Blickwinkel Nie ohne Held

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Dominik Thewes Foto: mz

Marbach - Die grausamen Details der Story wollen wir dem geneigten Zeitungsleser nicht zumuten. Aber im Grunde läuft die Sache so: Der Königssohn imitiert die Zauberformel und verschafft sich so Zugang zum Turm, dort trifft er das reizende Mädchen, die beiden verlieben sich, sie werden unschön von der Hexe getrennt, die das Mädchen gefangen hält, und finden am Ende – wie könnte es anders sein – doch noch zusammen.

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Nun war in unserer Geschichte der positive Ausgang keineswegs so vorhersehbar wie im Grimm’schen Märchen von Rapunzel. Wäre statt Redakteur Andreas Hennings ein anderer Kollege in die Rolle des Königssohnes geschlüpft, wer weiß, ob sich das Türchen zu dem kleinen Turm in der Grabenstraße jemals geöffnet hätte. „Aber schon als Schüler bin ich täglich mit dem Bus dort vorbeigefahren und habe mich gefragt, was da wohl drin ist“, erinnert sich Hennings. Ein Praktikum, ein Studium und ein Volontariat später landet also dieser ehemals neugierige Schüler als Redakteur bei der Marbacher Zeitung. Was er sich beibehalten hat ist seine Neugier und so sieht er mit der Adventsserie „Türchen öffne dich“ seine Chance gekommen, das Geheimnis des Turmes zu lüften.

Und dann das. Niemand weiß, wem der Turm gehört, ein Schlüssel ist unauffindbar! Nach der ersten Verzweiflung keimt neue Hoffnung auf. Nein, sagt sich Andreas Hennings, diese Geschichte ist nicht zu Ende, sie fängt gerade erst an. Alles, was ihr fehlt – man möge mir den Namenswitz verzeihen –, ist ein Held! Wolfgang Held, um genau zu sein. Der Spürsinn des Marbacher Polizisten ist geweckt, als er von Andreas Hennings und dem Turm hört.

Bis hierhin haben wir also zwei Königssöhne, eine uneinnehmbare Festung und ein bislang sicher geglaubtes Geheimnis. Bemerken Sie die unheimliche Annäherung an die Grimm’sche Dramaturgie?

Zumal es weitere Ungereimtheiten gibt. Warum ist die Türe zum Turm auf Brusthöhe? Wartet darin womöglich doch ein Mädchen auf seinen Prinzen? Dieser brauche nur anzuklopfen und schon werde sie – so hat sie sich das immer vorgestellt – ihr wallendes Haar zu Boden lassen, damit ihr Retter zu ihr hinaufklettern kann. Sie werden glücklich leben bis in alle Tage, in Ruhe gelassen von der Hexe und von Kinderreichtum gesegnet. Das wäre die übliche Schwarz-Weiß-Variante vieler Märchen Grimm’scher Prägung. Doch das Leben kennt alle Schattierungen von Grau. Und so war auch in dem Türmchen vor allem Beton zu finden. Doch lesen Sie selbst!

Aber weil das Ende immer gut ist: Andreas Hennings hat seine Prinzessin nicht in einem verlassenen Turm, sondern an einem sogar ziemlich belebten (Nicht-)Ort gefunden. Sie ist aus Liebe geblieben, nicht aus Verpflichtung. Und der Held ist weiter im Namen der Gerechtigkeit unterwegs.

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