Bottwartal Schwäbisch-australische Breddleskunst

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Gronauer Schreiner und Großbottwarer Auswanderer tüfteln am perfekten Stand-Up-Board aus Holz. Foto: Michael Raubold

Bottwartal - Peter Meyer und Axel Kiefer kennen sich von klein auf, als Handballer beim SKV Oberstenfeld und dem TV Großbottwar traten sie oft gegeneinander an. „Wir waren besser“, sagt Peter und grinst. Doch noch etwas außer dem Handballspielen verbindet den heute 52 Jahre alten Meyer und den 55-jährigen Kiefer: Peter ist Schreinermeister, Axel hat Holzmechaniker gelernt. Während Peter Meyer heute seine Schreinerei in Gronau führt, wurde aus Axel Kiefer erst ein Programmierer. 1998 wanderte er dann mit seiner Frau nach Australien aus. Vereint waren sie wieder bei einem Urlaub 2016 am Strand bei Busselton, südlich von Perth, ganz im Westen Australiens gelegen. Dass die Menschen hier Wassersport lieben und in allen denk- und für uns undenkbaren Varianten betreiben, überrascht bei den fast endlos wirkenden Küsten nicht.

Als Peter einen Aussie aufrecht auf seinem segellosen Board im Wasser stehen sieht, nur mit einem Paddel in der Hand, sagt er zu seinem Freund: „Axel, das brauchen wir auch!“ Der Auswanderer pflichtet ihm daraufhin bei: „Fürs Surfen sind wir sowieso zu alt!“

Da die aufblasbaren Boards, die dort zu sehen sind, jedoch bei Wellengang oder Strömungen sichtlich keinen sonderlich sicheren Stand verschaffen für das Stand-Up-Paddling (SUP), wie der Spaß bezeichnet wird, ist den beiden klar: Ihr Board soll stabiler sein. „Ich dachte als Schreiner einfach, man könnte es doch aus Holz bauen“, sagt Peter Meyer. Aus einer Laune wird ein Einfall und ein Plan, es beginnt nun eine monatelange Tüftelei.

In der Gronauer Schreinerei Peter Meyer stemmt der Hausherr heute das gute Stück in die Luft: „Des wiegt fascht nix“, freut er sich. Ihr Erstling brachte noch viel zu viel auf die Waage, „man konnte es kaum heben“ mit seinen 25 Kilo, erinnert sich Meyer. Nun ist alles perfekt: „Damit kann’sch so richtig in die Wellen gehen!“

In der Werkstatt liegt der Duft von frisch gesägtem Holz in der Luft. Konstruiert ist das Board in der Endausführung nach einer Anleitung, die Hobbytüftler aus den USA kostenlos im Internet zum Download anbieten. Die Pläne haben Meyer und Kiefer so angepasst, dass die Einzelteile von der CNC-Maschine in der Gronauer Werkstatt automatisch gefertigt werden können. „Schwierig war es, die Rundung und den Radius hinzukriegen“, erklärt Axel Kiefer. Es brauche schon eine ordentliche Zeichnung als Ausgangsbasis.

Im Kern setzt sich das Breddle am Ende zusammen aus zwei großen, glatten und ovalen Platten am Stück, die einen hohlen Zwischenraum einschließen. Der wird stabilisiert durch rund 20 in Handbreite entfernt voneinander eingezogene, gelochte Zwischenwände. Das sind so genannte Spunde. In der Gronauer Werkstatt ist der Entstehungsprozess gerade zu sehen: Acht Spunde, in Schraubzwingen mit schwarz-roten Griffen eingespannt, sind schon in Reih und Glied auf der späteren Unterseite eines Boards aufgeleimt, das gerade im Entstehen ist. Ein Dutzend weitere der wie ein Haar dem anderen gleichenden Bauteile liegt schon dahinter bereit.

Als ihr Erstling fertig war, luden die beiden Freunde und ihre Familien zur Taufe an einen nahe gelegenen See, zerschlugen eine Sektflasche. Peter Meyer strahlt, als er die Geschichte erzählt: Sogar ein Hund war an Bord, als er zum ersten Mal mit seinem Paddel in die Wasseroberfläche stach. Die Jungfernfahrt gelang, weckte jugendlichen Ehrgeiz bei den Freunden, die über den Handball zusammengekommen waren. Heute bietet Peter Meyer im eigenen Webshop unter www.breddlesbauer.de sowohl ein komplettes Board als auch zwei Bausätze an. Für den kommenden Juli plant er zudem einen Workshop, bei dem die Teilnehmer ihre Boards unter Anleitung zusammenleimen.

„Es ist schon ein tolles Gefühl, auf dem Board zu stehen“, schwärmt Wahl-Aussie Axel Kiefer. Das wollen sie jetzt am Neckar demonstrieren, schnappen sich kurzerhand ein Board aus der Werkstatt, laden es in das blaue Busle der Schreinerei. Die Holz-Oberfläche glänzt im Sonnenlicht. Das Board wird am Ende der Produktion mit Eboxidharz und Gewebefasern überzogen, ein Klarlack bildet am Ende die oberste Schicht.

Am öffentlichem Anleger unweit des Bootshauses in Marbach in Richtung des Energieparks angekommen, sind Meyer und Kiefer nicht allein: Der Möglinger Rudolf Leimann ist zum ersten Mal hier, hat sein Rennbrett aus Carbon aber schon wieder auf den Dachträger gepackt. Das hiesige renaturierte Teilstück des Neckars ist als Einstiegsstelle bei Stand-Up-Paddlern inzwischen so bekannt wie beliebt. Ingenieur Rudolf Leimann betreibt das Stand-Up-Paddling als Ausgleich zum Büroalltag, fährt aber inzwischen sogar Amateurrennen. In 14 Kilometern auf dem Chiemsee um die Fraueninsel ist er so etwa schon um die Wette gepaddelt. Als Peter Meyer ihm vorschlägt, mal das Holzbrettle zu testen, lässt sich Leimann nicht zweimal bitten. Er legt die Fußfessel an, die das gute Stück nach einem Sturz am Abtreiben hindert, setzt einen Fuß auf das leicht nach unten tauchende Brett, den zweiten daneben, sticht das Paddel kräftig ins Wasser und ist fast schon auf der Flussmitte angekommen. „Der will halt Tempo fahren“, sagt Peter zu Axel. Selbst sind sie mehr Genusspaddler, inspiriert von australischer Lockerheit eben.

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