Die Freitagsreportage Wider dem allgemeinen Wegwerftrend

Von
Bei Chrom Wahl erhalten mobile Schätze ihren Glanz zurück. Foto: Michael Raubold Photographie

Oberstenfeld - Männerherzen schlugen höher bei Molly Malone. Von solch liebreizender Schönheit soll die irische Fischhändlerin gewesen sein. Und sie war bettelarm. Um zu überleben, musste sie ihren Körper verkaufen. So erzählt es eine irische Volksweise – die inoffizielle Hymne von Dublin. In der dortigen Grafton Street kann man noch heute die Eleganz der jungen Frau bestaunen– von der allerdings unklar ist, ob sie tatsächlich gelebt hat. Die Stadt hat der anmutenden Zartheit mit dem schweren Schicksal jedenfalls ein Denkmal errichtet.

Von alledem weiß die Oberstenfelderin Molly Malone natürlich nichts. Der Border Collie empfängt am Petersberg vorwitzig jeden neuen Gast. Der Mischlingshündin ist ein Teil dieser Geschichte gewidmet, deren weitere Zutaten die Liebe in ihrer kostspieligen Form ist und hauptsächlich Männer, die nach jedem Besuch bei Molly Malone ein klein wenig glücklicher gehen.

Womit Herrchen Peter Wahl die Bühne betritt. Denn es hat kaum Auswirkungen auf die Nachfrage, dass es den Beruf, den der inzwischen 58-Jährige einst ergriff, schon nicht mehr gibt. „Ich bin Galvaniseur und Metallschleifer“, betont er. Wer heutzutage ähnliches machen will, der wird Oberflächenbeschichter. Doch wo der eine vor allem Maschinen zu bedienen lernt, um den Massenmarkt zu befriedigen, beherrscht Peter Wahl noch die Handarbeit. Und genau das macht ihn interessant für die Möbelindustrie, die gehobene Ansprüche bedienen will, aber auch für Auto- und Motorradenthusiasten, die ihre Oldtimer lieben. Er kennt deren Not: „Gute Schleifer zu finden ist in Zeiten der Wegwerfmentalität schwer.“ Was erklärt, warum immer wieder Kunden auch aus dem Ausland den Weg nach Oberstenfeld finden.

Dass dabei Peter Wahl einmal derjenige sein wird, dem sie ihre Schätze anvertrauen werden, war zunächst allerdings alles andere als sicher. „Als junger Mann hätte ich mir gut vorstellen können, in einem Büro zu arbeiten und mir nicht die Hände schmutzig zu machen“, sagt er lachend und wirft einen Blick auf die an diesem Tag erstaunlich sauberen Fingernägel. Letztlich hat er sich für die Familientradition entschieden. Und ist damit in die Fußstapfen seines Vaters Egon, seines Großvaters Hermann und seines Ur-Großvaters Max getreten, der den Betrieb 1865 in Zella-Mehlis im Thüringer Wald gegründet hat.

Nur ein Jahr später hat ein gewisser Carl Friedrich Benz seinen Motorwagen zum Patent angemeldet. Heute türmen sich in einer Obstkiste in Peter Wahls Werkstatt vermackte, verdreckte und stumpfe Felgenabdeckungen eines historischen Mercedes – einer seiner nächsten Aufträge. Bevor die Teile wieder aussehen wie neu, müssen sie zunächst entchromt und entkupfert werden. Erst dann zeigt sich die Fingerfertigkeit von Peter Wahl, der auch einige Beulen entfernen muss. Zu guter Letzt verschwinden die Teile im Chrombad, wo sie nach mindestens 45 Minuten Aufenthalt blitzeblank wieder zum Vorschein treten werden. „Glänzend – so wollen es die Autoliebhaber“, weiß Peter Wahl, der vor allem für die Möbelindustrie auch die Nachfrage nach mattverchromten Flächen bedient. Für wieder andere Kunden muss es gar nicht das erst in den 30er-Jahren erfundene Chrom sein. Sie wollen eine vernickelte Beschichtung.

Stahl ist offensichtlich in vielerlei Hinsicht Peter Wahls Sache. Denn auch beim Griff in die Saiten beweist er Feingefühl. „Die zwei E-Gitarren im Foyer spielt er in jeder freien Minute“, sagt Bianca Dzierzawa erfreut, die gemeinsam mit Sigrid Hermann das Büro organisiert. „Knockin’ on Heaven’s Door“ ist einer der Hits, die er für sich, aber auch für sie, auf seiner Fender „Stratocaster“ zum Klingen bringt. Allerdings nicht zur Freude von Molly Malone. „Die ergreift dann meistens die Flucht“, sagt der passionierte Musiker.

Zum Gitarrenspiel sitzt er mitunter auf dem Sofa, das im Foyer den Kunden die Wartezeit versüßt und original den Charme der 60er-Jahre versprüht. „Bei uns ist das ein bisschen wie bei der Firma Hesselbach.“ Die Fernsehserie aus dem Jahr 1960 handelte von den alltäglichen Nebensächlichkeiten der titelgebebenden Familie Hesselbach. „Irgendwie ist die Zeit hier stehen geblieben“, sagt Wahl – selbst bekennender Oldtimerfan – nicht ohne Stolz.

Allerdings ist Zeit in den bevorstehenden Monaten für den Oberflächenbeschichter und sein Team vermutlich ein knappes Gut. Auch das Gitarrespiel könnte jetzt leiden, was für Molly Malone kein Verlust wäre. Peter Wahls rechte Hand Vito Cardaci und Kollege Giovanni Donnarumma sorgen in der Werkstatt jetzt dafür, dass es dem Büroteam und Birgit Wagner im Versand nicht langweilig wird. Denn so spät im Jahr werden Oldtimer nicht mehr gefahren, „jetzt werden sie gepflegt“, sagt Wahl. Und das bedeutet Hochkonjunktur in der Galvanik. Und dann gibt es natürlich noch die Nachzügler, „die im Frühjahr kommen und meinen, alles geht von heute auf morgen“.

Molly Malone wird auch diese Kunden freudig begrüßen. Ob das allerdings ausreicht, sie zu besänftigen, sollte ein Wagen doch mal nicht rechtzeitig fertig werden? Nicht alles zwar, aber was der kleine Handwerksbetrieb möglich machen kann, wird gemacht – damit der ungetrübten Fahrfreude in der kommenden Saison nichts im Wege steht. Wenn schon nicht – was kaum vorstellbar ist – Molly Malone für Herzsprünge sorgt, dann steigt der Puls doch, wenn das geliebte, kostspielige Gefährt wieder chromglänzend um die Kurven fegt.

Fotostrecke
Artikel bewerten
0
loading