Die Freitagsreportage Armut ist das Einzige, was es im Überfluss gibt

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Helene Hördt geht mit zwei Kindern durch die verschneiten Straßen von Zsobok spazieren. Foto: Dominik Thewes

Marbach/Zsobok - Es ist der unbändige Wille zu helfen, der die Kräfte mobilisiert. Dem Mann am Steuer ist jedenfalls nicht anzumerken, dass er bereits den gesamten Freitag und den halben Samstag auf den Beinen war, um Weihnachtspakete für Waisenkinder zu verladen. Pause? Fehlanzeige! Kaum ist die Klappe des Lasters verschlossen, fordert Günther Burk, der Vorsitzende der Fördervereins Kinderheim Zsobok, seine Mitreisenden Annett Marchand, Leiterin der Murrer Lindenschule, Helene Hördt, Betriebsratsvorsitzende der Firma Gegenbauer, Förderverein-Vorstandsmitglied Wolfgang Braun und mich auch schon dazu auf, einzusteigen in den Kleinbus, der die Vorhut bildet. Die Crew des frisch beladenen Lastwagens übernachtet noch einmal in Murr, bevor sich der Fahrlehrer Peter Uhl, Michael Messner, Chef der Transportfirma HTL und der Förderverein-Stellvertreter Horst Stegmaier am Sonntag mit den Hilfsgütern auf den Weg machen.

Bis Budapest ist unsere Reise erträglich. Aber seit Budapest gleicht sie einer Rutschpartie. Doch trotz der offensichtlichen Gefahr durch die Eisglätte hat uns vier Begleiter längst der Schlaf übermannt. Ist es also doch Günther Burks unermüdlicher Wille zu helfen, der ihn immer weiter vorantreibt? Jedenfalls löst der 62-Jährige das unausgesprochene Versprechen ein, uns heil durch die Nacht zu bringen.

Mehr als 1000 Weihnachtspakete hat der Verein in diesem Jahr gesammelt. „So viele wie noch nie“, ist sich Wolfgang Braun sicher, als er die Stapel in den Lastwagen wandern sieht. Jedes Päckchen wird die Augen eines Bedürftigen zum Leuchten bringen. Denn die Pakete kommen nicht nur den derzeit 66 Kindern im Heim zu Gute. Verteilt wird die Ware in allen Dörfer, die zur nächst größeren Verwaltungseinheit Almas gehören. Insgesamt leben in der Region rund 2000 Menschen. „Dabei dürfen wir laut Satzung unseres Vereins nicht nur den Kindern helfen, sondern allen Armen“, erklärt Günther Burk. Und Armut ist so ziemlich das einzige, woran es den zu einer ungarischen Minderheit gehörenden Rumänen nicht mangelt.

Da ist zum Beispiel die Familie, die etwas abseits von Zsobok im Stall eines Schäfers Unterschlupf gefunden hat. Sie lebt unter einfachsten Verhältnissen, profitiert aber wenigstens von den Wärme spendenden Tieren. Anders als die Familie in der Dorfmitte, deren Hauswand eingestürzt ist. Eine Plane schützt zwar vor Blicken von außen, hält aber nicht die Kälte fern, die unermüdlich reindrückt. Derzeit hat es in Zsobok etwa zehn Grad minus.

Aber es gibt auch Fortschritt. Der Schulleiter István Gal öffnet für die Gäste aus Deutschland sein ehemaliges Haus. Je nach Sichtweise hat er dort in der Küche gebadet oder im Badezimmer gekocht. Der Herd steht direkt neben der Wanne, in einem Raum, der nicht viel mehr als fünf Quadratmeter groß sein dürfte. Doch konnte er inzwischen immerhin so viel von seinem Monatslohn von 250 Euro zurücklegen, dass er mit dem Anbau beginnen konnte.

Es wird dauern, bis dieser fertig ist. So lange ist die Familie zu den Schwiegereltern gezogen. Wann immer es finanziell möglich ist, geht es auf der Baustelle ein Stück weiter. Sobald er also zurückziehen kann, erwartet István Gal und seine Familie ein gemütliches Heim.

Daraus ergibt sich allerdings auch ein Problem, das den Förderverein Kinderheim Zsobok direkt betrifft. Denn anders als in vielen umliegenden Gemeinden haben die Menschen in Zsobok – auch Dank der Hilfe des Vereins – angefangen, ihre Substanz nicht weiter dem Verfall preiszugeben, sondern sie wieder aufzubauen. In 25 Jahren ist somit einiges neu entstanden. Was den Leitspruch des Vereins, die Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen, unter ein neues Licht stellt.

Es ist nämlich durchaus die Frage erlaubt, wie sinnvoll es noch ist, Berge von Wäsche nach Rumänien zu fahren. Zumal nicht alles, was wohlhabende Menschen in Deutschland in einen Kleidersack stecken, auch tatsächlich dort hineingehört. „Wir bräuchten weniger, aber dafür bessere Sachen“, sagt eine der Lehrerinnen der zum Kinderheim gehörenden Schule hinter vorgehaltener Hand. Auch wünsche sie sich manchmal eine bedarfsgerechtere Hilfe.

Eine Meinung, die der stellvertretende Bürgermeister István Gal Maté nicht unbedingt teilt. „Die Kleider helfen uns“, lautet sein Urteil. Schließlich werde in Zsobok verteilt, was die Kinder nötig hätten, der Rest werde auf Kleidermärkten verkauft. „Beim letzten Mal haben wir so Erlöse von 1000 Euro erzielt.“ Es soll aber auch schon Verkäufe gegeben haben, bei denen die doppelte Summe in die Heimkasse gespült wurde. Und was keine Abnehmer fände, erhielten die Allerärmsten, die selbst bei diesen niedrigen Temperaturen in Badeschlappen und löchrigen Pullovern an den Straßenrändern zu sehen sind.

Durch solche Erlöse, weitere Spenden und auswärtiger Expertise werden für die Kinder manche Träume wahr. Zum Beispiel der, im Kinderheim nicht mehr frieren zu müssen. Dafür sorgte der Umstieg von einer Öl- auf eine Holzheizung. „Seither gibt es drei Waschtage in der Woche“, berichtet die Heimleiterin Elisabeth Ruzsa. Früher stand nur an einem Tag pro Woche heißes Wasser zur Verfügung. Weil das Heim zudem in diesem Winter günstig an Holz gekommen ist, sind die Zimmer der Kinder und die Gemeinschaftsräume tagsüber durchgehend geheizt.

Das alles fasst Günther Burk in der Formel zusammen: „Wenn es dem Kinderheim gut geht, geht es der Region gut.“ So erklärt sich der Fördervereinsvorsitzende, weshalb die Einbrüche und Diebstähle abgenommen hätten. Die Menschen aus den entfernteren Dörfern seien sich bewusst, dass sie keine Hilfe mehr zu erwarten hätten, wenn sie versuchten, sich ihren Teil vom Kuchen selbst zu holen.

Der Letzte, der sich in die eigenen Taschen gewirtschaftet haben soll, war übrigens selbst in oberer Ebene für das Kinderheim zuständig. Dass er seinen Platz inzwischen geräumt und ein Nachfolger installiert ist, ist nicht zuletzt das Werk des Fördervereins. „Ich muss in Deutschland sagen können, wer welches Päckchen erhalten hat“, sagt Günther Burk. Dieses Vertrauen sei nicht mehr gegeben gewesen. „Jetzt sind Leute an den Schaltstellen, die für die nötige Transparenz sorgen“, sagt Günther Burk.

Einer von ihnen könnte schon bald der noch junge Pfarrer Istvan Zsolt sein, der neu in der Gemeinde ist und zum ersten Mal das Krippenspiel am Montagabend verantwortet. Mehr als anderthalb Stunden dauert die Weihnachtsgeschichte, die von den Kindern und Jugendlichen aufgeführt wird. Dabei hat sich der Schauspielernachwuchs nicht nur lange Passagen ungarischer Texte auswendig merken müssen, auch deutsche Gedichte und Lieder tragen sie zu Ehren ihrer Gäste vor. Schulleiterin Annett Marchand zeigt sich beeindruckt. „Solche Textmengen sind eine ziemliche Leistung“, sagt sie.

Allerdings hegt nicht zuletzt auch sie ihre Zweifel daran, ob es tatsächlich reine Freude ist, wenn in den Tagen nach der Feier 39 der 66 Kinder des Heims zu Familienangehörigen dürften. Zwar sind diejenigen, die bleiben müssen, offenbar traurig darüber, keine Angehörigen mehr zu haben. Jedoch hat sich bei den anderen Kindern das Jugendamt nicht grundlos in die Familien eingeschaltet und dafür gesorgt, dass sie im Heim eine bessere Zukunft haben. Die sie auch der Arbeit des Fördervereins zu verdanken haben.

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