatte sich Hermann Püttmer mit seinem Team in den Jahren nach 2004 vor allem noch hierzulande im Fassadenbau betätigt, ebnete ihm später seine sechs Etagen hohe Glasfassadenkonstruktion im Mecca Royal Clock Tower Hotel den Weg in die Zusammenarbeit im Megaprojekt Moscheeerweiterung in Mekka. Sein Unternehmen habe in all den Jahren mehrere hundert Millionen Euro erwirtschaftet, erzählt Püttmer bei einer Tasse Kaffee im Büro.

Der Firmenchef strahlt eine bodenständige Selbstsicherheit aus. Längst verfolgt der schwäbische Tüftler neben dem Fassadenbau noch andere Projekte. Freimütig erzählt er vom Batteriebau für Automobile und davon, dass er im Vergleich zum Weltkonzern Bosch kürzere Entscheidungswege habe. „Wir wollen nicht von den Projekten in Mekka abhängig sein“, sagt er. Schließlich sei Riva dort seit zwei Jahren nicht mehr tätig gewesen. Inzwischen verfolge das Unternehmen Großprojekte wie den Gran Tower in Frankfurt. Es soll Deutschlands höchstes Wohnhochhaus werden und bindet einen Großteil der Kapazitäten auf 40 000  Quadratmetern.

Über seinen Glauben will Hermann Püttmer nicht viele Worte verlieren. Der Muslim strebt Verständigung an: „Alle Menschen sind Brüder“, sagt er in Anlehnung an Schillers „Ode an die Freude“. Püttmer, der Geschäftsmann und Kunstliebhaber, der Schiller- und Marbach-Freund, weiß: Störfaktoren wären Sand im Getriebe dessen, was den Schaffer antreibt.

Fotostrecke
Artikel bewerten
16
loading