Gerlingen Professionelle Hilfe ist wichtig

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Sich Zeit nehmen, aber auch klare Verhältnisse schaffen, rät Barbara Riethmüller. Foto: dpa

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arbara Riethmüller ist eine unglaubliche Frau: Man sieht ihr die neuerdings 71 Jahre kaum an, trotz ihres Handicaps stemmt sie ihren Alltag und sprüht vor Ideen und markigen Sprüchen. Im Ruhestand geht sie zahlreichen Ehrenämtern nach, neben ihrer Tätigkeit im Kreisseniorenrat ist sie auch Ansprechpartner in Baden-Württemberg für den Interessensverband „wir pflegen“, einem Zusammenschluss von pflegenden Angehörigen und Menschen, die sich beruflich mit Beratung, Pflege, Lehre und Forschung befassen (www.wir-pflegen.net).

Beruflich bringt Barbara Riethmüller als Senioren-, Angehörigen und Demenzfachberaterin beim Pflegestützpunkt Gerlingen eine große fachliche Erfahrung mit – und kann aus vielen leidvollen Erlebnissen berichten, dass Pflege innerhalb der Familie oft mit Konflikten einhergeht. „Das bisschen Pflege wird schnell zu viel“, erinnert sie an den Klassiker „Das bisschen Haushalt“. Natürlich gebe es auch gute Situationen in der häuslichen Pflege. „Wenn man vorher schon ein gutes Verhältnis hatte, kann es klappen.“ Aber man müsse sich bewusst sein, dass die durchschnittliche Pflegedauer neun Jahre betrage – deshalb sind die zwei Jahre Familienpflegezeit „ein Witz“ – und dass speziell bei Demenz sich die Persönlichkeit und damit die Beziehung verändert.

Spätestens dann sollte man professionelle Hilfe dazu holen. „Eine neutrale Pflegeperson hat nicht das lebenslang angesammelte Päckchen zu tragen.“ Kinder bekommen es oft nicht mit, wenn die Mutter oder der Vater langsam dement werden. „Der Anfang ist schlimm, wenn man denkt, die lügen, wenn schon wieder die Handtasche weg ist, oder fremde Leute das Bett verschmutzt haben sollen.“

Ein Tabu-Thema ist Gewalt in der Pflege. „Dabei geht es nicht nur um körperliche Gewalt, sondern auch das Ausnützen von Macht gegenüber Abhängigen.“ Aber auch die Angehörigen leiden unter der Pflegesituation, da der Kranke mit sich oder der Situation unzufrieden, seinen Frust mitunter verbal oder auch tatsächlich aggressiv herauslässt. „Die Familie ist der gefährlichste Ort“, sagt Barbara Riethmüller auch in Anspielung auf den Tatort „Im toten Winkel“, der aus ihrer Sicht die Problematik überspitzt, aber gut darstellt.

Ein völlig überforderter Mann tötet seine demenzkranke Ehefrau und versucht, sich dann selbst das Leben zu nehmen. „Er ist völlig verzweifelt, wird von seiner Familie und dem Pflegesystem allein gelassen.“ Ein weiteres Tabuthema sei Selbstmord im Alter, so Barbara Riethmüller. „Das betrifft hauptsächlich Männer, die allein sind und mit ihrem Leben nicht mehr zurecht kommen.“ Wenn Oma oder Opa im Haus wohnen, sich noch etwas um die Enkel kümmern können und kleine Aufgaben übernehmen, dann ist das für beide Seiten eine gewinnbringende und befriedigende Situation. „Stelle dich gut mit deinen Kindern – sie könnten dich später pflegen müssen“, rät Barbara Riethmüller allen älter werdenden Eltern. Und den Kindern rät sie zur Nachsicht: „Man würde von einem mit Gipsbein ja keinen Marathon erwarten, das ist ähnlich verrückt, wie von einem Demenzkranken wissen zu wollen, was er gefrühstückt hat.“

Das Gedächtnis geht verloren, aber „die Seele wird nicht dement“. Die Herzlichkeit nimmt zu, ja sogar Liebe im Alter ist möglich. „Das führt dann zu einer anderen Art von Konflikten“, schmunzelt Barbara Riethmüller. Die Menschen fühlen sich oft wieder jung, hören die Lieder aus ihrer Jugend, tanzen gerne und halten den Pfleger für den Liebhaber längst verflossener Tage.

Auch Kinder und Lieblingsenkel müssen verstehen, dass sie in dieser Zeit noch nicht existierten. „Der Kern der Persönlichkeit geht nicht verloren“, ist sich Barbara Riethmüller sicher. „Das Gedächtnis ist halt wie eine Bücherei, da kommt manches durcheinander, und man findet anderes, das man gar nicht gesucht hat.“

Ein anderes Thema, das oft unterschätzt wird, ist der zunehmende Bewegungsdrang. Das „Wandern“ kann Spitzenwerte von 40 Kilometer am Tag erreichen. Hier sei es wichtig, bei der Wahl des Pflegeheims darauf zu achten, dass die Bewohner nicht nur im Zimmer sind, sondern sich in einem gesicherten Bewegungsparcours müde laufen können. „Dann muss man natürlich schauen, dass die Kalorien wieder reinkommen und genügend getrunken wird.“

Statt sich in der Pflege aufzureiben, sollten Angehörige sich lieber Zeit fürs Essen nehmen, das schon mal eine Dreiviertelstunde in Anspruch nehmen kann, ihren Lieben vorlesen oder sie auf Spaziergängen begleiten. „Es gibt immer wieder lichte Momente, da ist es schön, wenn man dabei ist.“

Die Pflege innerhalb der Familie ist auch aus finanziellen Gründen eine Herzensentscheidung. „Wer pflegt, verliert“, sagt Riethmüller und meint damit den minimalen Aufschlag bei der Rente. Finanziell müsste vieles besser geregelt werden. „Nur wenn Sie richtig arm oder richtig reich sind, kriegen Sie alles, was notwendig ist.“

Unterm Strich bleiben folgende Ratschläge: Vorsorgen, klare Absprachen treffen, professionelle Hilfe holen, und sich dann Zeit nehmen für die Dinge, die das Pflegepersonal nicht leisten kann. „Konflikte sollte man nicht zu ernst nehmen, sie sind ja meist auch schnell wieder vergessen“, spielt Barbara Riethmüller auf die Vorteile der Demenz an.

Bei den Krankenkassen, Pflegestützpunkten und anderen Netzwerken gebe es viele Infos und gute Beratung, zum Beispiel die Broschüre „Leben im Anderland“ der Alzheimer-Gesellschaft. Man müsse sich so viel Hilfe und Unterstützung holen, wie nur irgendwie möglich ist. „Ein indianisches Sprichwort sagt: Man braucht immer ein Ohr, in das man Jammern kann!“

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