Bottwartal Ein wilder Wüstenritt für Hartgesottene

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Ein Zwangsstopp in Jordanien auf der sonst reibungslos verlaufenen Rallye: Der festgefahrene Kombi muss mithilfe des VW Busses aus dem Sumpf gezogen werden.Freude nach der Ankunft als einer von vielen Viertplatzierten (von links): Lukas Bertsch, Hannes Maichle, Sabrina Müller, Kevin Arnold, David Volkmer und Stefan Auracher. Foto: The B-Team+1K

Bottwartal - Dass sie sich auf ein großes Abenteuer einlassen, das war den sechs jungen Menschen von „The B-Team+1K“ – also Bottwartal-Team + 1K – klar, als sie jüngst mit ihren drei in die Jahre gekommenen Autos bei der Europa-Orient-Rallye vom Elsass bis nach Jordanien an den Start gegangen sind. Dass sie dann unterwegs unfreiwillig sogar das jordanische Militär aufschrecken würden, war jedoch nicht absehbar. Schon gar nicht, dass sich daraus – im positiven Sinne – der unvergesslichste Abend dieser 7300 Kilometer langen Abenteuerreise entwickelte. Es ist eines von vielen Erlebnissen, das die sechs Teammitglieder aus Beilstein, Marbach und Pfedelbach bei ihrer Rückkehr quasi mit im Gepäck hatten.

„Unsere Prüfungsaufgabe war es, anhand von Koordinaten einen Checkpoint zu finden. Das war mitten in der jordanischen Wüste – am besagten Ort war aber nichts. Also sind wir auf den nächsten Berg gefahren, um nach dem Punkt Ausschau zu halten“, berichtet Kevin Arnold. Dass sich auf dem Berg ein kugelförmiges Gebäude befand, schreckte das Team nicht ab. „Wir dachten, dass das dort, im Nirgendwo, ein Observatorium ist“, sagt er. Als dann aber ein Militärjeep angerast kam und ein bewaffneter Mann ausstieg, war den Abenteurern klar: Sterne werden hier keine beobachtet. Stattdessen stellte sich heraus, dass es sich um eine Radarstation der jordanischen Luftwaffe handelt. „Zäune gab es nur teilweise, Hinweisschilder gar keine“, sagt der Beilsteiner Hannes Maichle. Während nun auch die anderen Rallye-Teams den Berg ansteuerten, im festen Glauben, dort befindet sich der Checkpoint, sandte das Militär Verstärkung. So wurden letztlich zwölf Rallye-Autos, höflich aber bestimmt, von drei Militärfahrzeugen hinunter ins Tal begleitet.

„Das hat uns einen Tag gekostet“, fügt Stefan Auracher, ebenfalls aus Beilstein, schmunzelnd an. Jedoch einen, der in Erinnerung bleiben wird. Denn auch die anderen Teams fanden den Checkpoint nicht. Letztlich kamen all die Teilnehmer inmitten der Wüste zusammen – und warfen alle Lebensmittel, die sie noch bei sich hatten, in einen großen Topf. Linsen, Ravioli, Bohnen. So entwickelte sich am letzten Abend der Reise, umgeben von einem Kreis der bunten Autos, nicht nur ein Abendessen in großer Runde und besonderer Umgebung, sondern auch eine Party bis in die Nacht. Samt Lagerfeuer und Gitarrenmusik. „Das war der beste Abend von allen. Da hat man die anderen Teilnehmer erst richtig kennengelernt“, schwärmt Kevin.

Nach dem Überqueren der Alpen, der Fahrt entlang der Mittelmeerküste bis nach Istanbul, das Durchqueren der Türkei, dem Verschiffen der Autos nach Israel sowie der letzten Etappe nach Jordanien erreichten die Bottwartäler am Folgetag das Ziel in Amman. Die Strecke hatten die Abenteurer bestritten, ohne Autobahnen und Navigationsgeräte genutzt zu haben – so wollen es die Spielregeln der Europa-Orient-Rallye.

In der jordanischen Hauptstadt hieß es dann Abschied nehmen von Hugo, Bes-i (türkisch für fünf-i) und Kalle dem Kamel. Gefährten, mit denen sie viel erlebt hatten. Gemeint sind die drei Fahrzeuge des Teams Bottwartal+1K: ein Audi A4, ein BMW 5i und ein VW Bus. Alle mit reichlich Laufleistung auf dem Tacho und buntem Graffiti auf der Karosserie. Die Wagen hatte das Team für die Rallye günstig erstanden und unter anderem mit Matratzen für die Übernachtungen präpariert (wir berichteten) – nun wurden sie vor Ort für den guten Zweck abgegeben. Und zwar um 1.30 Uhr in der Nacht – bevor um 4 Uhr der Flug zurück nach Deutschland ging. „Die Autos haben gut durchgehalten. Nur der BMW hatte gleich dreimal einen Platten“, sagt Stefan. Ansonsten galt es eher, bei anderen Teams den Schraubenschlüssel zu drehen und mit anzupacken. „Bei Pannen haben sich die Teilnehmer gegenseitig geholfen. Das war ein richtig guter Austausch“, meint die Beilsteinerin Sabrina Müller.

Auch innerhalb des Bottwartal-Teams sei noch alles in Butter, versichert sie lachend. Keine Selbstverständlichkeit, nachdem die Sechs jede Minute der drei Wochen gemeinsam verbracht haben, ohne jegliche Privatsphäre. „Wir sind noch Freude“, schmunzelt Sabrina. Angenehm sei es auch gewesen, mal ohne Fernsehen und oft ohne Handyempfang auszukommen.

Mit Einheimischen kamen die Bottwartäler nur vereinzelt in Kontakt. „Die, die wir kennenlernten, waren aber extrem freundlich und haben uns oft Trinken angeboten“, so Hannes. In der Türkei wurde die Gruppe zum Fladenbrot-Verzehr eingeladen. Zuvor in Griechenland hatte sie zudem ein SOS-Kinderdorf besucht, für das sie Sachspenden im Gepäck hatte und in dem sie mit den Kindern ein trojanisches Pferd baute. Dies war eine der Rallye-Prüfungen – und diese wurde kurzerhand gemeinsam mit den Heimkindern umgesetzt.

Andere Aufgaben waren es, Kronkorken zu sammeln – hier kam das B-Team+1K auf 22 000 Stück! – und Cevapcici während der Fahrt im Motorraum zu garen. Kein Hexenwerk bei den sowieso hitzigen Lufttemperaturen. „Bei Tel Aviv hat der BMW mal 45,5 Grad Celsius angezeigt“, hat Stefan beobachtet. Auch nachts sei es oft 35 Grad warm gewesen.

Kein Wunder, dass die Klimaanlagen stets angeschaltet waren. Und im VW Bus, dem eine solche fehlte, wurde eben die Heizung bei aufgedrehtem Gebläse auf 20 Grad Celsius gestellt. „Das ging auch. Sobald wir aber an einer Ampel halten mussten, wurde es drückend warm“, beschreibt Hannes. Eine unfreiwillige Abkühlung in Jordanien ging dabei schief: Der BMW musste vom VW befreit werden, nachdem er sich in der Wüste im einzigen Weiher weit und breit festgefahren hatte. Als wenig angenehm stellten sich die vielen Fliegen heraus, die im Nahen Osten ein ständiger Begleiter waren. „Die sind viel aggressiver und penetranter als hier“, beschreibt Hannes.

Die schönen Erinnerungen dieses dreiwöchigen Trips überwiegen aber natürlich deutlich. Schließlich hat das Team auch Ecken besucht, die sonst kein Tourist zu sehen bekommt. Für Kevin Arnold ist dennoch klar: Diese Strapazen reichen ihm für ein paar Jahre. „Im nächsten Urlaub will ich mich einfach nur hinlegen“, sagt er lachend. Anders bei Stefan Auracher und Sabrina Müller: Sie können sich gut vorstellen, bald wieder an der Europa-Orient-Rallye oder anderes Rallyes teilzunehmen. Dann vielleicht mit dem Motorrad.

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