Die Freitagsreportage Viel Übung macht den Töpfermeister

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Marbach - Bei Susanne Maurer sieht alles unheimlich leicht und flüssig aus. Wie sie aus einem globigen Klumpen Ton in wenigen Minuten eine edle Vase formt. Wie sie geschickt einen Henkel an einen Krug modelliert. Wie sie ein Gefäß mit einigen Pinselstrichen aufhübscht. Doch wer selbst zum ersten Mal hinter der Drehscheibe in ihrer Töpferwerkstatt sitzt, erkennt schnell: Nichts, aber auch gar nichts ist hier leicht. Es erfordert eine gehörige Portion Kraft, den rotierenden Tonfladen mit den Händen emporzudrücken. Und selbst wenn das irgendwann irgendwie gelingen sollte, verliert man mit ziemlicher Gewissheit früher oder später die Kontrolle über das Material – das dann zu eiern anfängt und sich überall hinwölbt, nur nicht dahin, wo man es haben will.

Alles andere wäre aber auch überraschend. Und sollte einen auch nicht entmutigen. „Das ist ein normales Handwerk, das man erlernen muss“, sagt Susanne Maurer. Ihr sei es nicht anders gegangen. Die gebürtige Berlinerin, die heute in Erdmannhausen lebt, machte eine Ausbildung zur Keramikerin, experimentierte drei Semester lang an einer Kunstschule in Nürtingen, verbrachte ihre Gesellenjahre bei Ansbach, ehe sie schließlich noch die Meisterprüfung ablegte. Seit drei Dekaden betreibt sie schon eine Töpferei, die vergangenen 20 Jahre am Gerberplatz. Maurer hat also lange an ihrem Können gefeilt.

Dass sie in dieser Branche landete, hat sie gewissermaßen einer Lehrerin an ihrer Ludwigsburger Grundschule zu verdanken. Die Pädagogin riet ihren Eltern, die kleine Susanne am besten auf eine Waldorfschule zu schicken. Dort wurde dann großer Wert auf handwerkliche Tätigkeiten gelegt. „Das hat mir Spaß gemacht“, erinnert sich Susanne Maurer. So machte sie Bekanntschaft mit dem Töpfern. Diese Disziplin hatte für sie auch die größte Strahlkraft. „Da kann man so schön mogeln“, sagt sie lachend. „Man kann kleine Fehler wieder korrigieren. Das geht in anderen Handwerken nicht“, fügt die 59-Jährige noch erklärend hinzu. Allerdings kann selbst ein Profi wie Susanne Maurer einen Makel nur im Rohzustand ausbessern. Sind Vase, Tasse, Teller und Co. schon getrocknet, heißt es: rien ne va plus.

Andererseits geht es beim Töpfern auch nicht darum, ein im mathematisch-geometrischen Sinne perfektes Produkt herzustellen. „Das ist Handarbeit, jedes Stück ist individuell“, betont Susanne Maurer. Insofern könne in einem Service auch nie ein Teller dem anderen gleichen – wie es viele von Fließbandgeschirr kennen. Die Meisterin muss auch Kunden enttäuschen, die sie um die Reproduktion eines zu Bruch gegangenen Teils bitten. Ein Eins-zu-Eins-Ersatz lässt sich in ihrer Manufaktur nicht herstellen. Denn das Töpfern ist keine exakte Wissenschaft. Das Endergebnis hängt von vielen Faktoren wie der Brenntemperatur, dem Ofen – und dem Menschen an der Drehscheibe ab. Eine große Rolle spielt auch die Farbe. Da lasse sich vorher nicht zu hundert Prozent prognostizieren, welcher Ton am Ende herauskommt, erläutert Susanne Maurer. Kurioserweise hilft einem der Blick in die Eimer mit den Glasurmischungen dabei auch nicht entscheidend weiter. Die rötliche Flüssigkeit macht die Ware braun, die graue blau. Aus Rosé wird, na klar: rot.

Die Gefäße, die Susanne Maurer in den verschiedenen Glasuren badet, müssen zuvor mehrere Stunden in einem Ofen bei um die 950 Grad gebrannt worden sein. Zunächst müssen sie aber natürlich geformt und getrocknet werden. Letzteres dauert je nach Größe von Vase und Co. zwischen mehreren Stunden und zwei Wochen. „Sonst gehen sie im Ofen kaputt“, erklärt die Fachfrau, die auch Kinder und Erwachsene in der Kunst des Töpferns unterweist. Sind die Waren ungefähr so hart wie Leder, verpasst ihnen Susanne Maurer mit einer Abdrehschlinge den Feinschliff. Dabei werden manche Stellen fein abgehobelt und so in Form gebracht. Fix und fertig sind die Erzeugnisse erst, wenn sie ein zweites Mal, dann bei um die 1200 Grad, aus dem Ofen gezogen worden sind. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, an dem die Produkte an die Frau und an den Mann gebracht werden können. Das Portfolio in Susanne Maurers Laden reicht von Tellern, über Obstschalen bis hin zu Salatschüsseln, um nur einen klitzekleinen Ausschnitt zu nennen. Im Angebot hat sie auch Schmankerl wie Schillers Geburtshaus im Miniatur-Format, das ihr die Kleinbottwarer Kollegin Martina Otto zuliefert. Oftmals arbeitet Susanne Maurer Aufträge ab. Persönlich gestaltetes Kindergeschirr ist derzeit beispielsweise angesagt. Die Keramikmeisterin stellt Waren aber auch frei, also ohne Order, her. Das alles geschieht im Laden mit angeschlossener Werkstatt in der Bottwartalstraße 1.

In Susanne Maurers kleinem Töpferreich im hinteren Teil des Geschäfts stößt man unter anderem auf ein Sammelsurium an noch trocknenden, schon halbfertigen und fast fertigen Waren, auf Tassen voller Pinsel, Schürzen in verschiedenen Größen und drei Drehscheiben. Und wie es sich für ein Töpferstudio gehört, liegt über dem Boden ein kaum sichtbarer staubiger Film. „Alles, was auf dem Boden ist, wird weiß“, warnt Susanne Maurer Besucher lächelnd. Das weiß sie aus jahrelanger Erfahrung in einem Handwerk, das so leicht aussieht und doch so schwer ist.

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