Bottwartal/Leichtathletik Ein Rekordmann repräsentiert das Bottwartal

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Bei großen Lauf-Events wie hier in Berlin begeistert Arne Gabius die Zuschauer. Foto: dpa

Großbottwar - Mit einer Zeit von 2 Stunden, 8 Minuten und 33 Sekunden hält Arne Gabius seit einem Jahr den deutschen Rekord auf der Marathondistanz. In Frankfurt gelang ihm das Kunststück, einen 27 Jahre alten Rekord um 14 Sekunden zu unterbieten. Den heute 35-Jährigen machte das zum Leichtathleten des Jahres 2015. Zuvor hatte Arne Gabius bei der EM 2012 in Helsinki Silber über 5000 Meter geholt und 17 Deutsche Meisterschaften auf verschiedenen Distanzen erreicht. Und der Profisportler will mehr: Sobald er wieder richtig fit ist, möchte er den Marathon-Rekord noch mal unterbieten – dann aber unter der Flagge des Teams TherapieReha Bottwartal aus Großbottwar, bei dem er seit gestern unter Vertrag steht.

Als Nordlicht aus Hamburg starten Sie von nun an für ein Team aus dem Bottwartal. Wie kommt’s?
Die Verbindung kam über Jürgen Siegele vom Reha- und Therapie-Zentrum Bottwartal zustande, der mich als Physiotherapeut betreut. Er wurde mir während meines Medizin-Studiums in Tübingen empfohlen. Und von meinem Wohnort Stuttgart-Stammheim ist seine Praxis ja schnell zu erreichen. Wir kommen nicht nur fachlich sondern auch menschlich sehr gut miteinander aus. Er hat mich zum Beispiel zum Marathon in London oder zu meinem Rekordlauf in Frankfurt begleitet. Da ich einen neuen Verein gesucht habe und er längerfristig einen Reha-Arzt sucht, bot sich dieser Schritt an. So werde ich nach meiner sportlichen Laufbahn ins Berufsleben als Arzt einsteigen können. Für uns beide ist das also eine Win-win-Situation.
Seit Sommer setzt Sie eine Schambeinentzündung außer Gefecht. Wann kehren Sie wieder an die Startlinie zurück?
Die Verletzung ist beinahe auskuriert. Für den Silvesterlauf am Samstag in Backnang hat mir nur eine Woche gefehlt, sonst wäre ich gestartet. Ich darf kein Risiko eingehen, damit die Entzündung auch wirklich komplett heilt. Meinen nächsten Marathon werde ich im April in Hannover absolvieren. Vorher nehme ich sicherlich noch an Läufen über kürzere Distanzen teil.
Ihre Verletzung verhinderte, dass Sie in Rio erstmals bei Olympischen Spielen starten. Haben Sie diesen Schmerz überwunden?
Ja, damit habe ich abgeschlossen. Vier Wochen vor dem Wettkampf war klar, dass ich nicht werde starten können. Da war die Akkreditierung schon fertig, die Flüge gebucht, selbst eingekleidet war ich schon. Die Probleme sind aber schon im Juli aufgetreten und so habe ich frühzeitig versucht, mich mit der Situation vertraut zu machen, dass ich eventuell nicht dabei sein kann. Das war eine neue Erfahrung, schließlich ist das meine erste größere Verletzung in 20 Jahren Leistungssport. Ich habe mir den Marathon dann im Fernsehen angesehen, um die Geschichte abzuhaken. Und ich habe ich mir neue Ziele gesteckt.
Bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio wären Sie 39 Jahre alt. Ein realistisches Ziel?
Ja, da möchte ich auf jeden Fall dabei sein. Dank des Fortschritts bei Schuhen und der Trainingssteuerung sind heutzutage viele Marathonläufer über 40 Jahre alt. Ich denke dennoch, dass ich in etwa vier Jahren mit dem Leistungssport aufhören werde. Jetzt kommt es mir aber zunächst darauf an, nach dem halben Jahr Pause in einen Lauf-Rhythmus zu kommen und in Hannover die WM-Norm zu laufen. Die WM findet im August in London statt. Auch sonst habe ich richtig Lust auf die großen Lauf-Events in Boston, New York oder Berlin. Und meinen Rekord auf der Marathonstrecke möchte ich unterbieten. Ein oder zwei Minuten schneller, das ist möglich.
Wie sieht Ihr Alltag aus, um diese Ziele erreichen zu können?
Mit meiner Frau stehe ich um 7 Uhr auf. Wenn Sie um Acht zur Arbeit geht, absolviere ich meine erste Einheit über 15 bis 20 Kilometer. Die laufe ich in 57, 58 Minuten. Danach geht es zur Physiotherapie und Gymnastik. Zur Regeneration gehört ein Mittagsschlaf, um die zweite Trainingseinheit schaffen zu können und damit diese wirksam ist. Denn ohne Regeneration läuft man oft ‚tote Kilometer’. Die zweite Einheit geht über zehn bis 15 Kilometer, sodass ich am Tag auf 30 Kilometer komme. Wenn ich nachmittags einen schnellen Tempolauf mache, ist der Tag auch schnell vorüber. Danach bin ich froh, wenn ich überhaupt noch kochen kann. Das geht täglich so, außer ich bin angeschlagen. Dazu kommen die Büroarbeit, da ich als Profisportler selbstständig bin, und die Fortbildungen in der Medizin. Und zweimal im Jahr bin ich für drei bis vier Wochen in Kenia. Dort gibt es viele gute Trainingspartner.
Wie sieht Ihre Ernährung aus?
Seit 20 Jahren bin ich Vegetarier, esse und verarbeite frisches Obst und Gemüse. Ich bin aber niemand, der bekehren möchte. Möchte jemand Cola trinken oder rauchen, soll er das tun. Das ist jedem selbst überlassen.
Seit 2011 sind Sie Ihr eigener Trainer. Welche Vorteile bringt das?
Die Freiheit, die Trainingssteuerung selbst übernehmen und gewohnte Bahnen verlassen zu können. Ich gehe da gerne meinen eigenen Weg, was anfangs belächelt wurde. Heute sehe ich es als mit meinen größten Erfolg an, dass es funktioniert.
Der Lohn für das harte Training sind die Erfolge. Was ging in Ihnen vor, als Sie den deutschen Marathon-Rekord geknackt haben?
Ich war vor allem erleichtert, da ich auf den letzten Kilometern nicht wusste, wie meine Zeit ist. Erst als ich auf der Zielgeraden die Uhr sah, wusste ich: es reicht! Davor hatte ich mir gedanklich schon ausgemalt, dass ich die Uhr erblicken werde, und die Rekordzeit gerade in diesem Moment überboten ist. Das war dann zum Glück nicht so, nachdem mir im Vorjahr ja nur 35 Sekunden zum Rekord gefehlt hatten.
Was fasziniert Sie an diesem Sport?
Auch wenn das mancher bei der Dopingdebatte anders sieht: Für mich ist das ein ehrlicher Sport. Ohne Training gelingen dir keine Wunderzeiten. Du kannst beim Wettkampf nur das abrufen, was du trainiert hast. Einen sehr guten Läufer zeichnet aus, dass er nicht zu viel trainiert, die richtige Balance findet. Dazu bedarf es eines extrem guten Körpergefühls. Das alles herauszufinden ist für mich faszinierend.
Dürfen sich auf Ihre Leistungen auch Zuschauer im Bottwartal freuen?
Möglicherweise werde ich beim Bottwartal-Marathon über zehn Kilometer starten, als Vorbereitung auf andere Wettkämpfe. Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, nach dem Ende meiner Laufbahn im Leistungssport den Marathon zu laufen. Oder sogar den Ultralauf über 52 Kilometer.
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