Wie oft er hier von seinem Haus in Großbottwar die Strecke nach Neckarwestheim schon gefahren ist? „Ha, bestimmt 100 Mal“, schätzt Albrecht Klumpp. Hinter dem Lenkrad seines Autos lässt er an diesem Donnerstagabend auch die vergangenen Jahre an sich vorbeiziehen auf dem Weg zum Atomkraftwerk. Im Jahr 1973 ist der erste Block des GKN ans Netz gegangen. „Das hat mich damals total begeistert. Es ist ja auch wahnsinnig, was das Ding leistet“, sagt der 63-Jährige nüchtern.
Als junger Student der Elektrotechnik befasste er sich dann aber zunehmend mit den Auswirkungen, erzählt er. Als sich 1978 die erste Bürgerinitiative gegen das Kraftwerk in Marbach und Bottwartal gründet, ist der heutige Elektroingenieur im Ruhestand dabei. Bald darauf formiert sich dann auch der „Bund der Bürgerinitiativen Mittlerer Neckar“. An dessen Spitze steht Albrecht Klumpp heute als Vorsitzender. „Von Jugend auf bin ich Technikfan“, betont der Großbottwarer. An die beschwichtigenden Parolen aus einer Zeit, als die Kernkraft hauptsächlich für grenzenlosen Fortschritt stand, erinnert er sich genau: „Damals sagte man: Atomkraft ist eine Supersache! Der Müll wird endgelagert – und fertig!“ Doch seine Unschuld hat der Nuklearstrom seit damals längst verloren. „Heute vor 32 Jahren, kurz nach Mitternacht, ereignete sich im Block 4 der Atomreaktoren von Tschernobyl der Super-Gau“, sagt der Redner gerade in sein Mikrofon vor der Zuhörermenge.
Ungefähr 30 Männer und Frauen, unter ihnen auch der inzwischen hier angekommene Albrecht Klumpp, stehen vor dem wuchtigen Neckarwestheimer Schiebetor aus Beton, gesäumt von Stacheldraht. Ein Banner auf der Mauer am Parkplatz verkündet: „Fukushima ist überall, Atomkraft tötet“. Eben haben zwei Frauen noch Bambusstöcke in den Boden gerammt. „Unsere kleine Fahneninstallation“, erklärt eine blonde Aktivistin. Ihr Werk ist inzwischen getan: Jetzt knistern gelbe und schwarze Müllsäcke als Fahnen im Wind vor der massiven Mauer. Auch wenn sie uneinnehmbar wirkt, ist die Nuklear-Festung am Neckar politisch längst gefallen, der Atomausstieg seit der Katastrophe von Fukushima über Nacht alternativlos geworden. Ebenso plötzlich kamen die Grünen danach im Land ans politische Ruder.
Hier in Neckarwestheim demonstrierten die ersten Mitglieder einst zusammen mit Albrecht Klumpp gegen den Bau des zweiten Blocks von Neckarwestheim. „Whyl, Brokdorf, Gorleben“ – die Namen der Orte, die zu Meilensteinen und Symbolen der Antiatom-Proteste geworden sind, fallen in den Gesprächen am Rande oft. Fast alle tragen ihre gelben „Atomkraft, nein danke!“-Buttons, einer seit 40 Jahren, wie er sagt. Doch Atomkraft in Neckarwestheim und der Region ist noch lange nicht Geschichte. Seit April 2017 wird der Block 1 offiziell „zurückgebaut“. Doch wohin mit dem Schutt aus dem Abriss? Aus eben diesem Anlass hat sich eine neue Bürgerinitiative gegründet, wie Albrecht Klumpp erwähnt. Allgemein sei die Anti-Atom-Bewegung nach Fukushima nicht mehr abgeflaut. Die neue Gruppe nennt sich „Interessengemeinschaft Deponien Froschgraben Schwieberdingen und Burghof Horrheim“. Sie wendet sich gegen die Lagerung von schwach strahlendem Abrissmüll auf den dortigen Deponien. Diese letzten Überbleibsel des Abrisses wer den auch als „freigemessener Müll“ bezeichnet. „Jetzt haben wir Riesenkrach mit dem Umweltminister“, so Klumpp. Er verharmlose und verniedliche die Gefahr.
„Wir sagen: Dieser freigemessene Müll soll dort bleiben, wo er ist“ – also in Neckarwestheim. Das sei die sicherste und wirtschaftlichste Lösung. Am Horizont ist derweil ein Radler aufgetaucht, rollt den Buckel zum Meiler hinab, kommt rasch näher. Auf Höhe des Parkplatzes, wo die Demonstranten stehen, brüllt er plötzlich: „Was seid ihr Vollidioten!“ Einer unter den Zuhörern zieht kurz den Kopf ein. Doch mehr als ein Schulterzucken ringt solches Missfallen den anderen kaum ab. Dass sie Spinner oder Kommunisten seien, mussten sich die altgedienten Protestler vor Jahrzehnten schließlich wesentlich öfter anhören als heutzutage. Hier vor Ort mahnen und erinnern sie nicht nur, sondern fordern die sofortige Stilllegung, „statt weiter Atomstrom und Atommüll zu produzieren“. Der Redner sagt eindringlich: „Ein Atomausstieg sieht anders aus. Atomkraft ist und bleibt ein Spiel mit dem nuklearen Feuer!“ Ein Collie knurrt dazu in der Menge.