Benningen Zeugnisse der Flucht

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Ein solches Hemd kann in Togo schon Grund für eine Haftstrafe sein. Foto: Frank Wittmer

Benningen - Was bringen die Neuankömmlinge mit, die nach ihrer Flucht hier Asyl suchen? Viele kommen mit sprichwörtlich nichts als den Kleidern auf dem Leib. Fast alles an materiellen Dingen muss zurückgelassen werden. In der neuen Sonderausstellung im Benninger Museum im Adler „Heimat neu denken“ sind solche Exponate zu sehen: Eine Hose, die sich Ali aus Afghanistan in Griechenland gekauft hat. Eine rote Jacke, die Phahed bei seiner Flucht aus Syrien getragen hat.

Dass ein Kleidungsstück selbst Anlass für die Flucht war, ist ungewöhnlich: John aus Togo hat den Ausstellungsmachern ein Hemd mit dem Foto eines ermordeten Oppositionellen überlassen. „Das ist ein Grund in Togo, ins Gefängnis zu kommen. Und da geht es nicht wie auf dem Hohenasperg zu“, berichtet Christiane Mussler vom Arbeitskreis Asyl, die die Interviews mit den Geflüchteten geführt hat.

„Mit sehr viel Feingefühl“ sind so sieben Geschichten zustande gekommen, freut sich Museumsleiterin Christina Vollmer. „Viele hatten Angst und wollten sich nicht fotografieren lassen. Manche Vitrinen sind daher einfach leer.“ Andere wie Bahouz aus Syrien haben dem Museum ihre wichtigste Habe zur Verfügung gestellt. „Die Original-Dokumente nimmt niemand auf die Flucht mit.“ Bahouz konnte sich wichtige Dinge wie eine Studienbescheinigung nachschicken lassen. Geld oder ein Taschentuch, das man in Syrien auf einer Busfahrt bekommt, werden zu Erinnerungsstücken.

Die Ausstellung soll zum Nachdenken anregen. Deshalb ist der Bogen zu den Heimatvertriebenen und Gastarbeitern wichtig, die in früheren Jahrzehnten fremd hier angekommen sind und eine neue Heimat gefunden haben. Professor Reinhold Weber von der Landeszentrale für politische Bildung, der in Benningen wohnt, hat zur Konzeption der Ausstellung einiges beigetragen und wird am Donnerstag, 17. November, um 19.30 Uhr den Vortrag „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ halten.

Das beliebte Spiel „Ich packe meinen Koffer“ bekommt in einer Ecke der kleinen Sonderschau einen besonderen Stellenwert: Nachzudenken, was man selbst auf eine Flucht mitnehmen würde. Auch was Heimat bedeuten kann, dürfen die Besucher auf eine Stellwand schreiben.

„Ja ich fühle mich hier in Benningen schon ein wenig heimisch“, hat Phahed festgestellt. „Ich kenne mich überall aus, das ist mein Zuhause.“ Der Syrer hat ein Lied aus seiner Heimat mit Bildern von Krieg und Zerstörung unterlegt. Die Collage ist ebenso zu sehen wie ein Film über die Ankunft von Heimatvertriebenen aus dem Kreisarchiv. John fühlt sich in Benningen ebenfalls zu Hause: „Hier ist es ruhig und freundlich.“ Für Bahouz steht fest: „Meine Heimat ist meine Mutter, die mich geboren hat. Aber ich habe eine zweite Mutter, die sich jetzt um mich kümmert, die heißt Deutschland.“

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