Großbottwar Mit Innenentwicklung gegen den Flächenfraß

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Der Landschaftsverbrauch im Land ist enorm. Foto: dpa

Großbottwar - Neuere Daten konnte Gisela Splett, Staatssekretärin im Verkehrsministerium, noch nicht präsentieren. Aber die aktuellsten von 2012 klingen alarmierend genug. Demnach wurden täglich allein in Baden-Württemberg 6,7 Hektar unbebautes Terrain versiegelt. Das entspricht einer Fläche von rund zehn Fußballfeldern. Wie dieser Landschaftsfraß gestoppt werden könnte, darüber diskutierten Splett, Stefan Flaig, Vorsitzender des BUND-Kreisverbands Ludwigsburg, und der Großbottwarer Bürgermeister Ralf Zimmermann am Dienstagabend auf Einladung des Grünen-Landtagsabgeordneten Daniel Renkonen bei den Bottwartaler Winzern. Dabei war sich das Trio im Grundsatz einig, dass Innen- vor Außenentwicklung stehen sollte. Wie streng dieses Prinzip in der Praxis angewandt werden sollte, darüber gingen die Meinungen allerdings weit auseinander. Vor allem zwischen Ralf Zimmermann und Stefan Flaig.

Der Rathauschef erklärte vor rund40 Zuhörern zunächst, dass die Kommune seit Mitte der 90er-Jahre keine Neubaugebiete mehr ausgewiesen habe. Zudem habe man mit Winzerhausen am Landesprogramm „Flächen gewinnen durch Innenentwicklung“ teilgenommen. Und er betonte, „dass wir sorgsam mit Flächen umgehen müssen“. Ralf Zimmermann stellte allerdings klar, „dass es ganz ohne Flächenverbrauch in absehbarer Zeit nicht gehen wird“. Der Druck auf dem Wohnungsmarkt sei gigantisch, konstatierte er. „Da werden wir eine Antwort liefern müssen. Wir versuchen es mit Innenentwicklung. Da stoßen wir aber an unsere Grenzen“, sagte der Rathauschef.

Stefan Flaig hält es aber für unsinnig, auf diese Situation mit der Ausweisung eines neuen Wohngebiets zu reagieren. „Das ist der Wahnsinn“, meinte der BUND-Mann. Unumstößlicher Fakt sei, dass Deutschland Einwohner verliere. Dieser Schwund lasse sich auch nicht durch Zuwanderer kompensieren. „Es kommen also gewaltige Leerstände auf uns zu“, prognostizierte der Marbacher. Junge Familien wären im Grunde die einzigen, die hier gegensteuern und beispielsweise die Häuser aus den 50er-Jahren aufkaufen könnten, um sie dann herauszuputzen. Aber eben nicht, wenn sie raus auf die grüne Wiese gezogen würden.

In Sachen Gewerbeflächen schlug Flaig vor, dass die Kommunen ihr Konkurrenzdenken über den Haufen werfen und sich zusammenschließen sollten, um die vorhandenen Flächen gemeinsam zu vermarkten. Der BUND-Vorsitzende wunderte sich zudem, dass 80 Prozent der Entwicklung jenseits der Entwicklungsachsen stattfinde. Dabei solle es doch genau umgekehrt sein. Problematisch ist in dem Punkt für ihn die kommunale Planungshoheit. „Das Land kommt da gar nicht ran“, sagte er.

Ralf Zimmermann erklärte daraufhin, dass Großbottwar sehr wohl steigende Geburtenzahlen verzeichnen könne, die Bevölkerungszahlen folglich hier nicht rückläufig seien. Und was die kommunale Planungshoheit angehe: die sei im Grundgesetz verankert. „Ich stehe zur kommunalen Planungshoheit. Das Land ist nicht automatisch schlauer“, sagte auch Gisela Splett. Trotzdem sei es natürlich wichtig, dass die Genehmigungsbehörden die Planungen der Städte und Kommunen genau unter die Lupe nehmen. So müsse zum Beispiel jeweils geprüft werden, ob der angemeldete Bedarf an neuen Flächen tatsächlich vorhanden ist.

Die Staatssekretärin im Ministerium für Verkehr und Infrastruktur hob zudem hervor, dass es das politische Ziel sei, den Flächenverbrauch zu reduzieren. Im Koalitionsvertrag sei auch festgehalten, dass in der Hinsicht bis 2016 Erfolge erzielt werden sollen. Die Grünen-Politikerin führte auch aus, wie die weitere Zersiedelung eingedämmt werden könnte. Auf kommunaler Ebene könnte beispielsweise Überzeugungsarbeit geleistet und Baulücken erfasst werden. Sie riet, aktiv auf Eigentümer zuzugehen, um brach liegende Flächen zu aktivieren. Ein weiteres Instrument sei, die Ortskerne aufzuwerten. „Dabei kann man die Förderprogramme des Landes nutzen“, betonte sie. Dafür seien diese schließlich da: Um Anreize zu schaffen, keine weiteren Grundstücke zu versiegeln. „Es hat eigentlich auch nur Vorteile, Innenentwicklung zu betreiben“, erklärte Gisela Splett. Das Ortsbild bleibe intakt, die Wege seien kurz, Freiräume blieben erhalten, der Klimaschutz profitiere davon, und für die Lebensqualität sei es ebenfalls von Vorteil.

Der Großbottwarer Stadtrat Robert Wien gab in der abschließenden Fragerunde aber zu bedenken, dass die Wirtschafts- und Sozialsysteme auf Wachstum ausgerichtet seien. Und damit einher gehe der Flächenverbrauch, meinte er. Leider habe er noch nie ein Rezept gehört, wie es anders funktionieren sollte. „Das Wachstum ist begrenzt“, erwiderte Gisela Splett. Die Ressourcen seien endlich. Insofern müsse man Wege finden, ohne Steigerungen zurechtzukommen. „Die Rezepte müssen wir jetzt entwickeln“, ergänzte Stefan Flaig. Es gehe darum, zu sparen, sich gesundzuschrumpfen und sich zusammenzutun.

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