Bottwartal Kein Futternapf bleibt leer

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Bottwartal - Kartons und Papiertüten haben eine magische Wirkung auf Katzen. Der kann sich auch Kater Maddy nicht widersetzen – und schon gar nicht, wenn es Anne Stark und Bernard Wassermann sind, die da die Treppe zur Wohnung hinaufkommen. Während Katzenkumpel Timmy skeptisch vom Schrank her das Treiben beobachtet, macht sich der schwarze Kater einfach schon mal ans Auspacken: Trockenfutter, Leckerchen, Streu, Krallenschneider…der Inhalt kann sich aus Katzensicht durchaus sehen lassen. Seit Anfang 2018 ist Maddys Besitzerin Kundin bei Willi‘s Tiertafel und damit „quasi eine der Ersten“, wie sie erklärt, während sie den beiden Helfern Kaffee einschenkt.

„Ich hatte von der Gründung der Tiertafel gehört und habe Anne einfach einmal per E-Mail angeschrieben“, erzählt die Großbottwarerin. Sie ist erwerbsunfähige Rentnerin und das Geld ist manchmal knapp. Das Angebot der Mundelsheimerin Anne Stark sei da quasi wie für sie gemacht gewesen: Die 18 Mitglieder der Tiertafel sammeln in ihrem Lager in Untergruppenbach Tierfutter, Zubehör und Medikamente und beliefern damit auf zwei Touren ihre 22 Kunden – ähnlich wie das Tafelmobil im Bottwartal. „Menschen können unerwartet in wirtschaftliche Not geraten“, weiß Bernard Wassermann: „Und das ist dann eine Katastrophe für Mensch und Tier.“ Wieso sollten dann letzten Endes nicht auch beide Hilfe bekommen?

So selbstverständlich sieht das die Besitzerin von Maddy nicht. Sie hat an diesem Nachmittag für Anne Stark und Bernard Wassermann eine Kaffeetafel gedeckt, die keine Wünsche offen lässt. Muffins und Kuchen stehen bereit, Kaffee und Tee gibt es je nach Wunsch dazu: „Das ist einfach meine Art ‚Danke‘ zu sagen.“

Da sie früher als Bürofachkraft gearbeitet hat, ist sie auch fit was Word und Excel angeht. So hat sie für die Tiertafel etwa auch eine Lagerliste angefertigt. „Und das nehmen wir dann auch gerne als Gegenhilfe an“, erklärt Anne Stark. Denn die Tiertafel existiert gerade mal seit einem guten Jahr und befindet sich damit noch im Aufbau. Auch Kater Maddy steuert seinen Teil bei und beschmust die Besucher, die es sich im Wohnzimmer gemütlich gemacht haben. Das sind die Momente, auf die das Helferteam auch viel Wert legt, erklärt Bernard Wassermann: „Es gehört einfach dazu, dass wir auch ein persönliches Verhältnis zu den Kunden pflegen.“ Nicht nur, weil es um Menschen und das Miteinander geht, sondern auch weil so ein Vertrauensverhältnis geschaffen wird, ergänzt Anne Stark: „Das ermöglicht es uns, auch mal aktiv zu werden, wenn vielleicht etwas in der Tierhaltung nicht so gut läuft.“ Bisher sei das aber noch nirgendwo der Fall gewesen.

Die Kunden, die von der Tiertafel betreut werden, sind allesamt sehr verantwortungsbewusst im Umgang mit ihren Tieren, die einen großen Stellenwert einnehmen. Das ist tatsächlich auch in den Grundsätzen der Tiertafel verankert, so Anne Stark: „Wir unterstützen maximal drei Tiere pro Haushalt.“ Fälle von Animal-Hoarding werden so nicht gefördert. Zum anderen sind auch einfach die Mittel des Vereins begrenzt „und wir wollen so vielen wie möglich helfen“. Aktuell stehen im Monat rund 300 Kilogramm Futter zur Verfügung, von denen 50 Tiere satt werden müssen. Wer ebenfalls Unterstützung sucht, kommt aktuell auf eine Warteliste. Daher suchen Anne Stark und ihr Team dringend nach weiteren Helfern und Unterstützern, die Geld- oder Sachspenden beziehungsweise Arbeitskraft beisteuern können. Sie sei sehr froh, dass einige Geschäfte sie unterstützen. Auch zwei Tierheilpraktiker aus Großbottwar und Sachsenheim zählen zum Helferkreis.

Deren Rat hat auch Stefanie Windmüller aus Marbach-Hörnle schon gebraucht. Ihre Hündin Frieda, die an diesem Samstag gemeinsam mit Hundekumpel Rocky schon vor dem Haus auf die Tiertafel wartet, leidet unter einer Wirbelsäulen-Arthrose. „Die Tiertafel war in dieser Situation eine große Unterstützung für mich“, erklärt die 33-Jährige. Mit pflanzlichen Schmerzmitteln und Teufelskralle hat sie ihrem Hund helfen können – und der rennt gleich, wie zum Beweis, im Affenzahn mit Bernard Wassermanns Hund Scooby über die Wiese zum eigenen „Hundekränzchen“. Im „Fall Frieda“ hat auch das Netzwerk der Tiertafel voll gegriffen, wie Anne Stark weiß: „Eine Kundin, deren Hündin verstorben war, hat entsprechende Pellets direkt an uns weitergegeben.“ Ein Hund in Freiberg, der nur spezielles Diätfutter fressen kann, hat über die Tiertafel einen Futterpaten gefunden.

Denn auch das will die Tiertafel von Anne Stark bewirken: Hilfe zur Selbsthilfe. Zu diesem Zweck gibt es beispielsweise eine WhatsApp-Gruppe für die Kunden, und zwar ausschließlich für diese, wie Stark erklärt: „Ich bin da außen vor, damit die Leute untereinander in Kontakt treten können.“ Viele teilen nämlich dieselben Sorgen und Nöte. Aber auch Tierfotos und –videos werden ausgetauscht. „Ich schreibe zwar nicht so viel“, erklärt Stefanie Windmüller, „aber ich finde das trotzdem toll.“ Der Austausch tut gut. Jeder weiß: Ich bin nicht alleine mit meinen Problemen. Und dank der Tiertafel gibt es auch eine Sorge weniger im Leben der Kunden. „Gott sei Dank“, stellt Windmüller dazu fest. Denn die Tiere bieten oft einen großen Halt im Leben ihrer Besitzer: „Rocky ist mein Seelenpartner. Er hat viel mit mir durchgestanden.“

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