Die Freitagsreportage Die harte Arbeit an musikalischer Leichtigkeit

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Bei den Proben des Ersten Orchesters wird mitunter viel gelacht. Foto:  

Großbottwar - Die Musiker tragen schwer. Rücken und Schultern halten das 15 Kilo schwere Akkordeon. Jetzt hat das Instrument allerdings für einen kurzen Moment zu schweigen. „Ta, ta, tatatat.“ Fünf Harmonikaspieler, sie bilden die erste Stimme, sprechen gemeinsam den Rhythmus. Es folgen drei zweite Stimmen, drei dritte, zwei vierte, zwei Bässe und schließlich alle zusammen. Dirigent Günther Stoll, Jahrgang 1952, anerkannter Fachlehrer für Akkordeon, achtet penibel auf den Gleichklang. „Oft klappt das Zusammenspiel besser, wenn jedem die rhythmische Figur bereits in Fleisch und Blut übergegangen ist“, erklärt der Dirigent. Seit 1991 steht der musikalische Leiter des Harmonika-Vereins Großbottwar-Oberstenfeld dem Ersten Orchester vor.

In der Tat, beim nächsten Durchlauf lächelt er zufrieden, während er den Taktstock schwingt. Offensichtlich ist es nach seinem Geschmack, was die 15-köpfige Gruppe an diesem Freitagabend zu Gehör bringt. Das sonst etwa 30 Mann zählende Ensemble ist unter anderem dezimiert, weil einige einen Kollegen zu seiner Hochzeit nach Brasilien begleitet haben.

Ungeübte Musiker könnten die häufigen Unterbrechungen an diesem Probeabend leicht missverstehen. Tatsächlich führt nicht mangelndes Können dazu, sondern gehobenes Spiel. Die 15 Musiker haben sich an schwere Literatur herangetraut und feilen nun an den letzten Feinheiten. Perfekt sitzen soll alles am 6. Mai, wenn das Erste Orchester zusammen mit dem preisgekrönten Duo Nebl & Nebl im Oberstenfelder Bürgerhaus unter dem Motto „Akkordeon trifft Klassik(er)“ auftritt. Der Abend ist für die Beteiligten etwas ganz Besonderes: Die Frühjahrskonzerte feiern dann ihr 25-Jahr-Jubiläum. „Bereits das erste davon, 1992 noch in der Aula der Matern-Feuerbacher-Realschule veranstaltet, war gut besucht“, erinnert sich Schriftführerin Stephanie Knorpp. Seither entdecken jährlich mehr Menschen ihre Liebe zur Akkordeonmusik.

„Vorzeichen“ hallt es scharf durch den Musikraum. Erfreut klingt Günther Stoll dabei nicht, auch wenn gerade die „Seven Songs of Joy“ auf dem Probeplan stehen. Doch das knappe Kommando wirkt. Als sich gegen Ende des Stücks immer deutlicher Ludwig van Beethovens Vertonung von Friedrich Schillers „Ode an die Freude“ herauskristallisiert, erhebt sich das tröge Klassenzimmer in majestätische Sphären.

Doch Moment. Waren da nicht eben Streicher zu hören? Zu entdecken sind sie zwischen all den Akkordeons jedenfalls nicht. „Das ist unser Elektronium“, erklärt Dirigent Günther Stoll lachend. Für den Laien unterscheidet es sich auf den ersten Blick nicht von einem normalen Akkordeon. Bedient wird das Instrument, das mit einem Tongenerator verbunden ist, von Claudia Thum. Auf Knopfdruck wechselt sie die Klangfarbe von einem Streich- zu einem Blasinstrument.

Apropos Knopfdruck. Wegen seiner fehlenden Knöpfe sticht das Instrument von Frank Feix ins Auge. Dem Musiker steht nur die Klaviatur zur Verfügung. Sein Bassakkordeon sorgt dafür für einen stabilen Unterbau des Ensembles.

Im echten wie übertragenem Sinn hält die Gruppe zusammen. Das zeigt sich nicht zuletzt am Beispiel von Feride Günsoy, an diesem Abend die dienstjüngste Musikerin im Raum. Erst wenige Wochen zuvor hat sie sich eine Knieverletzung zugezogen – „beim Sport, nicht beim Musizieren“, wie sie lachend erklärt – trotzdem hat sie keine Probe versäumt. Ihre Aussage, warum ihr das Akkordeon so sehr ans Herz gewachsen sei, ähnelt der von Susanne Winkler, die seit 47 Jahren die Tasten bedient und damit die dienstältesten Musikerin an diesem Abend ist „Neben der Liebe zur Musik ist es die tolle Gemeinschaft“, schwärmt sie.

„Dieser Zusammenhalt betrifft übrigens nicht nur das Erste Orchester“, versichert der HVG-Vorsitzende Wolfgang Matt. Der Verein eint unter seinem Dach schließlich auch ein Schüler- und Jugendorchester sowie die Youngsters und ein Freizeitorchester. Wenn diesmal der Nachwuchs also nicht beim Frühjahrskonzert dabei ist, hat das einzig und allein den Grund, dass das Ensemble sein 25-Jahr-Jubiläum feiert. Zu kurz kommen sollen die Schüler und Jugendlichen deswegen aber nicht. Im Gegenteil: Ihnen gehört die Bühne in der Kirche in Winzerhausen am Freitag,12. Mai, von 19.30 Uhr an ganz allein.

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